Gudrun Pennitz: Selbstverteidigung statt Unterstützung?

Sehr geehrte Schulleitung,

‚41 Übergriffe auf steirische Lehrer‘, so lautet heute die Überschrift der Kleinen Zeitung. […] Sowohl Schüler als auch Eltern sollen Lehrer an diversen Schulen attackiert und verletzt haben […] Diese Entwicklung ist besorgniserregend und ich biete Ihnen meine Unterstützung an.

Diese Sätze habe ich einem Mail entnommen, das vor Weihnachten auf meinem Bildschirm landete. Es stammt weder von der Bildungsdirektion noch vom Bildungsministerium noch von sonstiger behördlicher Seite, sondern von einem privaten Anbieter von Selbstverteidigungskursen. Der findige Mann wittert wohl ein neues lukratives Geschäftsmodell, denn wer sollte seiner Meinung nach LehrerInnen vor tätlichen Angriffen besser schützen als sie sich selber?

Soll das alles gewesen sein an öffentlichen Reaktionen darauf, dass nun die Anzahl der körperlichen Übergriffe auf Österreichs Lehrkräfte gezählt und dokumentiert auf dem Tisch liegt? Ein „10%-Rabatt auf Selbstverteidigungskurse für Lehrperson, Direktion und Hauswart“?!?

Es scheint so zu sein. Bald verschwand das „Randthema“ Gewalt gegenüber LehrerInnen wieder aus den Medien. Was bleibt, sind ein bitterer Nachgeschmack und meine Erwartung, dass das nicht weniger bedrohliche Szenario der physischen und psychischen Gewalt unter SchülerInnen sehr wohl ein Dauerthema bleibt, wenn nicht endlich durchgegriffen wird.

Die Schule wird immer öfter zur Gefahrenzone. Allein in Wien kam es im Schuljahr 2017/18 zu 258 angezeigten Delikten“, konnte man Mitte Dezember in Österreichs auflagenstärksten Zeitung lesen. (1)

An Österreichs Schulen kommt es im internationalen Vergleich zu sehr viel physischer und psychischer Gewalt, sehr viel Unterrichtszeit fällt Disziplinlosigkeit zum Opfer“, beklagte Gerhard Riegler, Vorsitzender der ÖPU, vor zehn Monaten nicht zum ersten Mal. (2) Seit Jahren weisen betroffene Lehrkräfte, Personalvertretung sowie Gewerkschaft darauf hin, dass es nichts mit reaktionärer Rohrstaberlpädagogik zu tun hat, wenn man Respekt und Rücksichtnahme durch verbindliche Regeln im schulischen Miteinander sicherstellen möchte. Es braucht Regeln, deren Verletzung auch spürbare Konsequenzen nach sich zieht, nicht nur zahnlose „Verhaltensvereinbarungen“.

Es geht schließlich um ein sicheres Umfeld für ALLE Beteiligten. Die Auswirkungen von Disziplinlosigkeit auf der einen und mangelnder Unterstützung auf der anderen Seite können nämlich dramatisch ausfallen:

The lack of pedagogical support staff is also of concern considering the apparent problem of bullying in schools. According to data from the World Health Organization’s (WHO) Health Behaviour in School-aged Children survey for 2009/10, 40 % of children aged 11, 13 and 15 reported having been bullied at school at least once in the past couple of months.“ (3)

Österreichs letzter Platz beim Supportpersonal an Schulen ist hinlänglich bekannt und oft schon von Seiten der Standesvertretung angeprangert worden. 60,7 % beträgt laut OECD der Anteil der 15-Jährigen in Österreich, deren Schulleitung den Unterricht „to some extent” oder „a lot” durch den Mangel an Supportpersonal als behindert bezeichnet. (4)

Doch nichts geschieht. Die beschämende Ursache dafür liegt am Fehlen von zusätzlichen Ressourcen, die dafür natürlich notwendig wären. Die Politik darf die Sicherheit von Österreichs SchülerInnen und LehrerInnen keinesfalls Anbietern von Selbstverteidigungskursen überlassen. Nie darf es so weit kommen, dass die Gewalt in unseren Klassenzimmern Alltag wird!

(1) Messerstich in Schule: Das war kein Einzelfall! In: Krone online vom 13. Dezember 2019.

(2) Gerhard Riegler, Die Stunde der Wahrheit. In: QUINtessenzen vom 23. März 2018.

(3) OECD (Hrsg.), OECD Reviews of School Resources – Austria (2016), S, 176.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results (Volume II): Policies and Practices for Successful Schools (2016), Tabelle II.6.14.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gudrun Pennitz: Selbstverteidigung statt Unterstützung?

  1. Supportpersonal:

    Da hätte ich gerne gewusst, wie das überhaupt geht?

    Was für Qualifikationen braucht man als „Supportpersonal“? Ist das ein Job für arbeitslose Psychologinnen oder eher für arbeitslose Securities? Braucht man dafür eine pädagogische Ausbildung?

    Wie sieht es mit der dienstrechtlichen Stellung aus? Über 1.000 AMS-Trainerinnen sind unlängst gekündigt worden – wackeln die Posten des „Supportpersonals“ genauso? Wer stellt „Supportpersonal“ an – wo bewirbt man/frau sich? Wie schaut die besoldungsmäßige Einstufung aus? Oder ist das vielleicht so wie bei den 24-Stunden-Pflegerinnen (auch eine Art von „Supportpersonal“) – lauter Einzelunternehmerinnen mit unwürdiger Bezahlung? Damit verbunden die Frage: Ist die Direktorin die dienstrechtliche Vorgesetzte für das „Supportpersonal“? Kann sie diesfalls Weisungen erteilen?

    Zählt eigentlich die Zweitlehrerin in (N)MS-Klassen auch zum „Supportpersonal“? Denn für den „support“ der Erstlehrerin ist sie ja da (?)

    In meinen 40 Dienstjahren an einem Gymnasium verfügte ich über einen Schreibtisch mit ca. 80 x 40 cm Fläche, eine Schublade darunter und ein Kästchen, in dem gerade einmal die Schularbeitshefte Platz hatten. Die meinem Arbeitsplatz nächstgelegene Steckdose war vier Meter entfernt. Kabel dorthin ging natürlich nicht – da wäre ein Dutzend Kolleginnen darüber gestolpert. Sind es solche Arbeitsbedingungen, auf die sich „Supportpersonal“ einstellen muss?

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