Gudrun Pennitz: Die Büchse der Pandora

Nennen wir ihn Max.

Max mag es nicht, wenn sich die Lehrerin länger als fünf Minuten anderen Kindern zuwendet. Wenn er ihr nicht ins Wort fallen darf, ist er beleidigt. Zur Höchstform läuft er aber erst auf, wenn seine Vorschläge, wie man den Unterricht noch unterhaltsamer gestalten könnte, abgelehnt werden. Dann wird er ungut.

Max ist ein ganz normales Kind, er hat es nur nicht so mit dem Einfügen in eine größere Gruppe und schon gar nicht mit dem Stillsitzen. Dafür müssen die LehrerInnen – und natürlich alle anderen Kinder in der Klasse – schon Verständnis aufbringen!

Dass störungsfreier Unterricht eine wichtige Grundlage für erfolgreiches Lernen ist, weiß man längst, doch wie soll dieser sichergestellt werden, wenn Max gerade keine Lust dazu hat? Spürbare, für das Kind unangenehme Konsequenzen, wie das einst beliebte „Nachholen versäumter Pflichten“, gelten inzwischen als pädagogisch unzeitgemäß und würden vermutlich ohnehin nicht wirken, denn Max ist ein Kind seiner Zeit. Er hat keine Pflichten. Aber er wird älter. Ob er dann sozialer sein wird?

Eine aktuelle LehrerInnen-Studie (1), durchgeführt von der PH Niederösterreich, hat erneut ergeben, dass Verhaltensauffälligkeiten von SchülerInnen zu den größten Belastungsfaktoren zählen, unter denen Lehrkräfte zu leiden haben. Dies wurde mir durch meine eigene Online-Befragung eindrucksvoll bestätigt, in der ich Österreichs AHS-LehrerInnen bat, mir die Einschätzung ihre berufliche Situation mitzuteilen, und an der Tausende KollegInnen teilnahmen: Das Verhalten der SchülerInnen im Unterricht belastet mehr als alles andere. Oft dauert es zehn Minuten und länger, bis sich die Klasse einigermaßen ruhig verhält und der eigentliche Unterricht endlich begonnen werden kann. Rechnet man diese Zeit auf ein Schuljahr hoch, so entgeht den SchülerInnen, die lernwillig sind, und selbstverständlich auch den anderen sehr viel Unterrichtszeit!

Viel zu lange mussten wir uns damit abfinden, dass das Thema von Seiten der Politik und der Schulbehörden abgetan wurde, die Schuld ausnahmslos den LehrerInnen selbst „in die Schuhe geschoben“ wurde. Ich werte es als Skandal, dass sich die Situation beinahe zwanzig Jahre nach Erscheinen der Studie „LehrerIn 2000“ (2), in der sich auffälliges Verhalten und mangelnde Disziplin von SchülerInnen mit großem Abstand als höchste berufsbedingte Belastung erwiesen, kein bisschen verbessert hat. Zwei Jahrzehnte, in denen von der Politik nichts dagegen unternommen wurde, in denen weggeschaut, beschönigt, beschwichtigt wurde.

Doch inzwischen wurde das Internet erfunden, und nun kursieren Handy-Videos von außer Rand und Band geratenen Schulklassen und zum Äußersten getriebenen LehrerInnen im Netz. Diese Büchse der Pandora lässt sich nicht mehr schließen, das penetrante Wegschauen von Politik und Behörden hindert die Bevölkerung nicht mehr daran, die Zustände zu sehen. Das vom Bildungsministerium eilig vorgestellte Maßnahmenpaket gegen Gewalt an Schulen ist ein Anfang, aber am Ende des Tages wird es viel mehr geben müssen, vor allem Unterstützungspersonal. Auch im Gymnasium, denn dort lauert schon Max …

(1) Mag. Dr. Jörg Spenger u. a., Under pressure. Berufsvollzugsprobleme und Belastungen von Lehrpersonen. Eine empirische Studie. (2019).

(2) SORA Institute for Social Research and Analysis (Hrsg.), LehrerIn 2000. Arbeitszeit, Zufriedenheit, Beanspruchungen und Gesundheit der LehrerInnen in Österreich (2000).

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gudrun Pennitz: Die Büchse der Pandora

  1. In diesem Text habe ich nichts gefunden, was für mich irgendwie neu gewesen wäre.

    Interessieren würde mich dagegen z.B. eine Stellungnahme einer Vertretungsperson der Lehrerschaft zum Thema Time-out-Klassen:
    Wie genau soll so etwas funktionieren? Wie kann der Fachunterricht in der Time-out-Zeit gewährleistet werden? Wie soll man z.B. einem Schüler mit Russisch als Fremdsprache seine Russisch-Stunden in der Time-out-Zeit garantieren? Selbst wenn man ihm einen eigenen Russisch-Lehrer stellt, dann geht das stundenplantechnisch ja nur in der Zeit, wo seine Time-out-Kollegen ihre eigene zweite Fremdsprache haben, also Spanisch, Französisch, Latein: Das muss ja ein Horror für jeden Administrator sein, Lehrer aus verschiedenen Schulen gleichzeitig an einem Ort zu versammeln, wenn unterm Jahr ein neuer Stundenplan in mehrere bestehende integriert werden muss.
    Was ist mit einem Schüler aus einem Sportgymnasium, der viele Stunden in einer Turnhalle braucht? Steht der dann alleine in einer Turnhalle (die extra für ihn frei gemacht wurde) mit einem Privatlehrer? (Immerhin ist das ein typenbildender Gegenstand.) Wo findet man leere Turnhallen?
    Wie funktionieren die (verpflichtenden) Schularbeiten und die Notengebung während der Time-out-Zeit?
    Oder wird da nur auf soziale Kompetenzen gemacht? – Aber was ist dann mit dem dann versäumten Stoff und den Jahresnoten?
    Woher kommen die Time-out-Lehrer? Brauchen die eine Extraqualifikation? Und welche Direktorin wird sich freuen, wenn eine ganze Time-out-Klasse ihre eigene Schule kontaminiert?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.