Schlagwort-Archive: Bildungsausgaben

Gerhard Riegler: Die Bildungspolitik braucht eine Reform

Am Montag ist das schon drei Tage zuvor den Medien vollmundig präsentierte „Autonomiepaket“ nun tatsächlich in Begutachtung gegangen. Wenn ich mir ansehe, was von all dem, was ursprünglich geplant war, nicht mehr enthalten ist, bin ich sehr froh und dem Verhandlungsteam der Lehrergewerkschaften sehr dankbar.

Angesichts dessen, dass unsere Schulen dringend Hilfe bräuchten, um zusätzliche Herausforderungen meistern zu können, die nicht zuletzt durch politisches Versagen verursacht sind, und angesichts dessen, dass in diesem riesigen Paket kein bisschen Hilfe zu finden ist, packt mich allerdings die Wut. „Was jetzt gemacht wird, geht an den Kernproblemen des Bildungswesens um Lichtjahre vorbei“, lautet die Diagnose des ehemaligen Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Mag. Dr. Kurt Scholz, mit der er mir aus dem Herzen spricht. (1)

Am Dienstag ist „unsere“ Ministerin mit einer Aussage in die Öffentlichkeit getreten, die ich, um höflich zu bleiben, als Entgleisung bezeichne: „Wir haben eines der teuersten Schulsysteme im OECD-Vergleich, schneiden bei internationalen Testungen aber maximal durchschnittlich ab. Das zeigt ganz klar, dass das Problem nicht am Mangel an finanziellen Mitteln liegt.“ Und das, obwohl die Ministerin ganz genau weiß, dass unserem Schulwesen im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte massiv Ressourcen entzogen wurden, obwohl sie weiß, dass Österreichs Schulwesen jährlich zwei Milliarden Euro mehr bekommen müsste, um denselben Anteil am Brutto-Inlandsprodukt nutzen zu können, der den Schulen im OECD-Mittel vergönnt ist.

Nein, BM Mag. Dr. Sonja Hammerschmid wurde nicht falsch zitiert, nein, dieser unsägliche Sager ist ihr auch nicht im Rahmen eines Interviews durch ein intellektuelles Blackout passiert. Nein, er stammt aus einer Presseaussendung, sollte also wohlüberlegt sein. (2)

Finanziert wurde diese Presseaussendung vom Bildungsministerium, dem das Geld fehlt, um zumindest die Klassenschülerhöchstzahl 25 auch nur annähernd gesetzeskonform umzusetzen. Dessen Chefin aber verspürt das Bedürfnis, unser Schulwesen als teuer und uns LehrerInnen als das Problem hinzustellen. Österreichs Schulwesen leidet tatsächlich nicht nur unter massiver Unterfinanzierung.

Dringender Reformbedarf besteht in der Bildungspolitik, nicht im Bildungswesen“, bringt es Ronald Barazon, der langjährige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, auf den Punkt. (3)

(1) Zit. n. Die Zukunft in Schwarz und Weiß. In: Kleine Zeitung vom 23. März 2017.

(2) Hammerschmid: Bildungssystem braucht moderne Pädagogik, nicht mehr Ressourcen. Presseaussendung vom 21. März 2017.

(3) Ronald Barazon, Die Vernichtung des Bildungswesens. Videokommentar vom 16. März 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

bigstock-Politician-speaking-at-the-ral-112192361_blog

  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Der Verrechnungshof

Betrachtet man das österreichische Bildungssystem, so zeigt sich, dass die Bildungsausgaben hierzulande im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind.“ (1) Mit diesen Worten charakterisierte der Präsident des Rechnungshofes in einem vor wenigen Tagen im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten Bericht die österreichische Schule. Josef Moser wurde dabei übrigens von einem weiteren „Bildungsexperten“ unterstützt: Hannes Androsch.

Comical percentages miscalculation isolated on white background

Weil das österreichische Bildungssystem so teuer sei, hat der „unabhängige Experte“ Moser (Er war ja nur von 1992 bis 2003 Direktor des FPÖ-Parlamentsklubs.) auch einen Einsparungstipp auf Lager: „Die in der Unterrichtspraxis regelmäßig aufgetretenen Dauermehrdienstleistungen legten den Schluss nahe, dass die Bundeslehrerinnen und -lehrer über die Lehrverpflichtung hinausgehend zu weiteren Unterrichtstätigkeiten bereit waren. Der Rechnungshof empfahl daher dem BMBF, die Umschichtung von Mehrdienstleistungsstunden zur Grundbeschäftigung anzustreben.“ (2) Anders ausgedrückt: Moser empfiehlt eine Erhöhung der Lehrverpflichtung.

Dass LehrerInnen lt. Gesetz gegen ihren Willen zu Überstunden verpflichtet werden können und das BMBF wegen Mangels an Planstellen die Landesschulräte sogar per Erlass seit Jahren ausdrücklich dazu auffordert, vermehrt Überstunden zu vergeben, ist dem „Bildungsexperten“ des Rechnungshofes entweder nicht bekannt, oder er agiert wider besseres Wissen. Was davon schlimmer ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Wie es mit den Finanzen im österreichischen Schulwesen wirklich aussieht, zeigt die OECD-Studie „Education at a Glance 2015“. Österreich investiert 3,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in das Schulwesen. Der OECD-Mittelwert liegt bei 3,7 %. Die pädagogisch immer wieder hochgelobten skandinavischen Länder liegen noch deutlich darüber – Finnland bei 3,9 %, Dänemark und Island gar bei 4,7 %. (3)

Österreich fehlen für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens also 0,6 % des BIP. Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

Dass der Rechnungshof von pädagogischen oder dienst- und besoldungsrechtlichen Belangen der LehrerInnen keine Ahnung hat, zeigt er immer wieder. Dass er allerdings nicht einmal sein ureigenes Geschäft beherrscht, den Umgang mit Zahlen, verblüfft doch einigermaßen, wobei ich das mit einer Mischung aus Entsetzen und Erheiterung bereits vor zwei Wochen festgestellt habe:

In einem Bericht beziffert der Rechnungshof die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS mit 7.496, an der Hauptschule mit 6.725 und an der AHS-Unterstufe mit 4.815 Euro und zieht daraus folgenden Schluss: „Im Vergleich waren die Lehrerpersonalkosten je Schüler an den AHS–Unterstufen nach wie vor am geringsten. Im Schuljahr 2013/2014 war der bundesweite Durchschnittswert um rd. 56 % geringer als jener der NMS bzw. um rd. 40 % geringer als jener der Hauptschulen.“ (5) Tatsächlich waren aber die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS um 56 % und an der Hauptschule um 40 % höher als an der AHS.

Wer an den einfachsten Hürden der Prozentrechnung scheitert, schafft bei uns kaum die zweite Klasse, geschweige denn die Mathematikmatura. Für einen Job beim Verrechnungshof reicht es aber offensichtlich allemal.

(1) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung – Vorschläge des Rechnungshofes für Reformen im Bildungsbereich (Mai 2016), S. 7.

(2) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung, S. 45.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Rechnungshof (Hrsg.), Modellversuche Neue Mittelschule; Follow–up–Überprüfung (April 2016), S. 194.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Nicht ums Verrecken

Der Bundeskanzler träumte in seiner „Osterbotschaft“ von einer „massiven“ Veränderung der Lehrverpflichtung zur Budgetsanierung. (1)

Breaking The Bank

Reaktionen folgten schnell. Auf politischer Ebene stellte der niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka in einer Presseaussendung mit dem Titel „Lehrerbashing löst kein einziges Problem“ zu Recht fest, dass die öffentlich Bediensteten „angesichts der Flüchtlingssituation im Besonderen gefordert sind. Gerade die Lehrerinnen und Lehrer haben dabei viel zu schultern“. (2) Auch die niederösterreichische Bundesrätin Sandra Kern kritisierte die Äußerungen des Bundeskanzlers. Er „dürfte wohl noch immer nicht verstanden haben, dass mit diesem unbedachten Populismus keinem Schulkind und schon gar nicht unserem Bildungssystem geholfen ist.“ (3)

Paul Kimberger, Vorsitzender der ARGE LehrerInnen in der GÖD, wurde in der „Presse“ so wiedergegeben: „Das ist ein Affront, eine riesengroße Sauerei […] Es ist eine Aussage der übelsten Sorte – allertiefste Schublade. Dort befindet er sich eh in guter Gesellschaft mit Michael Häupl […] Wenn Faymann glaubt, dass er den Boden erneut für eine Einsparungsdiskussion auf Kosten der Lehrer aufbereiten kann, dann hat er sich getäuscht.“ Von mir war folgende Bewertung des Kanzlers zu lesen: Dass er Lehrerbashing betreibt, zeugt von seiner politischen Qualität“, sagt Eckehard Quin zur „Presse“. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Lehrer durch den Flüchtlingsstrom vor besonderes großen Herausforderungen stehen, eine Debatte über die Arbeitszeit zu beginnen, zeuge von einem „unheimlich großen Populismus, um am Stammtisch zu gewinnen“.“ (4) Und gefragt nach den Möglichkeiten des Kanzlers, die 550 Millionen Euro-Lücke im Unterrichtsbudget zu schließen, meinte ich: „Wenn dem Kanzler nichts anderes einfällt als Lehrerbashing, dann wäre er einzusparen.“ (5)

Natürlich ist damit das Budgetproblem nicht gelöst. „Der Vorsitzende der Gewerkschaft der AHS-Lehrer, Eckehard Quin, hat zuletzt vor schwarzen Lehrervertretern [Anm.: beim Bundeslehrertag in Linz vor ca. 1.200 Personen] seinem Unmut darüber Luft gemacht, dass das Budget für 2016 im Herbst des vergangenen Jahres mit einer Unterdotierung beschlossen wurde. „Ich finde es schon eine Chuzpe, wenn der Nationalrat ein Budget beschließt, wenn er weiß, dass beim Unterricht eine halbe Milliarde Fehlbedarf ist.“ Dabei wisse jeder, dass das mit den geplanten Mitteln nicht zu schaffen sei. „Es geht nicht ums Verrecken“, warnte er.“ (6)

Ich habe einen recht simplen Lösungsansatz, den hoffentlich alle EntscheidungsträgerInnen verstehen: Das durch die Finanzierung von Pleitebanken verursachte Budgetdefizit betrug 2015 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (7) Das ist so viel Geld, wie Österreichs Schulwesen fehlt, um das OECD-Mittel zu erreichen (3,1 gegenüber 3,7 Prozent). (8) 0,6 Prozent des BIP sind fast 2 Milliarden Euro. Damit ließe sich tatsächlich ein pipifeines Schulsystem realisieren.

Die Bundesregierung muss sich wohl die Frage gefallen lassen, ob ihr die Finanzierung einer Bankenpleite tatsächlich mehr wert ist als die Bildung unserer Kinder. Ich glaube, die Antwort zu kennen.

(1) Siehe Oliver Pink, Faymann: „Sehr gespanntes Verhältnis zu Merkel“. In: Presse online vom 26. März 2016.

(2) NÖAAB-Sobotka zu Faymann: Lehrerbashing löst kein einziges Problem. Presseaussendung vom 28. März 2016.

(3) Kern/Quin: Populismus hat im Bildungssystem nichts verloren – Lehrerschaft verdient Respekt und Wertschätzung. Presseaussendung vom 30. März 2016.

(4) Julia Neuhauser, Mehr Arbeit für Lehrer: „Ein Affront, eine riesengroße Sauerei“. In: Presse online vom 29. März 2016.

(5) a.a.O.

(6) Karl Ettinger, 550-Millionenloch im Schulbudget. In: Presse online vom 6. März 2016.

(7) Schellings Coup: Österreich am Weg zum „echten Nulldefizit“. In: Trend online vom 31. März 2016.

(8) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Die sinkende Qualität

Wie abstrus die Behauptung des „Bildungsexperten“ Dr. Salcher ist, Österreich habe „mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union mit der Tendenz, dass es unfinanzierbar wird“ (1), habe ich in meinem Kommentar vom 25. September aufgezeigt. Was Dr. Salcher aber mit seiner anschließenden Behauptung, dass unser Schulwesen „in der Qualität sinkt“, gemeint hat, frage ich mich bis heute.

bigstock-Quality-Control-Failed-61141277_blog

  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen die wenigsten SchülerInnen ihre Schullaufbahn beenden, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II geschafft zu haben? In Finnland ist deren Anteil um mehr als ein Drittel größer, in Italien, dessen Gesamtschulwesen von manchen „BildungsexpertInnen“ als Vorbild propagiert wird, sogar mehr als doppelt so groß. (2)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich unter allen achtundzwanzig EU-Staaten mit 10,8 % hinter Deutschland die zweitniedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist, während sie im hochgelobten Finnland bereits auf 23,7 %, in Italien sogar auf über 40 % gestiegen ist? (3)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass in Österreich, Gott sei Dank, nur 9,6 % der 20- bis 24-Jährigen als NEETs („Not in Education, Employment and Training“) auf der Straße stehen, während es in Finnland um die Hälfte mehr und in Italien mit 32,0 % sogar mehr als drei Mal so viele sind? (4)

Das und vieles mehr wird erreicht, obwohl Österreichs Schulwesen zusätzlich zu allen anderen Aufgaben seit Jahren durch die Migration mit Herausforderungen konfrontiert ist, wie sie in dieser Dimension in kaum einem anderen OECD-Staat gegeben sind, und trotz der Tatsache, dass Österreichs LehrerInnen so wenig Supportpersonal zur Seite haben, wie dies in keinem anderen Staat der Fall ist.

Oder sind Dr. Salchers einzige Qualitätsindikatoren PISA-Platzierungen? Und selbst da läge er daneben, wie Mag. Dr. Eckehard Quin in seinem „Faktencheck“ vom 4. Oktober eindrucksvoll dargelegt hat. (5)

Wenn Österreichs Politik auf „BildungsexpertInnen“ setzt, denen es an Wissen oder Ehrlichkeit fehlt, sinken die Chancen der Jugend unseres Landes, sich auch in Zukunft in einer privilegierten Situation zu befinden, um die sie von Gleichaltrigen anderer Staaten beneidet wird. Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann hat es vor einem Jahr in der „Wiener Zeitung“ überaus höflich formuliert: „Bei den von mir kritisierten Bildungsexperten ist der wissenschaftliche Status mitunter ja etwas uneindeutig.“ (6)

Ich möchte Liessmanns Aussage mit einer optimistischen Einschätzung ergänzen: „Die Qualität ihrer Beiträge zur sogenannten „Bildungsdiskussion“ aber kann eindeutig nicht mehr sinken.“ Hoffentlich werde ich nicht eines Besseren belehrt!

(1) Dr. Andreas Salcher, €co, ORF 2 am 17. September 2015.

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 30. September 2015.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(5) Eckehard Quin, Faktencheck. In: QUINtessenzen vom 4. Oktober 2015.

(6) Bettina Figl, Interview mit Konrad Paul Liessmann: „Die ideale Schule wäre eine Katastrophe“. In: Wiener Zeitung online vom 9. Oktober 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

Faktencheck

Wir brauchen eine Bildungsoffensive, dass unsere Schulen im PISA-Rating in der Mitte, dass sie wiederum nach vorne kommen.“ So formulierte es heute der WIFO-Chef Prof. Mag. Dr. Karl Aiginger in der ORF-Pressestunde.

fact or myth fiction true

Ich erlaube mir, diese Aussage einem „Faktencheck“ zu unterziehen. Bei PISA 2012, dem letzten PISA-Durchgang, stand Mathematik im Fokus der Überprüfung. Österreich belegte dabei

  • unter allen 65 an PISA 2012 teilnehmenden Staaten und Volkswirtschaften den 18. Rang,
  • unter allen 34 OECD-Staaten den 11. Rang,
  • unter den 27 an PISA teilnehmenden EU-Staaten den 7. Rang. (1)

Als Wirtschaftswissenschafter wird Aiginger wohl nicht behaupten wollen, dass diese Platzierungen „in der Mitte“ oder gar unter der Mitte liegen. Ich vermute vielmehr, dass er einfach das nachplappert, was viele PolitikerInnen und JournalistInnen seit Jahren gebetsmühlenartig von sich geben. Richtiger wird es deshalb allerdings nicht.

Ähnlich hartnäckig hält sich ja auch die Mär, Österreichs Schulwesen wäre im internationalen Vergleich furchtbar teuer. Tatsache ist vielmehr, dass Österreich mit seinen Ausgaben von 3,6 Prozent des BIP unter dem OECD-Mittel (3,9 %) und weit hinter skandinavischen Staaten liegt (Norwegen 4,9 %, Dänemark 4,4 %, Finnland 4,1 %). (2) Würden wir in dieser Hinsicht nur OECD-Mittelmaß erreichen wollen, müsste jährlich rund eine Milliarde Euro zusätzlich ins österreichische Schulwesen investiert werden. (3)

Aber schon Alfred Polgar wusste: „Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2012. Ergebnisse im Fokus (2013), S. 5.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2.

(3) Vom OECD-Mittel trennen uns 0,3 Prozent des BIP. Österreichs BIP betrug 2014 329,3 Milliarden Euro. Siehe dazu http://www.statistik.at/web_de/statistiken/wirtschaft/volkswirtschaftliche_gesamtrechnungen/bruttoinlandsprodukt_und_hauptaggregate/jahresdaten/index.html.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

Gerhard Riegler: Vorsätze …

Ich habe mir während der Sommerferien vorgenommen, mich im neuen Schuljahr nicht durch jeden Unfug, der dahergeredet wird, provozieren zu lassen und sattsam bekannten „BildungsexpertInnen“ in ihren Parallelwelten möglichst wenig Beachtung zu schenken. Ein Vorsatz …

bigstock-New-Year-goals--resolutions-c-55063118_blog

Als ich am Donnerstag der Vorwoche im €co-Journal Dr. Andreas Salcher seine Weisheiten von sich geben sah, war es vorbei mit meinem Vorsatz. Was Österreichs „Bildungsexperte Nr. 1“ im Brustton der Überzeugung dozierte, ist derart weit von der Realität entfernt, dass es meine Selbstbeherrschung überforderte.

Ich zitiere Dr. Salcher:

Wir haben mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union mit der Tendenz, dass es unfinanzierbar wird. […] Das heißt einfach, dass dieses System in den Kosten explodiert und in der Qualität aber sinkt.“ (1)

Die Realität kann jeder lesekompetente Mensch nachlesen:

  1. Österreich hat keineswegs „das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union. Unter den 20 EU-Staaten, zu denen die aktuellste Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance“ (2) Angaben liefert, belegt Österreich mit einem Anteil von nur 3,6 Prozent des BIP für das Schulwesen den elften Platz. Den größten Anteil des BIP investieren in ihr Schulwesen Großbritannien, Irland, Belgien und Dänemark.
  2. Die Kosten für unser Schulwesen „explodieren“ keineswegs. Ganz im Gegenteil! Der Anteil des BIP, der Österreichs Schulwesen zur Verfügung gestellt wird, ist seit 1995 um 15 Prozent gesunken, während er im selben Zeitraum im OECD-Mittel um 7 Prozent erhöht wurde und inzwischen deutlich über dem Österreichs liegt. (3)

Drei brisante Fragen stellen sich mir angesichts dessen:

  1. Kennt der ORF wirklich niemanden, der zu Österreichs Schulwesen kompetenter Auskunft geben kann als Dr. Salcher?
  2. Warum hat der ORF in diesem Fall auf den „Fakten-Check“, der die Aussagen als wahrheitswidrig erwiesen hätte, verzichtet?
  3. Gibt es einen Auftraggeber für wahrheitswidrige Aussagen, die in der Öffentlichkeit die Stimmung für ein weiteres Sparen auf Kosten unseres Schulwesens aufbereiten sollen?

Meinen Vorsatz will ich zumindest insofern einhalten, dass ich mich nicht mehr frage, ob Dr. Salcher selber glaubt, was er sagt.

(1) Dr. Andreas Salcher, €co, ORF 2 am 17. September 2015

(2) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014: OECD Indicators (2014), Table B.2.2.

(3) ibidem

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar