Gerhard Riegler: Ende der Märchenstunde?

Seit Jahren steuere ich für fast jede Ausgabe der Zeitung „gymnasium“, des Printmediums der AHS-Gewerkschaft, eine Seite unter dem Titel „facts statt fakes“ bei, um auf ihr unsinnigen Aussagen aus prominentem Mund mit Fakten entgegenzutreten, die jene als Unsinn entlarven. Selbstverständlich stets unter Angabe der Quellen, um die Fakten überprüfbar zu machen.

An haarsträubend unsinnigen Aussagen fehlte es – leider – nie. Um nur einige in Erinnerung zu rufen:

  • Da glaubte ein ehemaliger Finanzminister, „das österreichische Bildungssystem auf allen Stufen als zu teuer“ bezeichnen zu müssen. (1)
  • Da behauptete ein aus Medien sattsam bekannter „Bildungsexperte“, Österreich habe „mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union“. (2)
  • Da glaubte bzw. behauptete derselbe „Bildungsexperte“, Österreich habe „im internationalen Vergleich erschreckend hohe Drop-out-Raten“. (3)
  • Da behauptete ein ehemaliger Bildungssprecher, „inzwischen seit vielen Jahren“ zu wissen, dass in Ländern mit Gesamtschule „die Chance für Kinder, einen höheren Bildungsgrad als ihre Eltern zu erlangen, um ein Vielfaches größer“ sei als in Österreich. (4)
  • Da meinte ein Soziologe, der der Bildungspolitik immer wieder „gute“ Ratschläge erteilt, Österreich habe „sehr kleine Klassen“. (5)
  • Da verkündete eine Unterrichtsministerin, Österreich habe „eines der teuersten Schulsysteme“. (6)

Während ich für frühere Ausgaben von „facts statt fakes“ aus mehreren leicht zu widerlegenden Aussagen auswählen musste, wurden abstruse Aussagen zu Österreichs Schulwesen aus prominentem Mund zuletzt selten.

Dies liegt sicher an einem Bildungsminister, dem wissenschaftliche Evidenz bisher wichtiger war als der schnelle dumpfe Sager, der am Tag darauf der österreichischen Bevölkerung via Medien als Faktum verkauft wird. Dies liegt aber sicher auch an der Tatsache, dass unsinnige Behauptungen leichter denn je widerlegt werden können, dass bildungswissenschaftliche Evidenz via Smartphone immer griffbereit ist, dass, wer Faktenwidriges behauptet, Gefahr läuft, an Ort und Stelle mit Fakten widerlegt zu werden.

Dafür, dass sich die Anzahl der Einträge auf www.bildungswissenschaft.at im Lauf des letzten Jahres von etwa 3000 auf etwa 6000 verdoppelt hat, sei der steirischen Mandatarin im Zentralausschuss AHS Mag. Gudrun Pennitz, ohne deren enormen Einsatz es diesen Schatz an Daten und Zitaten nicht gäbe, herzlich gedankt.

(1) Hannes Androsch, Neue Zürcher Zeitung vom 9. November 2011.

(2) Andreas Salcher, Eco, ORF 2 am 17. September 2015.

(3) Andreas Salcher, Tiroler Tageszeitung vom 19. Juni 2014.

(4) Harald Walser, damals Bildungssprecher der Grünen, Die Presse online am 17. Februar 2015.

(5) Johann Bacher, Die Presse online am 4. Jänner 2017.

(6) Sonja Hammerschmid, Kurier online am 31. März 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Ende der Märchenstunde?

  1. Da ist nirgendwo etwas zu hören, dass es bei der Englisch-Zentralmatura heuer Probleme gegeben hätte.

    Facts: 24,3% Sehr gut, 29,8% Gut, 23,1% Befriedigend, 20,8% Genügend, 2% Nicht genügend (8% vor den Kompensationsprüfungen).
    Dass es mehr Sehr gut und Gut gibt als Befriedigend widerspricht einfach der Gaußschen Normalverteilung – die bei einem derartig riesigen Sample von 20.000 SchülerInnen vorliegen müsste. (In Deutsch ist dagegen das Befriedigend sowohl an AHS mit 31,7% als auch an BHS mit 34,6% Spitzenreiter). Und zwölf Sehr gut auf ein Nicht genügend in Englisch ist ein Witz. (Das ist übrigens in Deutsch noch viel ärger: Dort steht es 21 : 1 an AHS und 19 : 1 an BHS.)

    Aber Probleme haben wir höchstens in Mathematik. Ende der Märchenstunde.

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