Auf dem Holzweg?

Diese Woche gab es, wenn man von der in Österreich leider weit verbreiteten Verwechslung von Schul- und Bildungsbudget absieht, eine durchaus erfreuliche Meldung: „Das Bildungsbudget steigt im kommenden Jahr um knapp 600 Millionen Euro auf 9,8 Milliarden Euro.“ (1) Überrascht wurde ich beim Weiterlesen: „Der Löwenanteil der Kosten aufgrund neuer Schwerpunktsetzungen entfällt auf die Ausgabe von Laptops beziehungsweise Tablets im Zuge der Digitalisierungsoffensive.“ Schon 2021 sollen „235 Millionen Euro ausgegeben werden – vor allem für die Ausstattung der Schüler mit Laptops oder Tablets. Gleich im ersten Jahr sollen Schüler der fünften und sechsten Schulstufe gegen einen sozial gestaffelten Selbstbehalt die digitalen Endgeräte erhalten.“ (2)

Ich kann das nicht wirklich glauben. Die beiden genannten Schulstufen werden von rund 170.000 SchülerInnen besucht. Wenn nun „Laptops oder Tablets“ „gegen einen sozial gestaffelten Selbstbehalt“ angeboten werden, werden wohl manche darauf verzichten, weil sie ohnehin ein Gerät zur Verfügung haben. Andererseits erzielt man Einnahmen durch den Selbstbehalt. Aber selbst, wenn am Ende des Tages 100.000 Geräte um 500 Euro angeschafft werden, macht das „nur“ 50 Millionen aus.

235 Millionen Euro sind eine Menge Geld, bei der sich Fragen wie diese aufdrängen:

  • Wieviel würde es kosten, den Schulen bei Freigegenständen und Unverbindlichen Übungen wieder den Spielraum zu geben, den sie vor 30 Jahren hatten?
  • Wie hoch sind die Budgetmittel, die in Österreichs Schulwesen für gezielte Begabungs- und Begabtenförderung bzw. zur Defizitkompensation zur Verfügung stehen?
  • Wie viel würde es kosten, den SchülerInnen wieder all die Unterrichtszeit zurückzugeben, um die man sie in mehreren Wellen „entlastet“ hat?

Ein paar Fakten kann ich liefern:

  • Um 235 Millionen Euro könnte man rund 3.700 LehrerInnen zusätzlich beschäftigen. Zum Vergleich: Im Burgenland gibt es derzeit insgesamt keine 4.000 LehrerInnen. (3)
  • Bei der Einführung der Deutschförderklassen 2018 hieß es in der Darstellung der finanziellen Auswirkungen dieser Maßnahme wörtlich: „Im Bundesfinanzrahmen war die Bedeckung von Sprachstartgruppen und Sprachförderkursen seit deren Vollausbau im Jahr 2008 durchgehend vorhanden. Die Deutschförderklassen verursachen demgegenüber keinen Mehraufwand, weshalb die Bedeckung in den DB 30.02.01 (Allgemein bildende Pflichtschulen) und DB 30.02.02 (AHS-Unterstufe) gegeben ist.“ (4) Anders ausgedrückt: zusätzliche Mittel 0 Euro.
  • Der verpflichtende Ethikunterricht für alle SchülerInnen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, und den man sich für die Unterstufe nicht leisten kann, kostet in der Oberstufe 2021 4 Millionen Euro, im Vollausbau 2026 47,6 Millionen Euro pro Jahr. (5)

Ich bin davon überzeugt, dass Schule SchülerInnen auch digitale Kompetenzen vermitteln muss, aber mir blutet das Herz, wenn ich lese, dass hier Unsummen für Endgeräte ausgegeben werden sollen: „It is noteworthy that students attending schools with more computers per student scored lower in the PISA assessment than their peers in schools with fewer computers per student“, wird in einer jüngst publizierten Studie zu PISA 2018 festgehalten. (6) Ob die Politik da nicht auf dem Holzweg ist?

(1) Das Budget im Detail. In: Wiener Zeitung online vom 14. Oktober 2020.

(2) Ebenda.

(3) Siehe BMBWF (Hrsg.), Statistisches Taschenbuch – Schule und Erwachsenenbildung 2018 (Stand vom 11. September 2020), S. 44.

(4) Siehe Wirkungsorientierte Folgenabschätzung zum Entwurf eines Bundesgesetzes, mit dem das Schulorganisationsgesetz, das Schulunterrichtsgesetz und das Schulpflichtgesetz 1985 geändert werden, vom 13. März 2018, S. 6.

(5) Siehe Vorblatt zum Entwurf eines Bundesgesetzes, mit dem das Schulorganisationsgesetz und das Land- und forstwirtschaftliche Bundesschulgesetz geändert werden, vom 22. Mai 2020, S. 1.

(6) OECD (Hrsg.), PISA 2018 Results (Volume V): Effective Policies, Successful Schools (29. September 2020), S. 192.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Auf dem Holzweg?

  1. Diese Aussagen teile ich vollinhaltlich. Ein Beispiel: In Französisch hatten wir vor Jahren um ca. 70 Stunden mehr (5 Stunden in der 5. Klasse) und müssen n jetzt bis zur Maura mit viel weniger Stunden das Niveau B1 erreichen. In Deutsch wurden uns Stunden weggenommen, und dann wundert man sich, dass viele junge Leute nur eine geringe Lesekompetenz und Defizite hinsichtlich Sprachrichtigkeit haben. In vielen anderen Fächern verhält es sich ähnlich. Dazu kommt, dass man Leistung im eigentlichen sinn nicht mehr oder nur mehr begrenzt verlangen darf und/oder kann, weil die Leistungsbereitschaft stark gesunken ist.
    Begabte fördern. Was ist das? Unverinbdliche Übungen wie z. B. „Kommunikation“ oder eine „Schreibwerkstatt“ gibt es nicht, weil etwa eine Sportklasse viele Werteinheiten auffrisst und für anderes keine Mittel vorhanden sind, obwohl anderes vielleicht wichtiger wäre als Sport. Ich will den Sport nicht verteufeln, im Gegenteil, ich betreibe selbst Sport, aber überbewerten sollte man ihn auch nicht, wie so vieles andere, das von der Gesellschaft auf die Schule abgewälzt wird.
    Allen Schülern gtratis oder extrem billig Laptops zukommen zu lassen, ist ein „Humbug“, denn viele Eltern könnten sich sehr wohl ein solches Gerät leisten, wenn nicht das Denken, dass die Allgemeinheit alles zur Verfügung stellen muss, beherrschend wäre und man etwa auf Luxusreisen, teure Schiurlaube oder das stets neueste Smartphone verzichten würde. Für solche Geräte haben die meisten Eltern auf jeden Fall das Geld, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder.
    ich bin 60 und hatte vieles von dem, was heute als selbstverständlich betrachtet wird, nicht und lebe trotzdem, und das nicht schlecht. Ich musste auf so manches verzichten und für Extrawünsche sparen, aber heute gilt man als arm, wenn man nicht alles hat, was viele für lebenswichtig halten, ohne zu bedenken, was wirklich lebenswichtig ist.

    Mit freundlichem Gruß
    Mag. Gabriele Haider
    BG/BRG Zwettl

  2. Als Antwort zu Koll.Haider: ich kann dem Gesagten nur voll zustimmen…ich lasse die Schüler öfters im Unterricht (PH/CH) online per smartphone nachsehen (z.b. Energiewerte von Lebensmitteln, bestimmte Stoffe, ihre Formel und Verwendung). Des öfteren habe ich die gefundenen Bilder, Kurztexte von den Schülern vor der Klasse vorzeigen und erklären lassen (unter Anleitung/Mithilfe). Es ist aber unumgänglich, danach zu besprechen, was gefunden wurde, ob es stimmt (ungefähr, teilweise, gar nicht) und auch woher man das alles hat(website) – in der Regel sind bei diesen online-recherchen diejenigen schnell, die gut lesen können und das Gespür haben Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden…das Unterrichtsgerüst wird an der Tafel / Papier – jedenfalls zentral durch mich – vorgegeben. Alles andere bringt meiner Meinung nach nichts, wenn es Extrafragen gibt können mich die Schüler ja fragen (bis zu einem gewissen Grad mach ich da mit) – Trotzdem: ohne üben, wiederholen, anwenden und selber wiedergeben lernt man nichts, das steht für mich fest.

    Mag.Klaus Wartmann
    HTL Krems

  3. Stelle einen Unbedarften in eine bestens ausgerüstete, mit hochmodernen Geräten ausgestattete Tischlerwerkstätte, und er wird eine tolle Einbauküche produzieren – oder eppa net? – Natürlich ist digitale Kompetenz etwas für die heute Zeit Essentielles und eine diesbezügliche Forcierung wird unumgänglich sein; ohne didaktisches geeignetes Konzept dahinter wird man aber erfahrungsgemäß rigoros scheitern. Der oben zitierte Anwärter auf die Tischlerlehre wird mit einem reinen Gerätepark nichts ausrichten können, wenn es ihm am Werkzeuggebrauch mangelt. Analog dazu genügt es nicht, den Schülern Notebooks, Tablets, etc. in die Hand zu drücken und zu hoffen, „dass alles gut wird“. Warum ich den Vergleich mit der Tischlerwerkstatt verwende? – Weil auch Unterricht zum Teil ein Handwerk ist und man sozusagen Offline-Wissen besitzen muss, um damit digitale Hilfsmittel sinnvoll einsetzen zu können. Der Mathematikunterricht in der AHS-Oberstufe beispielsweise ist in den vergangenen Jahren zum Teil leider zu einer reinen Software-Schulung verkommen, was insbesondere die weiterführenden Bildungsstätten bitter beklagen. Die Verwendung einer z.B. prozessorgesteuerten Hobelmaschine wird jemand schätzen, der zuerst mit dem Handhobel umzugehen gelernt hat. Den Wert einer elektronischen Rechenhilfe wie z.B. eines Computeralgebrasystems wird dementsprechend nur schätzen können, wer zunächst gelernt hat, ein Problem mit handwerklichen Mitteln zu lösen. Solange es keine geeigneten didaktischen Hilfsmittel gibt, die beides – Handwerk und digitale Gerätschaft – sinnvoll vereint, bleibt der Einsatz von Notebook, Tabelle und Co., wie er derzeit derzeit leider oft stattfindet, einfach nur Anwendung der Anwendung willen; frei nach dem Motto: Schaut her, wie modern wir in Österreich sind!

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