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Newspeak

Don’t you see that the whole aim of Newspeak is to narrow the range of thought? In the end we shall make thought-crime literally impossible, because there will be no words in which to express it.

bigstock-145816529_blogMit diesen Worten beschreibt Syme, ein Arbeitskollege von Winston, dem Protagonisten in George Orwells „1984“, das Ziel des „Neusprechs“, und an diese Zeilen muss ich denken, wenn ich mir mache Aussagen von PolitikerInnen zum geplanten „Autonomiepaket“ ansehe.

Echte Autonomie täte der Schule sicherlich gut. Schon Kant bezeichnete in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ Autonomie als den „Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur“, und Adorno sah in ihr „die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“, wie er es in seiner „Erziehung zur Mündigkeit“ ausdrückte.

Das geplante „Autonomiepaket“ hat kurz gesagt nur ein Ziel: eine massive Machterweiterung des Unterrichtsministeriums bei gleichzeitig massiver Beschneidung der Rechte aller anderen, die bisher im Schulwesen Mitspracherechte besitzen – Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen, DirektorInnen, Länder …

Seit einer Woche kursiert auf verschiedenen Schienen eine Zusammenfassung der geplanten Maßnahmen in tabellarischer Form, die ich den geschätzten LeserInnen nicht vorenthalten möchte:

Sie nennen es Es bedeutet Warum?
mehr Autonomie weniger Mitbestimmungsrechte der Eltern und Schüler/innen, Entmachtung der Schulpartner Entscheidungen trifft der Clusterleiter alleine.
mehr Flexibilität weniger Sprachenteilungen, größere Klassen, geringeres Angebot, weniger Individualisierung, Sparpaket keine Klassenschülerhöchst- und Teilungszahlen; diese fallen auch als Basis für die Mittelzuteilung an die Schulen weg. Unterdotierung des Bildungsbudgets
mehr Sozialarbeiter weniger Lehrer/innen Wer Unterstützungspersonal braucht, muss Lehrer/innen einsparen.
Qualitätssicherung und Bildungscontrolling mehr zentrale Testungen, weniger Unterricht Zusätzliche Testungen kosten Geld und Unterrichtszeit.
mehr soziale Gerechtigkeit mehr Mittel für einige Schulen auf Kosten aller anderen Es sind keine zusätzlichen finanziellen Mittel für Brennpunktschulen vorgesehen.
Schulcluster Anonymität in Großschulen, kein Direktor vor Ort, kein SGA vor Ort, Verlust der Vielfalt Zusammenschluss von unterschiedlichen Schularten (AHS, BMHS) zu einem Cluster mit bis zu 2500 Schüler/innen unter einer Leitung
Allgemeinbildende Pflichtschule des Bundes kein Gymnasium für 10- bis 14-Jährige, keine freie Schulwahl nach der Volksschule Schulsprengelpflicht bis 14 Gesamtschule, auch gegen den Willen der Betroffenen

Als Autonomie bezeichnet man den Zustand der Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit. Wer kann sie in diesem Paket entdecken?

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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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„Geheimpapiere“

„Geheimpapiere“, über die in den Medien berichtet wird, können offensichtlich so geheim nicht sein. In der jüngsten Vergangenheit hatten wir zwei davon. Beginnen wir mit der „Sonderberichterstattung und Analyse der derzeitigen Migrationslage“ aus dem Innenministerium. (1) Sie schließt mit folgenden Worten:

Auswirkungen auf Österreich: Polizeilicher Einsatz, Bindung der exekutiven Strukturen, Personalknappheit, Gefahr der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, Ruhe und Sicherheit durch massive Bindung des Personales [sic!] zur Abwicklung der exekutiven Tätigkeiten im Zusammenhang mit illegalen Einreisen nach Österreich, Überforderung des Asyl- und Versorgungssystems

Bedrohung: Gefahr von interethnischen und interreligiösen Konflikten unter den Migranten und faktische Außerkraftsetzung der gesetzlichen Strukturen“ (2)

Lt. Aussage des Innenministeriums sei der Führungsetage „ein „Bedrohungsszenario dieser Ausprägung“ nicht bekannt. […] Wenig erfreut zeigt sich das Innenministerium, dass dieses Dokument über den Bayerische [sic!] Rundfunk an die Öffentlichkeit gekommen ist. Es sei nur eines von vielen Szenarien, das in diversen Krisenstäben tagtäglich durchgespielt würde, heißt es.“ (3)

Beim zweiten „Geheimpapier“ handelt es sich um eine Analyse der Asylkosten, angeblich erstellt für die Regierungsklausur Mitte September, über die das Ö1-Morgenjournal am Mittwoch berichtete: „Im Gesamtjahr 2015 wird mit etwa 80.000 Asylwerbern gerechnet. Was deren Betreuung kosten wird, da war die Regierung bisher mit Informationen zurückhaltend. Aber es gibt Berechnungen aus Regierungskreisen, die dem Ö1-Morgenjournal exklusiv vorliegen – und die ergeben in den nächsten vier Jahren die Summe von 12,3 Milliarden Euro.“ (4)

Das Finanzministerium „reagierte am Mittwoch in einer Aussendung im Einvernehmen mit der Regierungsspitze auf den Ö1-Bericht. „Es existiert kein geheimes Regierungspapier zu möglichen Kosten durch die Flüchtlingssituation“, heißt es darin.“ (5)

Und da wundern sich die Regierungsparteien, wenn WählerInnen massenhaft zur FPÖ abwandern? Warum diese Geheimniskrämerei? Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Und zu den in diesen „Geheimpapieren“ genannten Problemen gibt es auch alles andere als trostlose Zukunftsszenarien, die allerdings eine Politik erfordern, die zu Weitblick fähig ist und ihm ebenso mutig wie konsequent folgt.

Die Frage der Sicherheit ist mit mehr Personal zu lösen. „Durch die Einsparungsmaßnahmen der vergangenen Jahre sind keine Personalreserven mehr vorhanden und alle Kolleginnen und Kollegen, auch jene, die nicht unmittelbar mit der Flüchtlingsproblematik befasst sind, arbeiten an der Belastungsgrenze und darüber hinausgehend. Ein Ende der Dramatik an unseren Grenzen ist nicht abzusehen.

Der Vorstand der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst erwartet umgehend Maßnahmen seitens der Politik, um die Kolleginnen und Kollegen zu entlasten und die Personalsituation nachhaltig zu verbessern“, hielt die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst fest. (6)

Zur Frage der Finanzen erschien erst vor wenigen Tagen ein lesenswerter Artikel in der „Presse“: „Angesichts des nicht abnehmenden Flüchtlingsstroms aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika herrscht vielerorts die Angst, dieser könne Europa und insbesondere auch die europäische Wirtschaft überfordern. Man sorgt sich um Arbeitsplätze, Lohndumping, die Kosten der Flüchtlingsbetreuung, und man fürchtet eine Überlastung des Sozialstaats. Eine ökonomische Betrachtung legt jedoch nahe, dass diese Sorgen weitgehend unbegründet sind. Im Gegenteil: Die Flüchtlingskrise bietet eine einmalige Chance, Europa aus der Wirtschaftskrise zu führen.“ (7)

Gar nicht geheim ist der einstimmige Beschluss der Bundesleitung der AHS-Gewerkschaft vom 28. September 2015: „Die AHS-Gewerkschaft nimmt die Verantwortung für die Integration von Flüchtlingen wie in der Vergangenheit wahr. Die Bundesleitung der AHS-Gewerkschaft fordert für die Erfüllung dieser Aufgabe, dass die für die Betreuung von Flüchtlingen notwendigen Ressourcen (Sprachförderung, Unterstützungspersonal wie PsychologInnen, SozialarbeiterInnen etc.) den Schulen zusätzlich zur Verfügung gestellt werden.

(1) Downloadbar hier.

(2) a.a.O.

(3) Gefährden Flüchtlinge die innere Sicherheit? In: Salzburger Nachrichten vom 24. September 2015.

(4) Ö1-Morgenjournal vom 30. September 2015.

(5) „Geheimpapier“: Asyl-Kosten von 12,3 Milliarden Euro? In: Presse online vom 30. September 2015.

(6) Resolution des Vorstandes der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst vom 21. September 2015.

(7) Philipp Schmidt-Dengler und Paul Pichler, Mit Flüchtlingskrise aus der Wirtschaftskrise. In: Presse online vom 25. September 2015.

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Zähneknirschen

Integrationsmängel seien auch dadurch entstanden, dass es in der SPÖ immer verpönt war, diese Probleme auszusprechen“, konnte man im „Kurier“ lesen. (1) An diesem Satz erstaunt weniger der Inhalt als die Tatsache, dass zwei SPÖ-Landeshauptleute aussprechen, was Kritikern (2) der höchst mangelhaften Integrationspolitik schon längst bekannt und bewusst ist. Mit dem Slogan „Strafen für Integrationsunwilligkeit“ haben Politiker aller Couleurs dann aber das gewohnte Niveau der Boulevardmedien erreicht.

The ostrich has buried a head in sand

Den Willen einer Person als strafwürdig anzusehen, ist einer freien demokratischen Republik unwürdig. Ich muss dabei an Religionswächter in manchen muslimischen Staaten oder Politkommissare linker und rechter Diktaturen denken. Wenn aus dem Willen einer Person Taten folgen, die unsere Normen verletzen, sind Sanktionen selbstverständlich notwendig. Der Wille jedoch ist frei.

Geldstrafen sind zweifellos das letzte Mittel, wenn Erziehungsberechtigte ihren Erziehungspflichten nicht nachkommen. Dringend bräuchten wir etwas ganz anderes: Unterstützungspersonal. Im Mittelpunkt muss der Schüler stehen, der Probleme hat oder macht und zu dessen Erziehungsberechtigten die Kommunikation nicht herstellbar ist. Die Ursachen können vielfältig sein und müssen nichts mit Migrationshintergrund zu tun haben. In anderen Staaten gibt es dafür Sozialarbeiter, die sich der Angelegenheit annehmen. Ein solches niederschwelliges Angebot fehlt in Österreich.

Durch unsere Vergangenheit bedingt, ist eine vernunftorientierte Diskussion über Migration und Integration in Österreich ebenso wie in Deutschland kaum möglich. Einer, der es geschafft hat, ist der Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln Heinz Buschkowsky, SPD, der nun in den Ruhestand tritt. „Sein Name ist besonders auch den türkischen und arabischen Kids geläufig, und dies nicht mal unbedingt als Unperson. Dass er von denen über die Straße angerufen wird: „Bürgermeister, hast du Feinde? Sag uns Bescheid, wir kämpfen für dich“, das hat er zwar in einem „Zeit“-Interview selbst behauptet, doch man nimmt es ihm ab. Und er hat tatsächlich Feinde. Von Einwanderern habe er sich nicht bedroht gefühlt, „noch nie. Von Linksradikalen öfter““, sagte er kürzlich in einem Interview. (3) „Er geht Zuwanderer hart an – um sich zugleich vor sie zu stellen“, charakterisiert ihn „Die Welt“. (4) Von ihm könnte man in Österreich lernen.

Mein Stufenplan:

  1. Ausbau von Unterstützungssystemen, um den betroffenen Schülern zu helfen.
  2. Im Rahmen dieser Unterstützungssysteme effiziente Wege eröffnen, die Eltern zur Wahrnehmung ihrer Pflichten bringen, wenn diese grob vernachlässigt werden, was – und das möchte ich ausdrücklich betonen – nur wenige Personen betrifft.
  3. Wenn alles nichts hilft, strafen.

Mir konnte noch niemand schlüssig erklären, warum es moralisch vertretbar ist, das Überziehen der Parkzeit in der Kurzparkzone – und sei es auch nur um wenige Minuten – mit einer saftigen Geldstrafe zu ahnden, Eltern, die ihre Fürsorge- und Erziehungspflichten dauerhaft vernachlässigen, aber völlig unbehelligt zu lassen. „Kopf aus dem Sand!“, muss die Devise lauten, sonst werden wir bald alle mit den Zähnen knirschen!

(1) Daniela Kittner, Integration: Niessl stellt neue Forderungen. In: Kurier online vom 27. Jänner 2015.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Ulli Kulke, Vor Buschkowsky hatten selbst Türkengangs Respekt. In: Die Welt online vom 27. Jänner 2015.

(4) a.a.O.

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Gerhard Riegler: Tabuthema Disziplin

Ein Kindergeburtstag steht bevor, Schweißperlen auf der Stirn der Gastgeberin. Die Freundin rät zu Baldriantropfen im Vorfeld und einer „eisernen Hand“ während des Festes, bedrohen doch nicht weniger als elf Halbwüchsige den häuslichen Frieden, das Nervenkostüm der Gastgeberin und ihr Mobiliar.

bigstock-Frustrated-Student-24459854_blogDass ein einziges Kind ein Geburtstagsfest zum Kippen bringen kann, weil es besonderer Betreuung bedürfte, diese schmerzliche Erfahrung hat schon manchen Kindergeburtstag vorzeitig enden lassen. Wir LehrerInnen aber müssen Verhaltensoriginelle bändigen, während wir der übrigen Klasse abwechslungs- und ertragsreichen Unterricht bieten. „1995 hatten wir zwei auffällige Schüler pro Klasse, heute sind es zwei, die unauffällig sind.“ (1) Wer für diesen pädagogischen Trapezakt geeignete Instrumente und Rahmenbedingungen fordert, stößt hierzulande beim Gesetzgeber nach wie vor auf taube Ohren und wird von der Meinungsschickeria, die keinen Tag in unserer Rolle meistern würde, seit vielen Jahren reflexartig mit dem Rohrstaberl-Argument zum Verstummen gebracht.

In Großbritannien scheinen jetzt auch linke Uhren ein wenig anders zu ticken. Der „Guardian“ titelte kürzlich „Tristram Hunt talks tough on classroom discipline” und widmete dem sozialdemokratischen Schattenminister für Unterricht breiten Raum. Sollte seine Partei die nächste Regierung bilden, würden Ordnung und Disziplin wieder Einzug in englische Klassenzimmer halten, Schwätzen und Smartphone-Benutzung sollen dann der Vergangenheit angehören, von gröberen Disziplinverletzungen ganz zu schweigen. (2)

Englands LehrerInnen werden im Vergleich mit uns schon heute mit Unterstützungspersonal verwöhnt. Und doch weiß Tristram Hunt um den dringenden Handlungsbedarf oder spürt zumindest die Unzufriedenheit der Eltern mit einer Schule, in der Unterricht durch Disziplinlosigkeit unmöglich gemacht wird.

BM Heinisch-Hosek dürfte es an diesem Wissen und Gespür noch massiv fehlen. Denn sonst hätte sie nicht für die über 6000 Schulen Österreichs 400 Personen als Unterstützungspersonal angekündigt – an den Schulen wurde trotz intensiver Suche noch niemand von ihnen entdeckt –, 150 davon Post- und Telekom-MitarbeiterInnen. (3) Diese Antwort auf die geforderten 13.500 Fachkräfte, die Österreichs Schulen brauchen, um im Support zumindest internationales Mittelmaß zu erreichen, war dabei nicht als Scherz gemeint! Mit ihrer Einschätzung ist unsere Neo-Ministerin um Welten weiter daneben als Eugen Freund mit seinem berühmt-berüchtigten 3000-Euro-Sager.

Eugen Freund musste sich vor laufender Kamera rechtfertigen. Bei Unsinn auf dem schulpolitischen Parkett schreit der Boulevard hingegen schon lange nicht mehr auf. Weil er es noch immer nicht besser weiß? Weil es ihn teuer zu stehen käme? Weil man Surreales aus dem Unterrichtsministerium inzwischen gewohnt ist? Jedenfalls verdient ein solches ministerielles und mediales Verhalten ein klares „Nicht zufriedenstellend“.

(1) Dr. Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater. Zit. n. Bettina Weber, „Es kommt zu Machtumkehr“. In: Tagesanzeiger online vom 4. Dezember 2013.

(2) Siehe Patrick Wintour, Tristram Hunt talks tough on classroom discipline. In: The Guardian online vom 15. Jänner 2014.

(3) Karin Leitner, Ex-Post- und Telekom-Leute sollen Lehrer entlasten. In: Kurier  Kurier online vom 13. Juli 2013.

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Ohne Netz

Alex Rühle (1) ist ein mutiger Mann, versuchte er sich doch mitten in Deutschland als digitaler Eremit. Er kappte alle Kabel und Verbindungen und lebte nur noch offline, ohne Internet, E-Mail, Foren, Communities etc.

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Für mich ist Alex Rühle aber vor allem deshalb ein mutiger Mann, weil er in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Lobrede auf den Lehrer“ (2) verfasste, ein „Plädoyer für einen verkannten Beruf“. In Zeiten des inflationären Lehrerbashings hat er damit ein couragiertes Zeichen gesetzt.

Alex Rühle hat klar erkannt, unter welch betrüblichen Rahmenbedingungen wir Lehrer (3) unsere pädagogischen Aufgaben erfüllen müssen, und dies vielfach mit ungebrochenem Enthusiasmus:

  • Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs.
  • Trotz der kultusministerialen Bürokratie.
  • Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist.

Rühle lässt weiter aufhorchen, wenn er die Überforderung der Schulen auf den Punkt bringt: „Viele Schulen gleichen heutzutage pädagogischen Notfallambulanzen. In Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und wachsender Armut müssen sie gleichzeitig kulturelle Integrationsmaschine sein und Lerninhalte vermitteln.

Auch die Rolle der Schulbehörde wird von Alex Rühle kritisch hinterfragt: „Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler.

Nur wenige von uns Lehrern werden wohl Alex Rühle bei seinem digital-eremitischen Selbstversuch folgen. „Ohne Netz“ müssen wir vielfach dennoch arbeiten. Bräuchten wir doch dringend ein Netz an Unterstützungspersonal, das uns auffängt, wenn die Probleme überhand nehmen. Über einem solchen Netz – da sind sich ausnahmsweise „Experten“ und Praktiker einig – ließe sich unsere pädagogische Kernarbeit viel leichter bewältigen.

Die Bildungsministerin schafft es aber nicht einmal, jenen Teil ihres Kerngeschäfts zu erledigen, der keinen Cent kosten würde, nämlich uns Lehrern glaubhaft Anerkennung und Wertschätzung zukommen zu lassen. Gegen den Wind des Boulevards und der Stammtische eine Lobrede auf den Lehrberuf zu halten, dafür reicht der Mut von Claudia Schmied offenbar nicht, denn das müsste sie ohne das Netz kleinformatiger Printmedien erledigen.

(1) Alex Rühle, geboren 1969, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Französisch, Philosophie und Theologie und ist seit 2001 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

(2) Alex Rühle, Lobrede auf den Lehrer. Motivationsdroge Mensch. In: Süddeutsche Online vom 19. Februar 2013.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

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