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Gestriges Geschwätz?

Am Donnerstag wurde eine neue OECD-Studie (1) präsentiert. Kurz nach der Pressekonferenz erschienen die Pressemeldungen dazu. Ein paar zusammenfassende Aussagen: (2)

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  1. Im österreichischen Schulwesen gebe es „keine Ressourcenknappheit“.

Faktum: Im OECD-Mittel sind die Investitionen ins Schulwesen zwischen 1995 und 2012 leicht gestiegen (von 3,6 auf 3,7 % des BIP). In Österreich hingegen wurden sie um ein Viertel reduziert (von 4,2 auf 3,1 % des BIP). Österreich fehlen damit laut OECD für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens 0,6 % des BIP. (3) Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

  1. Die schulische Infrastruktur sei generell gut bis sehr gut, die Arbeitsbedingungen der Lehrer unter anderem aufgrund der geringen Klassengrößen ebenso.

Faktum: Zumindest im AHS-Bereich erfüllen die meisten Gebäude nicht einmal die beleidigenden Vorgaben der Bundes-Arbeitsstättenverordnung, die – Belüftungsmöglichkeiten vorausgesetzt – in Schulen 5 m³ Luftraum pro Person vorsehen, also 2 m² Bodenfläche bei einer Raumhöhe von 2,5 m. Gemäß 1. Tierhaltungsverordnung steht selbst einer Sau in Gruppen ab 40 Tieren eine Fläche von 2,05 m² zur Verfügung.

Ich würde mich bereits über türkische Rahmenbedingungen an unseren Schulen freuen. Denn die Türkei lag hinsichtlich des pädagogischen und administrativen Supportpersonals beim ersten Durchgang der TALIS-Studie laut OECD unter den 23 teilnehmenden Staaten an vorletzter Stelle. Dahinter, weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, fand man Österreich … (5)

  1. Kritik an kleinen Klassen

Faktum: Die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I liegt in den von unseren „BildungsexpertInnen“ hoch gelobten Vorbildern Finnland und Südtirol bei 19,0 SchülerInnen, in der AHS-Unterstufe sind es 24,0 und im OECD-Mittel 23,6. (6)

  1. Mehr Chancengleichheit brächte nach Ansicht der OECD die Einführung einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

Faktum: Abgesehen davon, dass die Leistungen der österreichischen 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, dass also in der differenzierten Unterstufe der Rückstand nach der Gesamtschule Volksschule deutlich abgebaut wird (7), gibt es in allen Staaten einen starken Zusammenhang zwischen den Leistungen der SchülerInnen und dem sozioökonomischen und kulturellen Niveau ihrer Eltern. (8) Österreich liegt dabei laut OECD im Mittelfeld. (9)

Wenn ich die Fakten mit den jetzt erhobenen Behauptungen kontrastiere, stellt sich mir die Frage, ob die OECD ihre eigenen Publikationen vergessen hat oder gar der Konrad Adenauer zugeschriebenen Auffassung folgt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine positive Forderung konnte ich in der Berichterstattung allerdings auch finden: „Für Lehrer schlägt der Bericht „Review zu Schulressourcen“ eine 40-Stunden-Woche vor.“ (10) Das würde eine massive Arbeitszeitverkürzung bedeuten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit österreichischer Lehrkräfte beträgt nämlich 44,88 Stunden. Mehr als ein Viertel aller LehrerInnen kommen sogar auf eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von über 50 Stunden, wie das Ludwig Boltzmann Institut festgestellt hat. (11) Also: Her mit der 40-Stunden-Woche!

(1) OECD (Hrsg.), Reviews of School Resources: Austria (2016).

(2) Siehe OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem. In: ORF online vom 9. Juni 2016.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B2.2 und OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Siehe BIFIE (Hrsg.), Talis 2008: Schule als Lernumfeld und Arbeitsplatz. Vertiefende Analysen aus österreichischer Perspektive (Graz 2010), S. 131.

(6) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015, Table B3.1, Südtirols Landesinstitut für Statistik (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2013-2014“ (2014), S. 39 und Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15. Tabellenband (2016), S. 82.

(7) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17.

(8) „PISA 2012 shows a strong relationship between ESCS index and student performance observed in all countries. Family background is crucial for student achievement.“ OECD (Hrsg.), Teacher Remuneration in Latvia. An OECD Perspective (2014), S. 31.

(9) Siehe dazu OECD (Hrsg.), Excellence through Equity: Giving Every Student the Chance to Succeed (2013), Figure II.2.6.

(10) OECD kritisiert ineffizientes Bildungssystem.

(11) Ludwig Boltzmann Institut (Hrsg.), Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Österreichs Lehrer/innen (2012), S. 17.

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Nicht ums Verrecken

Der Bundeskanzler träumte in seiner „Osterbotschaft“ von einer „massiven“ Veränderung der Lehrverpflichtung zur Budgetsanierung. (1)

Breaking The Bank

Reaktionen folgten schnell. Auf politischer Ebene stellte der niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka in einer Presseaussendung mit dem Titel „Lehrerbashing löst kein einziges Problem“ zu Recht fest, dass die öffentlich Bediensteten „angesichts der Flüchtlingssituation im Besonderen gefordert sind. Gerade die Lehrerinnen und Lehrer haben dabei viel zu schultern“. (2) Auch die niederösterreichische Bundesrätin Sandra Kern kritisierte die Äußerungen des Bundeskanzlers. Er „dürfte wohl noch immer nicht verstanden haben, dass mit diesem unbedachten Populismus keinem Schulkind und schon gar nicht unserem Bildungssystem geholfen ist.“ (3)

Paul Kimberger, Vorsitzender der ARGE LehrerInnen in der GÖD, wurde in der „Presse“ so wiedergegeben: „Das ist ein Affront, eine riesengroße Sauerei […] Es ist eine Aussage der übelsten Sorte – allertiefste Schublade. Dort befindet er sich eh in guter Gesellschaft mit Michael Häupl […] Wenn Faymann glaubt, dass er den Boden erneut für eine Einsparungsdiskussion auf Kosten der Lehrer aufbereiten kann, dann hat er sich getäuscht.“ Von mir war folgende Bewertung des Kanzlers zu lesen: Dass er Lehrerbashing betreibt, zeugt von seiner politischen Qualität“, sagt Eckehard Quin zur „Presse“. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Lehrer durch den Flüchtlingsstrom vor besonderes großen Herausforderungen stehen, eine Debatte über die Arbeitszeit zu beginnen, zeuge von einem „unheimlich großen Populismus, um am Stammtisch zu gewinnen“.“ (4) Und gefragt nach den Möglichkeiten des Kanzlers, die 550 Millionen Euro-Lücke im Unterrichtsbudget zu schließen, meinte ich: „Wenn dem Kanzler nichts anderes einfällt als Lehrerbashing, dann wäre er einzusparen.“ (5)

Natürlich ist damit das Budgetproblem nicht gelöst. „Der Vorsitzende der Gewerkschaft der AHS-Lehrer, Eckehard Quin, hat zuletzt vor schwarzen Lehrervertretern [Anm.: beim Bundeslehrertag in Linz vor ca. 1.200 Personen] seinem Unmut darüber Luft gemacht, dass das Budget für 2016 im Herbst des vergangenen Jahres mit einer Unterdotierung beschlossen wurde. „Ich finde es schon eine Chuzpe, wenn der Nationalrat ein Budget beschließt, wenn er weiß, dass beim Unterricht eine halbe Milliarde Fehlbedarf ist.“ Dabei wisse jeder, dass das mit den geplanten Mitteln nicht zu schaffen sei. „Es geht nicht ums Verrecken“, warnte er.“ (6)

Ich habe einen recht simplen Lösungsansatz, den hoffentlich alle EntscheidungsträgerInnen verstehen: Das durch die Finanzierung von Pleitebanken verursachte Budgetdefizit betrug 2015 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (7) Das ist so viel Geld, wie Österreichs Schulwesen fehlt, um das OECD-Mittel zu erreichen (3,1 gegenüber 3,7 Prozent). (8) 0,6 Prozent des BIP sind fast 2 Milliarden Euro. Damit ließe sich tatsächlich ein pipifeines Schulsystem realisieren.

Die Bundesregierung muss sich wohl die Frage gefallen lassen, ob ihr die Finanzierung einer Bankenpleite tatsächlich mehr wert ist als die Bildung unserer Kinder. Ich glaube, die Antwort zu kennen.

(1) Siehe Oliver Pink, Faymann: „Sehr gespanntes Verhältnis zu Merkel“. In: Presse online vom 26. März 2016.

(2) NÖAAB-Sobotka zu Faymann: Lehrerbashing löst kein einziges Problem. Presseaussendung vom 28. März 2016.

(3) Kern/Quin: Populismus hat im Bildungssystem nichts verloren – Lehrerschaft verdient Respekt und Wertschätzung. Presseaussendung vom 30. März 2016.

(4) Julia Neuhauser, Mehr Arbeit für Lehrer: „Ein Affront, eine riesengroße Sauerei“. In: Presse online vom 29. März 2016.

(5) a.a.O.

(6) Karl Ettinger, 550-Millionenloch im Schulbudget. In: Presse online vom 6. März 2016.

(7) Schellings Coup: Österreich am Weg zum „echten Nulldefizit“. In: Trend online vom 31. März 2016.

(8) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

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Gerhard Riegler: SchulabbrecherInnen

Das englische Schulwesen steht vor einem Szenario, das es in seiner Existenz bedroht, sofern man nicht von einer Schule träumt, die SchülerInnen mit digitalisierten Lernprogrammen anstelle von Unterricht abspeist. Nach einem kürzlich im „The Guardian“ erschienenen Bericht (1) denkt nämlich mehr als die Hälfte der englischen LehrerInnen ernsthaft darüber nach, in den nächsten zwei Jahren der pädagogischen Profession endgültig den Rücken zu kehren.

Stressed female teenager worried about exams

Für 61 Prozent der Befragten ist das Arbeitsvolumen der Hauptgrund für den angestrebten Berufswechsel, 57 Prozent suchen nach einer besseren Work-Life-Balance. Fast drei Viertel der englischen Lehrerschaft empfinden sich durch die Entwicklung hin zu standardisierter Schule und genormtem Unterricht in ihrem pädagogischen Wirken behindert: „… current policies for the school curriculum and pupil assessment are narrow and uncreative“. (2)

Wer meint, dass es sich bei dieser Entwicklung um ein ausschließlich englisches Phänomen handelt, wird von einem Blick in andere Staaten schnell eines Besseren belehrt. Hier ein paar Beispiele:

  • Australien: „Forty per cent of new teachers in Australia leave the profession in the first five years.“ (3)
  • USA: „46 % of new teachers leave their job in the first five years of service.“ (4)
  • Schweiz: „17,1 Prozent der Lehrpersonen stiegen zwischen den Jahren 2010 und 2011 noch im ersten Berufsjahr aus. So steht es in einem kürzlich publizierten Bericht des Bundesamtes für Statistik (BfS). Gemäss diesen Berechnungen verlassen rund 49 Prozent der neuen Lehrkräfte die Schule innerhalb von fünf Jahren nach Stellenantritt wieder.“ (5)

Glauben Österreichs „BildungsexpertInnen“, dass die LehrerInnen hierzulande mit unbegrenzter Geduld und Leidensfähigkeit ausgestattet sind? Die Politik wäre gut beraten, würde sie endlich denen Gehör und Aufmerksamkeit schenken, die als PädagogInnen für ihre SchülerInnen beruflich ihr Bestes geben, an den Rahmenbedingungen aber immer öfter verzweifeln.

Österreichs LehrerInnen haben es geschafft, dass in unserem Bildungssystem so wenige junge Menschen ihre Schullaufbahn vorzeitig beenden, wie dies in nur wenigen Staaten gelingt. Von Österreichs Schulpolitik fordere ich Professionalität statt Arroganz, damit nicht auch unter Österreichs LehrerInnen der Anteil derer explodiert, die ihre Profession an den Nagel hängen, um vorzeitig aus dem Schulwesen zu scheiden.

(1) Daniel Boffey, Half of all teachers in England threaten to quit as morale crashes. In: The Guardian online vom 4. Oktober 2015.

(2) a.a.O.

(3) Lisa F. Paris, Reciprocal Mentoring: Can it Help Prevent Attrition for Beginning Teachers? In: Australian Journal of Teacher Education, Vol. 38 (2013), S. 136-158, hier S. 136.

(4) Thierry Karsenti and Simon Collin, Why are New Teachers Leaving the Profession? Results of a Canada-Wide Survey. In: International Journal of Education, Vol. 3, No. 3 (2013), S. 141-149, hier S. 143.

(5) Katharina Bracher, Jeder zweite Lehrer steigt nach fünf Jahren aus. In: Neue Zürcher Zeitung online vom 6. April 2014.

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Bretter, die die Welt bedeuten

Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.

A theater stage with a red curtain, seats and a spotlight. Vector.

Diese Aussage des Wiener Bürgermeisters hat hohe Wellen geschlagen – und sie hat etwas bewirkt, was „sein von absolutistisch-populistischer Präpotenz geprägtes Politik-Verständnis“ (1) wohl nicht erahnt hat: im Vergleich zu früher erstaunlich viele Kommentare, in denen für die Pädagogen (2) dieses Landes Partei ergriffen wird.

Es bewegt mich, dass die Diskussion sehr unsachlich und mehr als zynisch geführt wird! […] Die Politiker sollten sich nicht ungestraft mit populistischen Wortspenden ihr Mütchen kühlen“, schreibt Herbert Steinböck. (3) Christa Kummer tut es „in der Seele weh. Der Lehrer-Job sollte der höchstdotierte im Lande sein. […] Einen Quadratmeter, einen Computer für 30 Lehrer, dafür aber keine Rückendeckung vom Direktor, von den Eltern, von den Medien und von der Politik.“ (4) Reinhold Bilgeri hält den Häupl-Sager für „diffamierend. […] Die Gesellschaft sollte mit den Menschen, die unsere Kinder in den wichtigsten Entwicklungsphasen begleiten, respektvoller umgehen […] Sollen doch die Basher & Prügler einmal 7 Stunden am Tag mit jeweils 25 Pubertierenden arbeiten und dann daheim noch 60 Schularbeiten korrigieren. Ich weiß nicht, ob ihnen dann noch die Klappe aufgeht …“ (5)

Aber auch Politiker stellten sich demonstrativ hinter die Lehrer. Der FPÖ-Bildungssprecher im Nationalrat meinte lapidar, der „Wahlkampfrülpser richte sich von selbst“. (6) „Wenn Politiker anfangen, auf das eigene Personal zu schimpfen, sollten sie ihren Job an den Nagel hängen“, richtete die Wiener NEOS-Spitzenkandidatin dem Bürgermeister aus. (7) Der Grüne Bildungssprecher kritisierte, dass „die Lehrkräfte das völlig aus dem Ruder gelaufene Unterrichtsbudgets [sic!] mit zwei Stunden Gratis-Mehrarbeit retten“ sollen und fügte hinzu: „Ich unterstütze den Widerstand der Lehrkräfte.“ (8)

Auch in den Regierungsparteien regten sich einige kritische Stimmen. Der ehemalige SPÖ-Vorsitzende Oberösterreichs hielt fest: „Eigentlich ist es eine Zumutung, in einer führenden Funktion bei so einem Anlass wie 70 Jahre SPÖ so zu reden.“ (9) Die Vorsitzende der SPÖ-Frauen Oberösterreich, eine Lehrerin, twitterte: „Michel Häupl, du wärst, wenn du so arbeitest wie ich, schon Dienstag Mittag [sic!] fertig? Die Kids und ich halten meist immer bis Freitag durch.“ (10) Die Innenministerin und ÖAAB-Bundesobfrau meinte: „Die Bundesregierung hat versprochen, dass die Steuerreform eine Entlastung für alle Arbeitnehmer bringt und dass sie sie nicht selbst finanzieren müssen.“ Das, was derzeit „veranstaltet wird“, sei ein „eindeutiger Wortbruch“, was ihr aber prompt den Vorwurf des SPÖ-Bundesgeschäftsführers einbrachte, sie agiere „populistisch und unprofessionell“. (11)

„Willkommen Österreich“ nahm den Häupl-Sager aufs Korn: „Für so eine Bemerkung bekommt man normalerweise einen Fetz’n – außer man hat schon einen“, so Christoph Grissemann. „Häupl hat sich danach auch nicht im klassischen Sinn entschuldigt. Er hat gesagt, er sei bloß falsch interpretiert worden. Die Lehrer seien einfach zu blöd, ihn zu verstehen“, ergänzte Dirk Stermann. (12)

Bei alldem darf man allerdings nicht auf Faymann und Co. vergessen. „Was ich aber wirklich unerträglich finde, ist diese abgrundtief verlogene Formulierung: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen““, schreibt der AHS-Direktor Christian Schacherreiter. Diese manipulative Schönfärberei betreibt nicht nur der Bundeskanzler, sondern dieser Sprache bedienen sich auch andere Regierungsmitglieder von SPÖ und ÖVP. „Zur Ehrenrettung jener Politiker, die diese Formulierung verwenden, könnte man anführen, dass sie vielleicht sogar glauben, was sie sagen. Um dies datenbasiert zu klären, schlage ich folgenden kompetenzorientierten Test vor: Ein österreichischer Politiker sagt: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen.“ Ist er A) ignorant) B) verlogen – oder C) einfach nur ein Trottel?“ (13)

Mir fällt dazu nur das geflügelte Wort des deutschen Kabarettisten Werner Finck ein: „Auch die Bretter, die mancher vor dem Kopf trägt, können die Welt bedeuten.“

(1) Markus Ebert, Bärendienst. In: Neues Volksblatt vom 16. April 2015.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dieter Chmelar und Christine Karner, Sprechtag. In: Kurier vom 19. April 2015, S. 40.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

(6) FPÖ-Walter Rosenkranz: Häupl nur bei den anderen reformwillig. OTS-Aussendung vom 15. April 2015.

(7) NEOS Meinl-Reisinger ad Häupl: Populistische Sager bringen uns in der Bildungspolitik nicht weiter. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(8) Walser zu Ministerratsbeschluss: Heinisch-Hosek wird sich eine blutige Nase holen. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(9) Karin Leitner, Roter Spitzen-Gewerkschafter stellt Häupl infrage. In: Kurier online vom 16. April 2015.

(10) Lisa Nimmervoll, Schulexpertin: Generell zwei Stunden mehr Unterricht wäre „fatal und ungerecht“. In: Standard online vom 16. April 2015.

(11) Mikl-Leitner sieht Wortbruch bei Steuerreform. In: Standard online vom 17. April 2015.

(12) Häupl-Sager in „Willkommen Österreich“ vom 21. April 2015.

(13) Christian Schacherreiter, A) ignorant B) verlogen C) einfach nur ein Trottel; am 21. April 2015 auch in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ erschienen.

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Philippi

Eines muss man der „Krone“ lassen: Sie kann für Aufregung sorgen. Am Donnerstagabend erschien online ein Artikel mit der Überschrift „Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten“. (1) Am Freitag war es auf der Titelseite zu lesen.

Philippi

Dass eine solche Forderung auftaucht, ist nicht überraschend, wenn 2015 343 Millionen, 2016 548 Millionen und 2017 578 Millionen im Unterrichtsbudget fehlen und über 90 % der Ausgaben in Lehrergehälter fließen. Neu ist freilich, dass es diesmal niemand sein möchte, der diese Forderung erhoben hat – die Unterrichtsministerin genauso wenig wie der Finanzminister.

Hinter vorgehaltener Hand wurde mir mehrfach eine andere Geschichte erzählt: Es handle sich um eine Initiative des Bundeskanzlers, dessen Verbindung zur „Krone“ ja bestens bekannt ist. Claus Pándi, der Autor des „Krone“-Artikels, ist „nicht nur schon ewig mit SPÖ-Kanzler Werner Faymann befreundet“. Auch Angelika Feigl, Pándis Ehefrau, „fügt sich […] perfekt in diese kleine Welt. Sie war […] Sprecherin Faymanns, der immer die Nähe zum einflussreichen Kleinformat gesucht hat.“ (2)

Sei es, wie es sei. Klar ist jedenfalls die Haltung der Gewerkschaft. Der GÖD-Vorstand hat am 10. April 2015 eine Resolution beschlossen, in der die „unsachliche und populistische Berichterstattung“ verurteilt wird, „die falsch informiert und Feindbilder schafft. […] Sollte die bewährte Sozialpartnerschaft missachtet werden, würde das eine entsprechende Reaktion der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst hervorrufen.“ (3) Paul Kimberger, der Vorsitzende der ARGE Lehrer (4) in der GÖD, hatte zuvor betont: „Sollte sich das [eine Erhöhung der Lehrverpflichtung] bestätigen, werden wir entsprechend reagieren. Dann kann ich Kampfmaßnahmen garantieren.“ (5) Und ich werde zur Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung im „Standard“ mit den Worten zitiert: „Inakzeptabel. Das kommt absolut nicht infrage. Das gibt eine offene Feldschlacht, wenn die Regierung meint, das realisieren zu wollen.“ (6)

Wer eine solche gewinnt, ist offen, aber niemand tritt Arbeitnehmerrechte politisch ungestraft mit Füßen. Denn die große Mehrheit der Wahlberechtigten sind Arbeitnehmer, und rund 120.000 Lehrer sind wichtige Meinungsbildner. „Tuus sum, inquit, Brute, malus genius; in Philippis me videbis.“

(1) Claus Pándi, Lehrer müssen jetzt mehr unterrichten. In: Krone online vom 9. April 2015.

(2) Julia Ortner, Kleiner Mann, ganz groß. In: Falter online Nr. 5/2011.

(3) Resolution des GÖD- Vorstandes der GÖD vom 10. April 2015.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Gewerkschaft kampfbereit zu Lehrerarbeitszeiten. In: ORF online vom 10. April 2015.

(6) Lisa Nimmervoll, Heinisch-Hosek will über „Neubewertung“ der Lehrerarbeitszeit reden. In: Standard online vom 10. April 2015.

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Wo waren Sie, als…?

Der Fall der Berliner Mauer ist in unser Gedächtnis ebenso tief eingebrannt wie der Kennedy-Mord, die erste Mondlandung oder der 11. September – jeder (1), der damals schon lebte, weiß noch heute, wo er war und was er tat, als er diese Nachricht hörte.

Ich erinnere mich noch gut an den 21. November 2000, als die damalige Unterrichtsministerin Gehrer gemeinsam mit Vertretern des Bundesministeriums für öffentliche Leistung und Sport (2) und der ARGE Lehrer in der GÖD die Ergebnisse der Studie „LehrerIn 2000“ in einer Pressekonferenz veröffentlichte.

Fest in mein Gedächtnis eingebrannt hat sich die unübersehbare Enttäuschung auf Seiten der Regierungsvertreter, dass aus dieser Studie absolut kein Argument für eine Erhöhung der Lehrverpflichtung abzuleiten war.

Die wissenschaftliche Qualität der Ergebnisse dieser Studie wurde durch

  • ihre Quantität (22 Seiten pro Fragebogen),
  • das äußerst große Sample der Befragten und die das Institut überraschende, hohe Rücklaufquote (43 % im AHS-Bereich; 6808 Lehrer lieferten die Daten) und
  • die professionelle Qualität des Fragebogens und seiner Auswertung durch das Institut SORA

sichergestellt und stand stets außer Streit.

Die zwei ersten Punkte einer zusammenfassenden Analyse Gerhard Rieglers aus dem Jahr 2000 (3) zeichnen ein klares Bild:

  1. Bei einer vollen Lehrverpflichtung von 20 Werteinheiten kommt ein AHS-Lehrer im Jahr auf fast 1900 Arbeitsstunden – etwaige Überstunden sind in dieser Zahl noch nicht inkludiert! – und liegt damit etwa 10 % über der Jahressollarbeitszeit in Österreichs Industrie.
  2. Die Arbeitszeit pro Unterrichtsstunde erhöht sich bei Teilbeschäftigung deutlich.

Ich frage mich angesichts der in letzter Zeit vermehrten Äußerungen des Ministerinnen-Trios „Fekter – Heinisch-Hosek – Schmied“ zur Lehrerarbeitszeit, womit die drei Damen im November 2000 beschäftigt waren.

Das Ergebnis einer Kurzrecherche:

  • Mag. Dr. Maria Theresia Fekter war Mitglied der Wirtschaftskommission der Europäischen Frauenunion, Mitglied des Fachverbandsausschusses der Stein- und keramischen Industrie in der Wirtschaftskammer Österreich und Abgeordnete zum Nationalrat.
  • Gabriele Heinisch-Hosek war geschäftsführendes Mitglied des Gemeinderates der Marktgemeinde Guntramsdorf und Abgeordnete zum Nationalrat.
  • Dr. Claudia Schmied war Leiterin der Finanzierungsabteilung bei der Investkredit. Die Investkredit Bank AG steuerte die beiden Geschäftsbereiche Unternehmen und Immobilien innerhalb der Volksbank-Gruppe.

Das mag eine Erklärung für das standhafte Ignorieren der Studie „LehrerIn 2000“ sein, eine Entschuldigung ist es sicher nicht! Die bevorstehende Karwoche sollte den Ministerinnen Zeit bieten, sich mit den Ergebnissen dieser Studie vertraut zu machen, bevor sie die Verhandlungen zu einem neuen Dienstrecht mit uns beginnen.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Ursprüngliche Auftraggeber waren das Unterrichtsressort, das Finanzministerium und die GÖD. Im April 2000 übernahm das „Bundesministeriums für öffentliche Leistung und Sport“ (unter der Leitung der damaligen Vizekanzlerin Riess-Passer) den Part des Finanzressorts.

(3) LehrerIn 2000 und Gerhard Rieger, Zusammenfassung LehrerIn 2000.

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Ein neuer Finanzminister?

Die Gerüchte verdichten sich. Der SPÖ-Bildungssprecher will Finanzminister werden.

Heute lese ich in den Vorarlberger Nachrichten: „Ungeachtet dessen wird laut SPÖ-Bildungssprecher Elmar Mayer an einer Dienstrechtsnovelle für die Lehrer gearbeitet. Und als Vorsitzender des Sonderausschusses zum Bildungsvolksbegehren möchte der Vorarlberger nun Druck machen, dass eine solche Reform möglichst noch in dieser Legislaturperiode beschlossen wird. […] Was den Inhalt betrifft, so hat der Sozialdemokrat bereits konkrete Vorstellungen: Die Einstiegsgehälter von Junglehrern sollen um 30 Prozent steigen. […] Gleichzeitig soll allerdings auch die Unterrichtsverpflichtung ausgeweitet werden; und zwar um „drei bis vier Stunden pro Woche“. Eine solche Reform würde laut Mayer nicht zu zusätzlichen Kosten führen.“ (1)

SPÖ-Bildungssprecher Elmar Mayer, © Parlamentsdirektion/Mike Ranz

Solche Äußerungen waren in letzter Zeit der Finanzministerin vorbehalten. Denn was heißt das im Klartext: Lehrer (2) haben eine Jahresarbeitszeit, die jedenfalls der jedes anderen vollbeschäftigten Arbeitnehmers in Österreich entspricht. Das wurde den Lehrergewerkschaften in den bisherigen Gesprächen auch von den Vertretern des BMUKK und des Bundeskanzleramts mehrmals bestätigt. Mayer schert sich nicht darum, sondern möchte die Arbeitszeit von Lehrern ganz locker um bis zu 20 % erhöhen. Bei abgeflachten Gehaltskurven und keinen zusätzlichen Kosten bedeutet das, künftige Lehrer haben dieselbe Lebensverdienstsumme wie derzeitige Lehrer, müssen dafür aber um 20 % mehr arbeiten! In diese Richtung möchte der SP-Bildungssprecher „Druck machen“.

Eine solche Forderung von einem angeblichen Sozialdemokraten wird Kreisky, Benya und Co. in ihren letzten Ruhestätten zum Rotieren bringen. Die „Besten“ werden wir damit wohl auch nicht für den Lehrberuf begeistern können, sofern sie über mathematische Grundkompetenz verfügen. Und mit Steigerung der Bildungsqualität hat diese Forderung gar nichts zu tun, sondern bestenfalls mit kurzsichtiger Fiskalpolitik. Elmar Mayer disqualifiziert sich damit als Bildungssprecher. Aber vielleicht hat Herr Mayer ja ohnehin ganz andere Karrierepläne.

(1) Johannes Huber, Mehr Geld und Arbeit für Junglehrer. In: Vorarlberger Nachrichten vom 24. Februar 2012

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

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