Wo waren Sie, als…?

Der Fall der Berliner Mauer ist in unser Gedächtnis ebenso tief eingebrannt wie der Kennedy-Mord, die erste Mondlandung oder der 11. September – jeder (1), der damals schon lebte, weiß noch heute, wo er war und was er tat, als er diese Nachricht hörte.

Ich erinnere mich noch gut an den 21. November 2000, als die damalige Unterrichtsministerin Gehrer gemeinsam mit Vertretern des Bundesministeriums für öffentliche Leistung und Sport (2) und der ARGE Lehrer in der GÖD die Ergebnisse der Studie „LehrerIn 2000“ in einer Pressekonferenz veröffentlichte.

Fest in mein Gedächtnis eingebrannt hat sich die unübersehbare Enttäuschung auf Seiten der Regierungsvertreter, dass aus dieser Studie absolut kein Argument für eine Erhöhung der Lehrverpflichtung abzuleiten war.

Die wissenschaftliche Qualität der Ergebnisse dieser Studie wurde durch

  • ihre Quantität (22 Seiten pro Fragebogen),
  • das äußerst große Sample der Befragten und die das Institut überraschende, hohe Rücklaufquote (43 % im AHS-Bereich; 6808 Lehrer lieferten die Daten) und
  • die professionelle Qualität des Fragebogens und seiner Auswertung durch das Institut SORA

sichergestellt und stand stets außer Streit.

Die zwei ersten Punkte einer zusammenfassenden Analyse Gerhard Rieglers aus dem Jahr 2000 (3) zeichnen ein klares Bild:

  1. Bei einer vollen Lehrverpflichtung von 20 Werteinheiten kommt ein AHS-Lehrer im Jahr auf fast 1900 Arbeitsstunden – etwaige Überstunden sind in dieser Zahl noch nicht inkludiert! – und liegt damit etwa 10 % über der Jahressollarbeitszeit in Österreichs Industrie.
  2. Die Arbeitszeit pro Unterrichtsstunde erhöht sich bei Teilbeschäftigung deutlich.

Ich frage mich angesichts der in letzter Zeit vermehrten Äußerungen des Ministerinnen-Trios „Fekter – Heinisch-Hosek – Schmied“ zur Lehrerarbeitszeit, womit die drei Damen im November 2000 beschäftigt waren.

Das Ergebnis einer Kurzrecherche:

  • Mag. Dr. Maria Theresia Fekter war Mitglied der Wirtschaftskommission der Europäischen Frauenunion, Mitglied des Fachverbandsausschusses der Stein- und keramischen Industrie in der Wirtschaftskammer Österreich und Abgeordnete zum Nationalrat.
  • Gabriele Heinisch-Hosek war geschäftsführendes Mitglied des Gemeinderates der Marktgemeinde Guntramsdorf und Abgeordnete zum Nationalrat.
  • Dr. Claudia Schmied war Leiterin der Finanzierungsabteilung bei der Investkredit. Die Investkredit Bank AG steuerte die beiden Geschäftsbereiche Unternehmen und Immobilien innerhalb der Volksbank-Gruppe.

Das mag eine Erklärung für das standhafte Ignorieren der Studie „LehrerIn 2000“ sein, eine Entschuldigung ist es sicher nicht! Die bevorstehende Karwoche sollte den Ministerinnen Zeit bieten, sich mit den Ergebnissen dieser Studie vertraut zu machen, bevor sie die Verhandlungen zu einem neuen Dienstrecht mit uns beginnen.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Ursprüngliche Auftraggeber waren das Unterrichtsressort, das Finanzministerium und die GÖD. Im April 2000 übernahm das „Bundesministeriums für öffentliche Leistung und Sport“ (unter der Leitung der damaligen Vizekanzlerin Riess-Passer) den Part des Finanzressorts.

(3) LehrerIn 2000 und Gerhard Rieger, Zusammenfassung LehrerIn 2000.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Wo waren Sie, als…?

  1. Im Schuljahr 2000/2001 war ich Lehrer für Mathematik, Physik und Informatik und zudem EDV-Kustos (!) mit deutlich mehr Arbeitsstunden als „im Mittel“ durch die Arbeitszeitstudie für österreichische Gymnasiallehrer/innen errechnet wurde.

    Derzeit darf ich das Bildungssystem aus einer anderen Perspektive betrachten: Dass engagierte Lehrerinnen und Lehrer über ihre Dienstverpflichtung hinausgehend Projekte betreuen, begabte Schülerinnen und Schüler fördern und sich zusätzlich für weitere Aufgaben fortbilden möchte ich an dieser Stelle betonen und bestätigen.

    Mit den besten Wünschen für eine erholsame Osterferienwoche und ein schönes Osterfest,

    Alfred Nussbaumer

  2. Meine Assoziation zum Mauerfall ist eine andere:
    Gestern las ich im Teletext, dass die deutsche Beamtengewerkschaft einen Zweijahres-Gehaltsabschluss getätigt hat: Es gibt insgesamt 6,3% [!] mehr Gehalt für 2012 und 2013.
    Wie erinnerlich, betrug der letzte Zweijahres-Abschluss in Österreich insgesamt 1 (ein) Prozent.
    Für diese Diskrepanz zwischen Ö und Dtl. habe ich nur eine Erklärung: die Deutschen profitieren noch immer von der Wiedervereinigungs-Dividende und von den Schätzen, die sie mit der Einverleibung der DDR erworben haben.
    Was für einen Grund könnte es sonst geben?

    Erich Wallner

    Anmerkung Quin: Wie so oft bietet der einzelne Baum ein ganz anderes Bild als der ganze Wald. Die Laufzeit beträgt 24 Monate. Die Gehälter sollen nach der nun getroffenen Vereinbarung rückwirkend zum März um 3,5 Prozent steigen und dann in zwei weiteren Stufen um jeweils 1,4 Prozent.
    Zur Erinnerung: Der Abschluss für 2012 in Österreich beträgt für den Lehrerbereich in Abhängigkeit von der jeweiligen Einstufung 2,78 bis 3,31 %.
    Und noch ein „kleines“ Detail: Die öffentlich Bediensteten in Deutschland mussten in den letzten Jahren die völlige Streichung des Weihnachtsgeldes (ca. ein Monatsgehalt) und Lohnkürzungen akzeptieren. Wenn man sich im restlichen Europa umsieht, kann man als öffentlich Bediensteter der GÖD und Fritz Neugebauer nur jeden Tag danken.

    1. Mit den Bäumen und dem Wald hat Koll. Quin sicher recht, siehe:
      (datiert 23. 1. 2012)
      Wenn man den Baum Sachsen mit dem Wald Deutschland vergleicht, dann findet man auf der o.a. Website:
      „Die Streichung des Weihnachtsgeldes bedeutet nach Angaben des sächsischen Beamtenbundes eine Gehaltskürzung um etwa vier Prozent. Seit Dezember 2011 fällt der Bonus in Sachsen weg. Bis dahin erhielten Beamte im einfachen und mittleren Dienst jeweils 1.025 Euro Weihnachtsgeld, im gehobenen Dienst 1.200 Euro und im höheren Dienst 1.500 Euro. Dagegen erhalten Beamte des Bundes seit diesem Jahr sogar mehr Weihnachtsgeld als bisher – nämlich 60 statt 30 Prozent eines Monatsgehaltes. Haben die Musterklagen, die in den kommenden Wochen verhandelt werden, Erfolg, muss der Freistaat das Weihnachtsgeld rückwirkend an die Beamten zahlen.“

      Erich Wallner

  3. Reblogged this on Der Grantscherb'n und kommentierte:
    Das sollte man sich wirklich geben. Die wesentliche Qualifikation für einen Ministerposten dürfte in Österreich das standhafte Ignorieren von Fakten sein. Neben der richtigen Seilschaft, natürlich …
    Und offenbar auch nicht nur im Verteidigungssportressort.

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