Bretter, die die Welt bedeuten

Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.

A theater stage with a red curtain, seats and a spotlight. Vector.

Diese Aussage des Wiener Bürgermeisters hat hohe Wellen geschlagen – und sie hat etwas bewirkt, was „sein von absolutistisch-populistischer Präpotenz geprägtes Politik-Verständnis“ (1) wohl nicht erahnt hat: im Vergleich zu früher erstaunlich viele Kommentare, in denen für die Pädagogen (2) dieses Landes Partei ergriffen wird.

Es bewegt mich, dass die Diskussion sehr unsachlich und mehr als zynisch geführt wird! […] Die Politiker sollten sich nicht ungestraft mit populistischen Wortspenden ihr Mütchen kühlen“, schreibt Herbert Steinböck. (3) Christa Kummer tut es „in der Seele weh. Der Lehrer-Job sollte der höchstdotierte im Lande sein. […] Einen Quadratmeter, einen Computer für 30 Lehrer, dafür aber keine Rückendeckung vom Direktor, von den Eltern, von den Medien und von der Politik.“ (4) Reinhold Bilgeri hält den Häupl-Sager für „diffamierend. […] Die Gesellschaft sollte mit den Menschen, die unsere Kinder in den wichtigsten Entwicklungsphasen begleiten, respektvoller umgehen […] Sollen doch die Basher & Prügler einmal 7 Stunden am Tag mit jeweils 25 Pubertierenden arbeiten und dann daheim noch 60 Schularbeiten korrigieren. Ich weiß nicht, ob ihnen dann noch die Klappe aufgeht …“ (5)

Aber auch Politiker stellten sich demonstrativ hinter die Lehrer. Der FPÖ-Bildungssprecher im Nationalrat meinte lapidar, der „Wahlkampfrülpser richte sich von selbst“. (6) „Wenn Politiker anfangen, auf das eigene Personal zu schimpfen, sollten sie ihren Job an den Nagel hängen“, richtete die Wiener NEOS-Spitzenkandidatin dem Bürgermeister aus. (7) Der Grüne Bildungssprecher kritisierte, dass „die Lehrkräfte das völlig aus dem Ruder gelaufene Unterrichtsbudgets [sic!] mit zwei Stunden Gratis-Mehrarbeit retten“ sollen und fügte hinzu: „Ich unterstütze den Widerstand der Lehrkräfte.“ (8)

Auch in den Regierungsparteien regten sich einige kritische Stimmen. Der ehemalige SPÖ-Vorsitzende Oberösterreichs hielt fest: „Eigentlich ist es eine Zumutung, in einer führenden Funktion bei so einem Anlass wie 70 Jahre SPÖ so zu reden.“ (9) Die Vorsitzende der SPÖ-Frauen Oberösterreich, eine Lehrerin, twitterte: „Michel Häupl, du wärst, wenn du so arbeitest wie ich, schon Dienstag Mittag [sic!] fertig? Die Kids und ich halten meist immer bis Freitag durch.“ (10) Die Innenministerin und ÖAAB-Bundesobfrau meinte: „Die Bundesregierung hat versprochen, dass die Steuerreform eine Entlastung für alle Arbeitnehmer bringt und dass sie sie nicht selbst finanzieren müssen.“ Das, was derzeit „veranstaltet wird“, sei ein „eindeutiger Wortbruch“, was ihr aber prompt den Vorwurf des SPÖ-Bundesgeschäftsführers einbrachte, sie agiere „populistisch und unprofessionell“. (11)

„Willkommen Österreich“ nahm den Häupl-Sager aufs Korn: „Für so eine Bemerkung bekommt man normalerweise einen Fetz’n – außer man hat schon einen“, so Christoph Grissemann. „Häupl hat sich danach auch nicht im klassischen Sinn entschuldigt. Er hat gesagt, er sei bloß falsch interpretiert worden. Die Lehrer seien einfach zu blöd, ihn zu verstehen“, ergänzte Dirk Stermann. (12)

Bei alldem darf man allerdings nicht auf Faymann und Co. vergessen. „Was ich aber wirklich unerträglich finde, ist diese abgrundtief verlogene Formulierung: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen““, schreibt der AHS-Direktor Christian Schacherreiter. Diese manipulative Schönfärberei betreibt nicht nur der Bundeskanzler, sondern dieser Sprache bedienen sich auch andere Regierungsmitglieder von SPÖ und ÖVP. „Zur Ehrenrettung jener Politiker, die diese Formulierung verwenden, könnte man anführen, dass sie vielleicht sogar glauben, was sie sagen. Um dies datenbasiert zu klären, schlage ich folgenden kompetenzorientierten Test vor: Ein österreichischer Politiker sagt: „Die Arbeitszeit wird nicht erhöht. Die Lehrer sollen nur zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen.“ Ist er A) ignorant) B) verlogen – oder C) einfach nur ein Trottel?“ (13)

Mir fällt dazu nur das geflügelte Wort des deutschen Kabarettisten Werner Finck ein: „Auch die Bretter, die mancher vor dem Kopf trägt, können die Welt bedeuten.“

(1) Markus Ebert, Bärendienst. In: Neues Volksblatt vom 16. April 2015.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dieter Chmelar und Christine Karner, Sprechtag. In: Kurier vom 19. April 2015, S. 40.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

(6) FPÖ-Walter Rosenkranz: Häupl nur bei den anderen reformwillig. OTS-Aussendung vom 15. April 2015.

(7) NEOS Meinl-Reisinger ad Häupl: Populistische Sager bringen uns in der Bildungspolitik nicht weiter. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(8) Walser zu Ministerratsbeschluss: Heinisch-Hosek wird sich eine blutige Nase holen. OTS-Aussendung vom 14. April 2015.

(9) Karin Leitner, Roter Spitzen-Gewerkschafter stellt Häupl infrage. In: Kurier online vom 16. April 2015.

(10) Lisa Nimmervoll, Schulexpertin: Generell zwei Stunden mehr Unterricht wäre „fatal und ungerecht“. In: Standard online vom 16. April 2015.

(11) Mikl-Leitner sieht Wortbruch bei Steuerreform. In: Standard online vom 17. April 2015.

(12) Häupl-Sager in „Willkommen Österreich“ vom 21. April 2015.

(13) Christian Schacherreiter, A) ignorant B) verlogen C) einfach nur ein Trottel; am 21. April 2015 auch in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ erschienen.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Bretter, die die Welt bedeuten

  1. Du hast mit deinem sofortigen und offenen Brief an den Wiener Bürgermeister, er möge sich für diese Aussage entschuldigen oder zurücktreten, wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen.
    Bravo Eckehard!

  2. Der Häupl-Sager war das Thema der Vorwoche.

    Das Thema dieser Woche (siehe z.B. STANDARD und PRESSE vom 23. 4.) ist der Bericht der Statistik Austria („Bildung und Zahlen 2013/14“), wonach NMS-Schüler häufiger an AHS und BHS gehen als Hauptschüler, dafür weniger oft an BMS und Poly.

    Ceterum censeo: Gratulation an die Standesvertretungen der Ärzte, die deutlich mehr Geld bei wesentlich geringerer Stundenanzahl herausverhandelt haben!

  3. Dieser Blogeintrag mit seiner Übersicht und Auswahl vieler Kommentare zum Häupl-Sager zeigt, dass es vielen nicht egal ist, wie man Lehrerinnen und Lehrer in der Öffentlichkeit darstellt und so das in sie gesetzte Vertrauen vieler Eltern zerstören will. Jedenfalls sind die im Blogeintrag zitierten Beiträge nicht dazu angetan, das Vertrauen in Politikerinnen und Politiker zu vergrößern …

  4. Lieber Eckehard Quinn!
    Wirklich ganz vortrefflich dieser Text. Danke für Deinen Einsatz! Und ich bin stolz Lehrerin zu sein, denn es ist für mich nicht nur ein Beruf sondern eine Berufung!

    In diesem Sinne noch ein wunderschönes sonniges Wochendende mit viel positiver Energie!

    Kornelia Reichel

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