Gudrun Pennitz: Wieder nichts

Mit recht großen Erwartungen machte ich mich am 19. März auf den Weg zur Enquete „Schulklima – eine zeitgemäße Interpretation“ des Bildungsministeriums, die mit „Lösungsansätzen für Verhaltensauffälligkeiten von Schülerinnen und Schülern“ lockte. (1) Ist die Erkenntnis, dass die Einhaltung von Verhaltensregeln, unverzichtbare Basis für erfolgreiche Bildungsarbeit, im Schulalltag nicht erreicht werden kann, endlich bis ins Bildungsministerium durchgedrungen? Hat das Wegschauen der Politik endlich ein Ende? Hat man erkannt, dass LehrerInnen sich auch bei der Erziehungsarbeit zurecht viel mehr Unterstützung erwarten?

Ich freute mich zu früh. Schon im Jahr 2012 hatte eine Enquete zur Gewaltprävention unter BM Claudia Schmied außer einer imposanten Kulisse wenig mehr geboten als heiße Luft. Diesmal war es schlimmer. Bald dämmerte mir, dass hier die Botschaft lautete: Wir LehrerInnen sind es, die entweder unwillig oder unfähig sind, Probleme, die wir mit dem Verhalten unserer SchülerInnen haben, zu lösen! Wir seien selbst schuld, wenn sich unsere SchülerInnen aggressiv verhalten! „Gestörtes Verhalten ist eine gesunde Reaktion auf ein gestörtes Umfeld“, tönte es vom Podium. (2)

Im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass wir LehrerInnen „prosoziale Kompetenzen“ aufbauen statt „dissoziales Verhalten“ bestrafen sollten. Wir hätten ein „Motivationsproblem“ und sollten unsere pädagogischen Konzepte schleunigst anpassen, damit es den Kindern leichter fällt zu lernen.

Sollten wir LehrerInnen auf die Idee gekommen sein, die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder stärker in die Pflicht zu nehmen, wurde ich auch hier eines Besseren belehrt. Schule habe das Elternhaus bei der Erziehungsarbeit zu unterstützen, denn die Schule sei für die Eltern da, nicht umgekehrt. Zustimmendes Klatschen im Publikum verriet mir, dass diese Haltung gegenüber uns LehrerInnen immer noch mehrheitsfähig ist – zumindest unter den zur Enquete Geladenen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass der Wunsch nach einem verbindlichen Ordnungsrahmen zum Wohle eines für alle Beteiligten gedeihlichen Schulklimas trotz wachsender disziplinärer Probleme im Bildungsministerium weiterhin auf Ablehnung stößt? Am Buchmarkt schießen gleichzeitig Erziehungsratgeber für Eltern wie Schwammerl aus dem Boden, die Tipps abgeben, wie man dem Nachwuchs Benehmen beibringt. Unternehmen zahlen ihren jungen MitarbeiterInnen inzwischen Benimmkurse, damit diese sie auf dem internationalen Parkett nicht blamieren. Ist das alles dem Bildungsministerium unbekannt oder gar gleichgültig?

Verärgert verließ ich die Enquete. Wieder war es nichts mit der Unterstützung unserer Erziehungsarbeit durch die Politik, wieder wurde eine Chance vertan. Müssen wir wieder sieben Jahre warten, bis unser Ministerium dieses so wichtige Thema aufgreift? Wird es das nächste Mal mehr als heiße Luft geben? Oder gibt es für die Politik ohnehin keinen Handlungsbedarf, und fehlt es mir einfach nur an prosozialer Kompetenz?

(1) Enquete „Schulklima – eine zeitgemäße Interpretation. Entwicklung von Lösungsansätzen für Verhaltensauffälligkeiten von Schülerinnen und Schülern“ am 19. März 2019 im Europahaus Wien.

(2) Reto Luder, Auffälliges Verhalten in der Schule – Herausforderungen und Lösungsansätze. Impulsvortrag bei der Enquete „Schulklima“.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Wieder nichts

  1. Ironischerweise langte das E-Mail mit dem aktuellen daten.dienst.tag von Koll. Riegler fast gleichzeitig mit diesen Quintessenzen von Koll. Pennitz ein: 15-jährige österreichische Schüler fühlen sich in weit überdurchschnittlichem Maß mit ihrer Schule verbunden. Vergleichbares hat Koll. Riegler schon zu wiederholten Malen publiziert – dass sollte Koll. Pennitz also bekannt sein. Immerhin ist das jetzt die 154. Ausgabe von daten.dienst.tag.

    Wieso hat sie bei dieser Enquete nicht mit den Daten Koll. Rieglers aufgezeigt, wenn sie sich als Lehrerin angegriffen fühlte?

  2. Ic kann dem Artikel nur vorbehaltlos zustimmen. Es nützt nichts: Verhaltensvereinbarungen sind gut und richtig,
    aber sinnlos, wenn es bei Verstößen keine wie immer geartete Konsequenzen gibt. Ein Beispiel aus der Praxis: In einer Schule wurden die Waschräume demoliert, die Verursacher wurden gefunden und -es gab keine Sanktionen
    außer ein Gespräch. Es wäre gescheiter gewesen, die Verursacher ein paar Nachmittage dem Schulwart beim Zusammenräumen helfen zu lassen. Aber das ist gesetzlich nicht gedeckt. Das ist die Realität, das SCHUG kennt
    außer Gespräch oder Suspendierung bei Gefahr für Leib und Leben keine pädagogoisch sinnvolle Sanktionen. Die Lehrerinnen und Lehrer haben praktisch nichts in der Hand, um rabiaten Unterrrichtsstörungen etwas entgegen zu setzen. So ist das seit 1974.

  3. HR Mag.Arno Klien, FI i.R.: Möchte obigem Beitrag zustimmen und als positives Beispiel ein Vorkommnis bei einer sportlichen Bundesmeisterschaft für 13-14 Jährige SchülerInnen skizzieren: als die Mannschaft einer renommierten Wiener Schule „nur“ Vierte würde, hatten diese Schüler im Garderobewaschraum sämtliche Wasserhähne nach unten gebogen, demoliert…Noch während diese Mannschaft auf dem Heimweg war – Kontakt mit Direktion, Androhung vom Ausschluss künftiger Schulsportwettkämpfe, Entschuldigung verlangt, Wiedergutmachung.
    Jeder Schüler (10) mußte sich in einem persönlichen Schreiben an den dortigen Hallenwart entschuldigen und die Reparatur wurde anstandslos bezahlt. Kein Herumdiskutieren, Gequatsche, Eltern, Rechtsanwalt etc.
    Alles andere ist wirkungslos, Konsequenz ist gefragt und sofortiges Handeln.

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