Einzelfall

Das Wort „Einzelfall“ hat wohl Chancen, zum Wort des Jahres gewählt zu werden. Zunächst auf parteipolitische Auseinandersetzungen beschränkt, hat sich seine Verwendung nun auf den Schulbereich ausgeweitet.

Aufgrund der medialen Aufmerksamkeit, die der Vorfall in einer Wiener HTL erregt hat, nannte die „Kleine Zeitung“ offizielle Zahlen: „Das Innenministerium hat Straftaten (Körperverletzung, Nötigung, gefährliche Drohung) an Schulen/Bildungseinrichtungen ausgehoben. 2018 wurden bundesweit 1323 Straftaten angezeigt (ein Anstieg um 22,6 Prozent seit 2015).“ (1)

Das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Gewalt an Schulen von SchülerInnen gegen SchülerInnen und LehrerInnen ist kein Einzelfall mehr. An Pflichtschulen leidet man schon lange darunter, aber auch Bundesschulen sind davon nicht mehr verschont. Die Stimmung wird immer aggressiver, und das „hat auch mit der immer heterogeneren Schülerschaft zu tun. Es gibt mehr Schülerinnen und Schüler mit Lern- oder Aufmerksamkeitsstörungen und mit unterschiedlichen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Prägungen und Herausforderungen, die aufeinanderstoßen“. (2) Und auch Hans Rauscher, dem man sicher keinerlei Nähe zu Rechts nachsagen kann, hält in einem Kommentar fest: „Jeder weiß es, niemand redet (öffentlich) darüber: Die aggressiven Burschen, die den Lehrer an der HTL Ottakring mobbten, bis er durchdrehte, kommen aus dem Migrantenmilieu. Möglicherweise schon dritte Generation, aber das Verhalten entspricht einer Macho-Mentalität, wie sie in manchen türkischen, albanischen, tschetschenischen, serbischen usw. Familien gepflogen und ermutigt wird.“ (3)

Die Auswirkungen sind wahrscheinlich dramatischer, als viele denken. „Dass störungsfreier Unterricht eine wichtige Grundlage ist für erfolgreiches Lernen, gerade auch für Schüler mit ungünstigen Voraussetzungen, wissen wir seit Langem – unter anderem aus den Pisa-Erhebungen“, konstatiert Univ.-Prof. DDr. Eckhard Klieme. (4)

Es ist höchst an der Zeit, dass die Gesellschaft mit dem gleichen Engagement wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte und -pflichten sowie eine Erziehung im Interesse der Kinder einfordert. Nach wie vor nimmt zwar der größere Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung des Elternhauses ernst, die Problemfälle werden aber zahlreicher. Allen LehrerInnen ist klar, dass häusliche Erziehung heute vielfach unter erschwerten Bedingungen stattfindet und die Ergebnisse der daraus oft resultierenden familiären Erziehungsdefizite Unterricht erschweren. Die Schule kann aber kaum bessere Bildung vermitteln, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer erzieherischen Verantwortung verabschieden.

Gleichzeitig muss aber auch die Politik auf die geänderten Rahmenbedingungen reagieren. Der Integration von MigrantInnen muss deutlich höhere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Wir benötigen dringend zusätzliches Unterstützungspersonal, um SchülerInnen und LehrerInnen vor denjenigen zu schützen, die die roten Linien permanent überschreiten. Und wir müssen stärker als in der Vergangenheit unsere auf der Aufklärung beruhenden Werte verteidigen und die Beachtung unserer Spielregeln ohne Wenn und Aber einfordern. „Wir? Ja, es gibt Situationen, in denen die Unterscheidung zwischen „wir“ und „ihr“ wichtig ist. Die Trennlinie verläuft jenseits privater Religiosität oder Herkunft. […] Dies ist der Kampf der Vernünftigen und Aufgeklärten für Freiheit und Demokratie und gegen die Feinde der offenen Gesellschaft.“ (5)

(1) Bernd Hecke und Günter Pilch, Lehrer fordern Sanktionen gegen Gewalt. In: Kleine Zeitung vom 8. Mai 2019, S. 4.

(2) Parvin Sadigh, „Diese Kinder stecken im Ärger fest“. In: Zeit Online vom 7. Mai 2018. Es handelt sich um ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Jan Pfetsch. Er ist Gastprofessor und stellvertretender Leiter des Fachgebiets Pädagogische Psychologie an der TU Berlin. Er forscht über Gewalt und Mobbing an Schulen.

(3) Hans Rauscher, Junge Macho-Migranten in der Schule. In: Standard online vom 7. Mai 2019.

(4) Eckhard Klieme, Alles schräg. In: Zeit online vom 7. Februar 2018.

(5) Lisa Nimmervoll, Kampf der Vernünftigen. In: Standard online vom 10. September 2018.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Einzelfall

  1. Ich halte es für höchst bedauerlich, dass prominente GÖD-Vertreter sich von der ersten Stunde an für die fremdenfeindliche und letztlich menschenverachtende Haltung eines Sepp & seiner Mitläufer einspannen lässt und letzteren auch noch mit „Argumenten“ den Rücken stärkt.

    Anmerkung Quin: Ebenso wie der rechte „Standard“ und die rechten JournalistInnen Rauscher und Nimmervoll 😉

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