Gerhard Riegler: 5 Minuten vor 12

Im Rahmen der Sprachstandsbeobachtung bei 3- bis 6-jährigen Kindern zeigten 2016/17 rund 65 % aller getesteten Kinder am Beginn des Kindergartenjahres ein altersgemäßes Sprachniveau, während rund 35 % zusätzliche Fördermaßnahmen in Deutsch benötigten. Von jenen Kindern, für die Deutsch als Erstsprache angegeben wurde, hatten rund 17 % Förderbedarf. Unter jenen Kindern, für die eine andere Erstsprache angegeben wurde, benötigten hingegen rund 70 % zusätzliche Fördermaßnahmen.“ (1)

Mehr als zwei Drittel der 3- bis 6-Jährigen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, benötigen zusätzliche Fördermaßnahmen, um ihre Schullaufbahn mit adäquaten Chancen beginnen zu können. Von den 17.456 Kindern, die derzeit in Wien eine erste Klasse Volksschule besuchen, sind 4.934 als außerordentlich eingestuft, weil ihnen die Voraussetzungen für einen regulären Einstieg in die Schullaufbahn fehlen. (2)

Die Situation hat sich im Lauf der Jahre leider immer mehr verschärft. Viel zu spät erwachte das Problembewusstsein der schulpolitisch Verantwortlichen. Noch vor einem starken Jahrzehnt glaubte die amtsführende Präsidentin des Stadtschulrates für Wien an einen Bedarf, der nur einem Bruchteil des tatsächlichen entsprach: „Brandsteidl schätzt den Anteil an Förderbedürftigen heuer auf rund 1000 der insgesamt 16.000 Schulanfänger.“ (3)

Der Ignoranz und dem Verdrängen der Wirklichkeit hat die Bühne leider viel zu lang gehört. Zehntausende junge Menschen sind durch sie um faire Bildungschancen und damit um Chancen einer gleichberechtigten Teilhabe an unserer Gesellschaft betrogen worden. Die Ignoranz und das Verdrängen sind endlich von der schulpolitischen Bühne verschwunden. Integrationsmaßnahmen, die sich bis vor kurzem nur wenige in den Mund zu nehmen trauten, um nicht gegen die politische „Correctness“ zu verstoßen, sind heute parteienübergreifender Konsens.

Bundesweit und über alle Schularten hinweg spricht inzwischen ein Viertel aller SchülerInnen eine andere Umgangssprache als Deutsch. Die Anzahl der „Brennpunktschulen“ ist von Schuljahr zu Schuljahr angewachsen – mit gravierenden Auswirkungen auf alle SchülerInnen, die in ihnen unterrichtet werden, soweit man vor Ort noch von Unterricht sprechen kann. Was die bildungswissenschaftliche Evidenz schon längst bestätigt hat, kann nun auch im aktuellen Integrationsbericht nachgelesen werden: „Untersuchungen zeigen, dass alle SchülerInnen, die eine solche Schule besuchen, schlechtere Schulleistungen aufweisen – unabhängig davon, ob sie Deutsch als Umgangssprache verwenden oder nicht. Bei SchülerInnen mit einer nicht-deutschen Umgangssprache ist die negative Korrelation jedoch um ein Vielfaches höher.“ (4)

Es ist spätestens fünf Minuten vor Zwölf. Wenn das von einer grob fahrlässig agierenden Politik angerichtete Malheur saniert werden soll, brauchen wir den Schulterschluss möglichst aller im Nationalrat vertretenen Parteien und deren Einsicht, dass den ersten integrationspolitischen Schritten möglichst bald weitere folgen müssen – samt den Ressourcen, die für deren Umsetzung dringend erforderlich sind. Andernfalls wird unser Schulwesen zerbrechen und mit ihm die Gesellschaft – in einen Teil, der sich für die eigenen Kinder und Enkelkinder Bildung in teuren Privatinstituten leisten kann, und all die anderen, deren Nachkommen dieses Glück nicht in die Wiege gelegt wurde. Als unverbesserlicher Optimist will ich daran glauben, dass diese Erkenntnis gelingt, bevor es endgültig zu spät ist.

(1) Statistik Austria (Hrsg.), migration & integration – zahlen.daten.indikatoren 2018 (2018), S. 44.

(2) Siehe Länder brauchen weniger Deutschförderklassen als erwartet. In: Standard online vom 21. Juni 2018.

(3) Werner Grotte, Jedes 6. Kind hat Sprachprobleme. In: Wiener Zeitung online vom 30. November 2005.

(4) Expertenrat für Integration (Hrsg.), Integrationsbericht 2018 (2018), S. 46.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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