Gerhard Riegler: Keine Zeit mehr zu verlieren

Negativ zu bewerten“ seien „die Entwicklungen der Lesekompetenz in Bezug auf den Migrationshintergrund“. (1) So kommentierte die noch amtierende Unterrichtsministerin die am Dienstag präsentierten PIRLS-Ergebnisse, konkret die Leseleistung 10-Jähriger, deren Eltern nicht in Österreich geboren sind.

Ich hätte mir von der für unser Schulwesen Letztverantwortlichen mehr Mut gewünscht, die Dinge beim Namen zu nennen, um der Bevölkerung die Dimension der Aufgabe vor Augen zu führen, mit der Österreichs Schulwesen infolge jahrzehntelangen politischen Wegschauens, Vertuschens und Schönredens konfrontiert ist:

  • In nur wenigen Staaten Europas sprechen so viele 10-Jährige zu Hause nicht die Unterrichtssprache wie in Österreich.
  • In allen Staaten fallen die Leistungen 10-Jähriger ab, die die Unterrichtssprache nicht als Umgangssprache sprechen. In Österreich aber ist der Leistungsrückstand fast doppelt so groß wie im internationalen Mittel.
  • In Österreich ist dieser Leistungsrückstand im Lauf des letzten Jahrzehnts sogar noch größer geworden. Unser Land zählt „neben Bulgarien, der Slowakischen Republik und Slowenien zu den Ländern mit dem größten Leistungsnachteil mehrsprachiger Kinder“. (2)
  • 30 % der in unserem Land geborenen 6-Jährigen mit Migrationshintergrund sprechen nicht Deutsch als Umgangssprache. Dieser Prozentsatz ist angewachsen, obwohl erstmals ein Jahrgang getestet wurde, für den bereits das verpflichtende letzte Kindergartenjahr gegolten hat. Wenn das kein Warnsignal ist, was dann?

Auch im BIFIE-Bericht zu PIRLS ist dieses Mal unmissverständlich festgehalten, „dass ein Großteil des Kompetenzunterschieds zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund nicht auf unterschiedliche soziale Lagen zurückgeführt werden kann“. (3) Das altbekannte Geschwafel, es komme gar nicht auf die Umgangssprache an, sondern „nur“ auf den sozialen Background, wird hoffentlich endlich verstummen.

Völlig verrückt ist jeder Versuch, unseren Kolleginnen und Kollegen an der Volksschule, die an vielen Schulen unter extrem schwierigen Rahmenbedingungen ihr Bestes geben, die Verantwortung für die Situation zuzuschieben. Sie verdienen vielmehr Anerkennung, nicht zuletzt dafür, dass sie es schaffen, Kindern das Lesen schmackhaft zu machen. In nur wenigen Ländern lesen 10-Jährige außerhalb der Schule so viel und mit so großer Freude wie in Österreich. Auch dieses Ergebnis pädagogischen Wirkens würde eine Politik erfahren, die die aktuellen Publikationen tatsächlich liest, um endlich faktenbasiert handeln zu können.

Österreichs Schulwesen wurde durch politisches Versagen in eine prekäre Situation manövriert. Seine Lehrkräfte sind mit einer Herkulesaufgabe konfrontiert, die nur mehr zu meistern ist, wenn das Problem in seiner vollen Dimension und Tragweite bewusst und seine Lösung als conditio sine qua non für eine friedliche und gute Zukunft unseres Landes erkannt wird. Engagiertes Handeln ist notwendig. Die künftige Regierung wird sich dafür auch entsprechende Investitionen in die Zukunft leisten müssen. Nicht mehr leisten können wir uns jedenfalls eine Bildungspolitik, die von Gauklern und Scharlatanen in die Irre geführt wird.

(1) Hammerschmid: „PIRLS-Ergebnisse zeigen, dass wir gesetzte Maßnahmen wirken lassen müssen“. OTS-Aussendung vom 5. Dezember 2017.

(2) BIFIE (Hrsg.), PIRLS 2016. Die Lesekompetenz am Ende der Volksschule. Erste Ergebnisse (2017), S. 55.

(3) a.a.O., S. 78f.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


8 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Keine Zeit mehr zu verlieren

  1. Lieber Gerhard! Ich stimme dir zu 100% zu.

    Wäre die Migration ein Naturereignis, würde man von „Katastrophe“ reden und selbstverständlich entsprechende Fonds widmen.

    Leider erkenne ich bei der neuen Regierung diese Absicht (bisher) auch nicht!!

    Mit herzlichen Grüßen Karl (Havlicek)

  2. Ad: „30 % der in unserem Land geborenen 6-Jährigen mit Migrationshintergrund sprechen nicht Deutsch als Umgangssprache. Dieser Prozentsatz ist angewachsen, obwohl erstmals ein Jahrgang getestet wurde, für den bereits das verpflichtende letzte Kindergartenjahr gegolten hat. Wenn das kein Warnsignal ist, was dann?“

    Ich verstehe diese Logik des Zusammenhanges zwischen Umgangssprache in der Familie und im Kindergarten erlernter Zweitsprache nicht: Warum sollte eine in Österreich lebende afghanische Mutter, die nicht ordentlich Deutsch kann, mit ihrem Kind deutsch sprechen?
    Wäre das nicht sogar kontraproduktiv für den (deutschen) Spracherwerb des Kindes?

    Und selbst wenn wir eine türkische Mutter annehmen, die selber perfekt Deutsch spricht: Wie soll deren Kind seine Chance nützen, bereits frühzeitig authentisches Türkisch zu lernen und damit bilingual aufzuwachsen, wenn seine Eltern nur Deutsch mit ihm reden? Wieso ist es ein „Warnsignal“, wenn bei uns kleine Kinder zweisprachig aufwachsen?

    Nach meiner (AHS-Lehrer für Englisch und Französisch) Logik sollten wir froh über jede Familie sein, wo daheim nicht Deutsch gesprochen wird: So bekommen wir auf die einfachste Weise mehrsprachige Kinder – und ist Mehrsprachigkeit nicht ein Mantra moderner Bildungspolitik? Oder sollte sie nur ein Lippenbekenntnis sein, wenn es um die „falschen“ Sprachen geht?

    1. Sehr geehrter Kollege Wallner, Ausnahmen bestätigen immer die Regel. Die Regel bietet diesen jungen Menschen aber leider keine zusätzliche Chance, sondern ist für ihre Zukunftschancen dramatisch, wie so viele Daten seit vielen Jahren zeigen.

  3. Wie passt denn das zusammen?
    In Ihrem Beitrag schreiben Sie unten: In nur wenigen Ländern lesen 10-Jährige
    außerhalb der Schule so viel und mit so großer Freude wie in Österreich.
    Einige Absätze oben zitieren Sie internationale Studien, die unseren Kindern eine
    sehr schlechte Lesekompetenz bestätigen. Das zeigt uns einmal mehr, wie
    leicht sich das Gehirn in widersprüchlichen statistischen Details verlieren kann.
    MfG, Herbert Paukert (www.paukert.at).

    1. Warum sollte das nicht zusammenpassen?

      In Österreich beginnen Kinder ihre Schullaufbahn mit einem enormen Rückstand im Wissen und Können. Diesen enormen Rückstand abzubauen ist Aufgabe (und erfreulicherweise auch Leistung) unseres Schulwesens.

      Unseren KollegInnen in der Volksschule gelingt es, vielen der Kinder bis zum Verlassen der Volksschule das Lesen schmackhaft zu machen.

      1. Koll. Riegler – verständnislos?
        Unbestritten ist die großartige Arbeitsleistung unserer Volkschullehrer. Das habe ich nirgends in Abrede gestellt. Offenbar aber leben Sie in einer anderen Realität als ich, der ich jahrelang – und auch heute noch – mich für Jugendliche engagiere und mit Ihnen arbeite. Ich habe bei diesen von begeisterter Lesefreude leider wenig bemerkt. Sie spielen lieber „minecraft“ oder schicken sich stundenlang „messages“ auf ihren Smartphones. Dieser Faktizität einer lernfeindlichen (digitalen?) Umwelt sollten unsere Schulspezialisten sinnvolle Entwürfe entgegenstellen und sich nicht im ewigen Gezänke um „Gesamtschule“ oder „Gymnasium“ verzetteln.
        MfG, Mag. Herbert Paukert (www.paukert.at)

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