I scream ice cream

„I Scream, You Scream, We All Scream for Ice Cream“ – ein Lied aus den 1920ern, das später zu einem Jazz Standard wurde – kam mir in den Sinn, als ich als Reaktion auf mein letztes Posting ein Mail einer Englischkollegin las. Sie erklärte mir, warum unterschiedliche, korrekte Schreibweisen eines Wortes (ice cream und ice-cream) bei der Englisch-Zentralmatura zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Nehmen wir an, im Hörtext der Englisch-Zentralmatura hätte der Sprecher festgestellt, er esse kein Eis. Nehmen wir weiters an, dass im Antwortbogen der PrüfungskandidatInnen genau danach gefragt worden wäre.screaming ice cream cartoon

Der Sachverhalt lässt sich nun, wie ich meine, sprachrichtig z. B. so ausdrücken:

A: He does not eat ice cream.
B: He doesn’t eat ice cream.
C: He does not eat ice-cream.
D: He doesn’t eat ice-cream.

Raten Sie einmal, welche dieser Antworten bei der Englisch-Zentralmatura nach den Beurteilungsvorgaben der BIFIE-„ExpertInnen“ als richtig zu werten wäre (Mehrfachnennungen möglich)! Die Lösung: beim letzten Maturatermin keine, heuer eine (Antwort D).

Laut Vorgaben des BIFIE dürfen nämlich bei manchen Antwortformaten maximal vier Wörter verwendet werden. Kontraktionen wie „doesn’t“ galten bis vor Kurzem noch als zwei Wörter, sodass keine der Antworten als richtig zu werten gewesen wäre, jetzt sehen die „ExpertInnen“ darin aber nur ein Wort, womit D den Vorgaben entspricht.

Die wenigsten unserer SchülerInnen wissen noch, was ein Telegramm ist, doch mit Telegrammstil war die Aufgabe auch schon vor der neuesten Kontraktions-„Entschärfung“ lösbar: „does not eat ice-cream” ist zwar nur mehr ein Fragment, wäre dafür aber in Vergangenheit und Gegenwart richtig gewesen! Der Bindestrich zwischen „ice“ und „cream“ musste und muss jedenfalls sein, denn die Standardschreibweise „ice cream“ sprengt auch im Telegrammstil die 4-Wort-Barriere.

Die Frage, die sich wohl nicht nur der Kollegin stellt, die mir diesen Hinweis gegeben hat: Was soll die „kompetenzorientierte“ Reifeprüfung eigentlich prüfen? Die Recherchefähigkeit im Vorfeld, um auch das Kleingedruckte in Texten von BIFIE, Uni Innsbruck, BMBF etc. zu kennen? Haben sie dabei auch die brandaktuelle BIFIE-Vorgabe gefunden, die vor wenigen Monaten vielleicht noch ganz anders gelautet hat?

Habe nur ich den Eindruck, dass es bei einigen Passagen der Englisch-Zentralmatura mehr aufs BIFIE-regelkonforme Zählen als aufs Englischkönnen ankommt?

Die Kollegin findet all das in Anlehnung an den „ice cream“-Song nur mehr zum Schreien, was ich gut nachvollziehen kann.

Ich glaube, dass viele MitarbeiterInnen des BIFIE gute Arbeit geleistet haben und mit viel Engagement und Enthusiasmus bei der Sache sind. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass sich zu viele Personen im BIFIE und in dessen Dunstkreis in Anlehnung an ein Gedicht von Wallace Stevens als „Emperors of Ice-Cream“ fühlen. Diesen selbsternannten Kaisern ist raschest das Handwerk zu legen. In einer Demokratie ist kein Platz für absolutistisches Gehabe – schon gar nicht bei der Matura, bei der es für die KandidatInnen um die Studienberechtigung geht.

P.S.: Eben erreichte mich die Nachricht einer Kollegin, die sich bei der BIFIE-Hotline freundlich nach der Lösung ihres SRDP-Rechner-Problems erkundigt hatte. Diese offensichtlich „kompetenz-programmierte“ Excel-Datei, mit der die erreichten Prozentsätze und damit die Noten berechnet werden, läuft nämlich nicht auf Mac-Rechnern. Die Antwort der „Empress of Ice-Cream“ am anderen Ende der Leitung war ebenso klar wie skandalös: Für dieses Problem habe das BIFIE keine Lösung, und die freche Fragestellerin möge froh sein, dass das BIFIE überhaupt einen solchen Rechner zur Verfügung stelle. I scream …

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


12 Gedanken zu “I scream ice cream

  1. …übrigens hat mir die „Empress of Ice-Cream“ in diesem Telefonat doch einen Rat gegeben:…“basteln sie sich einen eigenen Rechner!“

    Von meinem iPhone gesendet Mag. Elisabeth Veit

    >

    1. Und vor allem ist es ganz, ganz wichtig, alle über einen Kamm zu scheren und bis ins letzte Detail pseudowissenschaftlich zu vermessen. Na, Gott soll abhüten, dass da eine einen Text schreibt, der über die vorgegebene Länge hinaus geht, auch wenn er noch so gut ist. Würde der Lehrer das akzeptieren, würde er die Schülerin ja „bevorzugen“ – und genau diesen menschlichen Faktor auf Lehrerseite gilt es auszuschalten ! !
      DIE LEHRER SIND ÜBERHAUPT DIE SCHWACHSTELLE AN DEM GANZEN SYSTEM. Darum müssen wir sie eliminieren und sie etwa bei den kommenden mündlichen Englisch-Maturaprüfungen nur ja nicht die eigenen Schüler prüfen lassen. Oh Gott, wie war diese Praxis ungerecht, wie haben diese Typen die Schüler hinuntergetragen …
      Und schließlich zeigen einem ja Computer, was man noch alles an statistischen Details ausrechnen kann; warum soll denn der Lehrer nicht auch noch den prozentuellen Anteil der rezeptiven und der produktiven Fertigkeiten ausrechnen ? ! Diese Daten sind extrem aussagekräftig, natürlich unbedingt nötig ( wofür eigentlich ? – Wohl nur für eine neue Abteilung im Bifie, die sich dann wieder für sich selbst Arbeit schafft und die Hand für Steuerzahlergeld aufhält … )
      Und weil wir schon beim Geld der Steuerzahler sind : Ja, und nächstes Jahr schaffen wir den Englischlehrern dann an, sie müssen völlig nach „wissenschaftlicher“ Norm mit verschiedenen Farben korrigieren, da kann man dann noch eine Abteilung aufmachen, die die Korrektheit der Korrekturen überprüft. All das kommt mit einer pseudowissenschaftlichen Gestelztheit daher ( ich zitiere einen sehr guten Schüler aus meiner heurigen Maturaklasse ), dass einem schlecht wird.

      F**K THE BIFIE !
      Soviel zum Bifie-bashing, gesehen von „Andreas Kaplan“ ….

  2. Gut, inzwischen habe ich das Gefühl es geht wirklich einfach nur ums Aufregen, damit man sich aufregen kann.

    1) Man stelle sich das in jedem anderen Kontext vor: Ich entscheide mich freiwillig für ein Randsystem (Marktanteil ~10%) und beschwere mich dann lautstark, wenn nicht extra für mich eine eigene Version von etwas programmiert wird. Und das obwohl ich selbst leicht Abhilfe schaffen könnte (Bootcamp -> Windows -> Office für Windows). Da schüttle ich schon den Kopf, aber sicher nicht über das BIFIE.

    2) Am einfachsten wäre es gewesen alle halboffenen Aufgabenformen zu streichen, dann haben wir zwar einen reinen Kreuzerltest (wird dann sicher auch entsprechend kritisiert) , aber es kann sich niemand mehr über Antwortvorgaben aufregen.

    3) Ich würde mir wünschen, dass einmal auch etwas Selbstreflexion einkehrt und man sich den unzähligen Vorgaben und Regeln bewusst wird, die man von den eigenen Schülern bei seinen eigenen Tests und Schularbeiten einfordert. Dazu reicht oft schon ein Blick auf den Nebentisch um zu sehen wie die Tests da aussehen (ein Blick auf die korrigierten Arbeiten ist oft besonders lehrreich!). Und jetzt stelle man sich das ganze tausendfach multipliziert vor. Es ist absolut unmöglich eine Testform und ein Korrekturformat zu finden, die den Vorstellungen tausdender Lehrer entspricht.

    Die einzige gangbare Möglichkeit eine Zentralmatura zu erstellen, ist eine Prüfung zu erstellen, die wissenschaftlich möglichst gut abgesichert ist. Ich kann nicht auf die persönlichen Vorlieben aller Beteiligten eingehen, das kann nicht funktionieren. Der eine möchte gern alle Rechtschreibfehler als falsch rechnen, der nächste möchte bei den Kurzantworten auf 5 oder 6 Wörter als richtig sehen, der dritte findet die Antwort total unpassend und würde da sowieso eine ganz sehen wollen…

    Das geht endlos so weiter!

  3. Sehr geehrter Herr Kaplan,
    1) Selbst am Bifie müsste man wissen, dass Macs keine Randgruppenerscheinung mehr sind. Eine kurze, sachliche Erklärung samt Lösungsvorschlag sollte daher auch Bifie-Mitarbeitern möglich sein.

    2+3) Meinem Eindruck nach ist die schriftliche E-Zentralmatura in der derzeitigen Form von einer Überprüfung der Sprachkompetenz, wie sie im realen Leben benötigt wird, so weit entfernt wie nie zuvor: Kreuzerltestteile, wenig Textproduktion (im Vergleich zu früher), etc…
    Was hat die i-Tüpferl-Reiterei betreffend „die Antwort soll vier Wörter umfassen“ und Ähnliches mit der Englischpraxis zu tun?
    Möchte das Bifie sich tatsächlich rühmen, im Elfenbeinturm lebensferner Sprachwissenschaft zu sitzen?
    Wobei: Ist es überhaupt noch „wissenschaftlich“, wenn in einem Jahr eine Antwort richtig ist, im andren Jahr dann wieder nicht?
    Welche Kompetenzen will das Bifie eigentlich prüfen? Lebensfernes Antwortenkreuzerln? Oder sollten nicht vielleicht doch die Inhalte tonangebend sein?

    1. Ad Sprachwissenschaft: Um nicht missverstanden zu werden: Ich schätze Sprachwissenschaft sehr, und sie beschäftigt sich ganz klar mit Praxis –
      lediglich die Art und Weise, wie das Bifie „wissenschaftlich“ definiert (derart, dass man alles ohne Rücksicht auf Verluste in Zahlen und Statistiken pressen können muss), führt zu den aktuellen „skurrilen Auswüchsen“.

  4. Bei aller Wertschätzung für die betroffenen Kollegen, die sich um die
    positive Entwicklung einer zentralen Reifeprüfung bemüht haben: Das
    Ganze wurde leider zu einer Farce und kann/darf so nicht in den Vollausbau gelangen! Wider besseren Wissens wurden Unsummen in ein System gepumpt, das in teilzentraler Form leicht zu einer Erfolgsgeschichte werden hätte können.
    Ehrliche Bemühungen sind durch die Inkompetenz der ausführenden Organe unverdient in Misskredit geraten. Das gilt aber beileibe nicht nur für Englisch…

    Wir alle stehen tagtäglich in den Klassen, ja, und wir alle erstellen Bewer-tungen, die, freilich im Rahmen der Gesetze, dennoch ihre individuellen Ausformungen und Schwerpunktsetzungen haben können. Gott sei Dank!
    Noch gibt es ihn nicht, den zentralkompetenten R2D2-0815-Lehrer, der
    als Maß aller Dinge die Gleichförmigkeit zum Prinzip, und die Lebensform „Schüler“ zum standardisierten Produkt erklärt.
    In knapp 25 Jahren Dienstzeit war es mir noch immer möglich, meine Leistungsanforderungen klar zu formulieren und ebenso unaufgeregt einzufordern. Das empfanden weder Eltern noch die betroffenen Schüler bisher als Zumutung!

    Ich frage mich, wie bisher Cambridge-Certificates oder andere Testungen abgewickelt wurden? Gibt es hier vielleicht schon über Jahre gleichblei-bende, und damit verlässliche Scores?
    Ich frage mich auch, wie ich als begeisterter Apple-User dazukomme, mir über BootCamp die Festplatte mit Windows vollzuladen, während es einem millionenteuren Bildungsinstitut völlig „plunzko“ ist, wie vielfältig der IT-Bereich österreichweit (zum Glück!) schon ist? – Mittlerweile haben ganze Landesregierungen, aber auch Schulen, insbesondere im BHS-Bereich auf Apple/Mac umgestellt. So viel zum „Randbereich“ Mac…

    Conclusio:
    Pädagogisch relevante Freiheiten zu nehmen, sie den Betroffenen aber ausgerechnet dann vor den Latz zu knallen, wenn das System scheitert,
    notwendige Informationen für die Bearbeitung einer Aufgabenstellung
    vorzuenthalten oder einfach gleich zu wenig Beispiele mitzuliefern,
    das alles darf und muss uns aufregen!

  5. Wegen der vier Wörter:
    Solange ICH korrigiere, werde ich nicht wegen jedem Schmarren die BIFIE-Hotline konsultieren! Ich bin selbstbewusst genug, gewisse Absurdidäten zu ignorieren. DIE Schulaufsicht schau ich mir an, die
    – angesichts des alljährlichen hausgemachten Maturadesasters,
    – angesichts der selbstgewählten Zumutung, Tausende VWA-Exposés lesen zu müssen,
    – angesichts der subtil geförderten herannahenden Schulschluss-Beschwerdeflut und
    – angesichts der diversen Gesichtswäsche-Pokalverleihungstermine bei Schuljahresabschlussfesten
    – etc., etc.
    auch noch Zeit hat, hinter LC-Kreuzerlfragen schulsprengelweit die Wörter zu zählen!

    Ich finde wie ihr, dass das BIFIE und das ganze Matura-Tamtam eine (für AnglistInnen nun schon langjährige) Zumutung sind (als erfahrene Protestbriefschreiberin kann ich Liedersammlungen darüber singen!!), aber bitte, bleibt realistische und selbstbewusste AkademikerInnen! Wegen einer blöden Eistüte, die nicht schmeckt, schreie ich wirklich nicht nach Durchführungsbestimmungen, sondern zähle, ohne mit der Wimper zu zucken: Eins, zwei, nix, drei, vier – Richtig!

  6. Sehr geehrter Kollege Quin!
    Grundsätzlich finde ich Ihre Kommentare zu den aktuellen Schulproblemen
    recht gut. Bezüglich Ihres letzten Kommentars erlaube ich mir als Anglistin
    einige Anmerkungen:
    (1) Die Notenschwelle von 90,75 % zwischen „gut“ und „sehr gut“ kommt
    dadurch zustande, weil die positiven Notenintervalle gleich breit sind.
    (2) Der Herabwürdigung und der Forderung nach Abschaffung des „BIFIE“
    stimme ich nicht zu, weil die Entwicklung von objektivierbaren Standards
    und ihre statistische Absicherung eine langwierige und anerkennenswerte
    Leistung ist. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass solche gravierende
    Fehler wie bei der SRP aus Englisch und Mathematik nicht passieren dürfen.
    (3) Vielmehr stört mich als Lehrerin, dass die Deskriptoren, welche die vier
    Auswertungskategorien von Aufsätzen beschreiben, oft unscharf und nicht
    wohlunterscheidbar sind, sich häufig überschneiden, und auch in ihrer Anzahl zu viele sind. Dadurch wird das Differenzierungsvermögen des
    Lehrers überfordert.
    (4) Die BIFIE-Rechner zur Auswertung von Schularbeiten und Reife-prüfungen sind in verschiedener Hinsicht mangelhaft. Wer einfachere und übersichtlichere Excel-Auswertungsblätter für Englisch und Mathematik sucht, dem kann ich nur die Homepage „www.paukert.at“ empfehlen. Man findet dort unter „schule“ sehr nützliche Werkzeuge für die Notenauswertung von Tests, Schularbeiten und Reifeprüfungen. Diese werden bereits in mehreren Wiener AHS mit Erfolg verwendet. Außerdem findet man auf dieser Homepage über 100 Unterrichtsprojekte zum kostenlosen Download.
    Mit kollegialem Gruß,
    Mag. Susanne Holböck

  7. Für alle, die nun wissen möchten, wie das BIFIE aufgestellt ist und wieviel Geld dafür aufgeht:

    Laut Rechnungshof
    bekam das Bifie 2008 vom Ministerium noch eine Basisabgeltung von 6,3 Millionen Euro, liegt diese laut Ministerium derzeit bei insgesamt 20 (!) Millionen Euro.
    • Auch die Zahl der Mitarbeiter stieg laufend. Laut Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) arbeiten derzeit 180 Leute am Bifie – und das, obwohl die PISA- und Bildungsstandard-Testungen abgesagt wurden. Zumindest heuer soll niemand gekündigt werden.
    • Weitere Geldvernichtung: Das Bifie ist bereits ein vom Ministerium ausgegliedertes Institut, gliedert aber selbst weiter aus: So gibt es bei der Zentralmatura für jedes Fach eine externe Expertenkommission aus rund 15 Lehrern und Uni-Professoren. Ihnen werden Reisekosten, den Wissenschaftern auch Honorare ausbezahlt…

    Fortsetzung dürfte folgen…

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