Gerhard Riegler: Anstand und Verantwortung

Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken.“ So liest man im Schulorganisationsgesetz über die „Aufgabe der österreichischen Schule“.

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Wir LehrerInnen sind also nicht „nur“ moralisch, sondern auch gesetzlich dazu verpflichtet, die uns anvertrauten SchülerInnen zu verantwortungsvollen und im besten Wortsinn „anständigen“ Menschen zu erziehen. Dieser Aufgabe stellen wir uns Tag für Tag, auch wenn uns bewusst ist, dass unser Wirken im erzieherischen Bereich rasch an seine Grenzen stößt. Eine Kollegin hat einmal erschöpft festgestellt, dass es ihr öfter gelingt, mathematisch wenig Begabten das Integral nahezubringen als zu Hause wenig Erzogenen ein anständiges Benehmen.

Die Ereignisse rund um die Zentralmatura führten uns in der letzten Woche vor Augen, wie schlecht es auch außerhalb des Klassenzimmers um den Anstand bestellt ist: Selbst wo Fehler eklatant und Versäumnisse offenkundig waren, wurde versucht, sich mit fadenscheinigen Erklärungsversuchen herauszulavieren, anstatt sich anständig bei den Betroffenen zu entschuldigen. Statt sich zu Fehlern und Versäumnissen zu bekennen und öffentlich Abbitte zu leisten, machte man es sich im Bunker mit der Aufschrift „Geheimhaltung“ bequem.

Die Themenwahl bei der Deutsch-Klausur belegt in beeindruckender Weise einen Mangel an Moral und Anstand. Selbst wenn ich den Verantwortlichen zubillige, die Textauswahl und Themenstellung „nach bestem Wissen und Gewissen“ vorgenommen zu haben, wären sie meines Erachtens nach der öffentlich geäußerten Kritik dazu verpflichtet gewesen, öffentlich Stellung zu beziehen.

Wie kann es sein, dass sich die verantwortliche Person oder Personengruppe, die den Text ausgewählt und die Fragen dazu erstellt hat, ganz einfach verbirgt und verschweigt? Kein Wort der Rechtfertigung oder gar der Entschuldigung! Fehlt es am Anstand?

Wie kann es sein, dass die verantwortliche Kommission, die diesen Vorschlag abzusegnen hatte, es nicht der Mühe Wert gefunden hat, der Öffentlichkeit, insbesondere aber den betroffenen ReifeprüfungskandidatInnen, zu erklären, was hier schief gelaufen ist? Fehlt es auch ihr am Anstand?

Wie sollen LehrerInnen von jungen Menschen erreichen, sich für vergleichsweise harmloses Fehlverhalten zu entschuldigen, wenn im Dunstkreis des Unterrichtsministeriums Achselzucken und Bunkermentalität die standardisierte Form des Umgangs mit eigenen Fehlern sind? In den unüberschaubar vielen, rund um die Zentralmatura eingerichteten „Kommissionen“ muss rasch und „anständig“ umgerührt werden, damit Anstand wieder zur Grundkompetenz wird, auch wenn er sich nicht so leicht vermessen lässt.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Anstand und Verantwortung

  1. Und nicht zu vergessen der Vertrauensverlust, der bei jungen Leuten gegenüber staatlichen Institutionen eintreten muss, wenn sie erleben, wie diese bei der wichtigsten Prüfung ihres bisherigen Lebens agieren: fehlerhaft, schnoddrig und „von oben“, jedenfalls absolut nicht partnerschaftlich oder mitmenschlich…

  2. Wer echt Verantwortung trägt und sich zu dieser auch bekennt, setzt schon ein Zeichen des Anstandes. Anstand haben und ihn vor allem zu zeigen, ihn zu üben, das muss gelernt sein. Viele, die die gesellschaftliche oder/und amtliche (bürokratische) Leiter hochklettern, verlieren oft dieses Gefühl für Verantwortung und Anstand. Und „die oben“ nehmen zunehmend die Haltung ein, dass „die unten“ „nix zu reden haben“, weil man ja in der hohen Position sowieso unfehlbar ist … wie einst es auch gahndhabt wurde.Im Falle BIFIE heißt das, wir sind in unsere Positionen berufen (wie???), somit sowieso die, die es wissen….

    1. Wie schön, wenn dies ein Vorurteil wäre!
      Umso mehr schätze ich die Ausnahmen, die es in diesem System auch gibt: Persönlichkeiten, die immer PädagogInnen bleiben und ihre Erfahrung aus der Praxis nicht abstreifen, wohin auch immer sie ihre Berufslaufbahn gebracht hat. Wie schön, wenn das der Regelfall wäre!

  3. …und dann werden die vorzeitig abberufenen Direktoren wohl noch die vier Jahre ihren weiteren Bezug erhalten, dessen Monatsgehalt wohl dem Jahresgehalt eines Lehrers entspricht. Wieviele Teilungsgruppen könnten damit finanziert werden. Es muss ja bekanntlich gespart werden… Ich glaube da sollten wir dann schon etwas Druck machen, um diesen Vorfall bis zur letzten Konseqenz öffentlich zu machen!

    p.s. was ist denn mit unserer Exministerin? Zuerst das Bankdebakel – ohne Konsequenzen, jetzt das Schuldebakel und …?

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