Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

Am Mittwoch der Vorwoche präsentierte das BIFIE um 10 Uhr MedienvertreterInnen den „Nationalen Bildungsbericht“. Wer wie ich dieses alle drei Jahre erscheinende Werk sofort nachlesen wollte und deshalb die BIFIE-Website besuchte, erfuhr, dass man es im Lauf des Nachmittags zum Download anbieten werde. Offensichtlich sollten Medien ausschließlich anhand dessen berichten können, was man ihnen in der Pressekonferenz präsentierte. Das gelang …

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Drei Tage habe ich in die Lektüre des über 600 Seiten umfassenden Berichts investiert, für den nicht wenig Steuergeld ausgegeben wird.

Der erste Tag war der Tag der Enttäuschung. Die Hoffnung, neueste Daten vorzufinden, die ich in meine Datenbank einspeisen kann, wurde nicht erfüllt. Geboten wird eine Auswahl längst bekannter Daten, die teilweise sogar schon überholt sind.

Der zweite Tag war der Tag der Empörung. Über weite Strecken glaubt man, ein politisches Propagandawerk vor sich zu haben und keinen „Nationalen Bildungsbericht“. Zentrales Thema der Propaganda war, wie könnte es anders sein, das Schlechtreden unseres differenzierten Schulwesens. Keine Erwähnung finden durfte hier natürlich,

  • dass es unserem differenzierten Schulwesen gelingt, die Abhängigkeit der Schülerleistungen vom Elternhaus während der kritisierten Sekundarstufe I zu reduzieren, und
  • dass die Leistungen der 15-Jährigen im internationalen Vergleich weit besser liegen als die unserer 10-Jährigen, was ich schon vor Jahren nachgewiesen habe. (1)

Der dritte Tag aber war der Tag der Erkenntnis. Seit Jahren wundere ich mich, dass Österreichs Schulpolitik und ihre „ExpertInnen“ immer wieder horrende Zahlen betreff Schulabbruch in Umlauf bringen, während internationale Analysen unserem Schulwesen diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis ausstellen. Laut Eurostat haben in Österreich nur 7,3 % der 18- bis 24-Jährigen ihre Schullaufbahn ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II abgebrochen, während es im EU-Mittel um die Hälfte mehr sind. (2)

Nun weiß ich den Grund: „Auch das BMBF selbst kann Übergänge von Schülerinnen und Schülern von der Sekundarstufe I in land- und forstwirtschaftliche und Gesundheitsschulen nicht nachvollziehen und somit Analysen des Bildungsabbruchs nur eingeschränkt durchführen.“ (3)

Und wie löst man das ministerielle Informationsdefizit? Ganz einfach: Die fast 40.000 jungen Menschen, die das BMBF aus dem Blick verliert, weil sie die oben genannten Schulen besuchen, werden zu denen hinzugerechnet, die als SchulabbrecherInnen aus unserem Schulwesen fallen.

Dazu fällt mir Univ.-Prof. Hopmanns Bilanz der Bildungsdebatte ein: „Die österreichische Debatte ist extrem von Überzeugungen geprägt, die sich relativ unbeschadet von empirischem Wissen verhalten.“ (4)

Empirisches Wissen habe ich mir vom „Nationalen Bildungsbericht“ erhofft. Für die Qualität des Gebotenen trägt die neue Unterrichtsministerin selbstverständlich keinerlei Verantwortung. Dringend geboten erscheint aber die Entscheidung, ob der Bericht die in ihn investierten Ressourcen des Unterrichtsbudgets wert ist.

Da die neue Unterrichtsministerin erfreulicherweise eine faktenbasierte Schulpolitik angekündigt hat, wird sie auf einen „Nationalen Bildungsbericht“ nicht verzichten wollen. Dann ist aber schnellstens zu entscheiden, wem die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut wird, einen „Nationalen Bildungsbericht“ zu verfassen, der diesen Namen tatsächlich verdient.

(1) Siehe Gerhard Riegler, Facts statt fakes. In: gymnasium vom Jänner/Februar 2014, S. 17

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 2. Juni 2016.

(3) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015, Band 2 (2016), S. 189.

(4) Zit. n. Gesamtschule: „Kasperl aus dem Sack“. In: Presse online vom 5. April 2016.

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7 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Eine Erkenntnis reicher

  1. Enttäuschung, Empörung, Erkenntnis – das setzt wenigstens voraus, dass Berichte überhaupt gelesen und analysiert werden.

    Es geht aber auch anders:

    https://www.bmbf.gv.at/ministerium/vp/2016/Ergebnisse_der_Reifepruefung_AHS_2014-2015_end.pdf?5eibc5

    Auf dieser Seite findet man detaillierte Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura 2015. (Obwohl der Ausdruck „schriftliche Zentralmatura“ nicht mehr zutreffend ist, weil sie ja durch die Kompensationsprüfungen weichgespült wird. Die Noten a.a.O. sind jene nach den Kompensationsprüfungen.)
    Die Seite ist seit dem 6. Mai 2016 online. Die PRESSE vom 7. Mai widmete diesen Daten übrigens fast ihre gesamte Seite 3. (Der Aufmacher auf den Seiten 1-3 lautete: „Premiere für die Zentralmatura“.)

    Das für mich Faszinierende ist, dass diese Daten von niemandem in Österreich zur Kenntnis genommen werden, obwohl schon ein kursorischer Blick darauf zeigt, dass man nur einen Schluss daraus ziehen kann, nämlich: Die Premiere der Zentralmatura im Jahr 2015 war in Deutsch und Englisch ein totaler Rohrkrepierer. (In den anderen Fremdsprachen übrigens auch – diese Daten habe ich aus einer anderen Quelle.)
    In Englisch kam auf 48 Sehr gut ein einziges Nicht genügend. Sie glauben, das lässt sich nicht toppen? Weit gefehlt: In Deutsch wurde jedes Nicht genügend mit 199 (!) Sehr gut aufgewogen.

    Ein solches Ergebnis ist nicht unseriös, ein solches Ergebnis ist nicht peinlich – ein solches Ergebnis ist einfach nur mehr absurd.

    Die beiden Autorinnen des PRESSE-Artikels vom 7. Mai, Bernadette Bayrhammer und Julia Neuhauser, kommentieren das dagegen so: „Im Durchschnitt war bei den Noten alles im Lot.“ Was soll man da machen, wenn einem jemand sagt: „Im Sommer ist der Himmel grün?“

    Und was hat das alles mit den (aktuellen) Quintessenzen zu tun?
    Nun – Kollege Riegler widmet sich seit Jahren verdienstvollerweise (siehe „daten.dienst.tag“) der Analyse von diversen Studien. Hier jedoch, wo es eh nur um das größte Projekt der AHS in den letzten Jahrzehnten geht, schweigt er. Dass aus der Kollegenschaft nichts kommt, wundert mich sowieso nicht – diesbezüglich habe ich schon lange alle Illusionen verloren. Aber dass selbst ein so ausgewiesener Experte für die Analyse von Datensätzen wie Kollege Riegler seit vier Wochen kein Wort darüber verliert, dass die schriftliche Zentralmatura in den Sprachen nachweislich mit einem veritablen Bauchfleck debütiert hat, das begreife ich nicht.

    Soweit mein Beitrag zum Thema „Enttäuschung“. Für „Empörung“ bin ich schon zu lange im Schuldienst (39. Dienstjahr).

  2. Nicht nur die Erstellung des „Nationalen Bildungsberichts“ sollte dem BIFIE entzogen werden …

    Otto Strassl

  3. Herr Riegler, der vollständige Bericht lag bei der PK auf. Zusätzlich gab es eine sehr umfassende Präsentation zweier Experten. Bitte keine Verschwörungstheorien, das hilft niemandem. MfG J. Hofer, ORF-ZiB

    1. Herr Hofer, ich nehme zur Kenntnis, dass Sie mit der Information, auf deren Basis im ORF berichtet wurde, zufrieden sind. Haben Sie den über 600 Seiten umfassenden Bericht gelesen? Wenn ja, warum wurde über den von mir dargelegten Unfug betreff der „Dropout“-Quote nicht berichtet?

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