Abschied von der Politik

Die Koalitionspartner führen „zusätzlich zur Neuen Mittelschule eine Mittelstufe als Orientierungsphase für die 10- bis 12-Jährigen“ ein. Schon im Schuljahr 2014/15 soll damit begonnen werden können […] Die Gesamtschule für alle bis zum 12. Lebensjahr ist damit praktisch fix. […]

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Die Koalitions-„Experten“ haben zwar noch keine „pädagogische und organisatorische Konfiguration“ für diese zwei neuen Klassenstufen. Aber eines steht schon fest: „Der Unterricht erfolgt gemäß den Rahmenbedingungen der NMS“. Mit anderen Worten: Sie wissen zwar noch nicht Was und Wie, aber es steht fest, dass es eine Gesamtschule ist.

Weitere Skurrilität: Diese Gesamtschule soll laut Koalition nicht nur an AHS, sondern auch an Volksschulen eingeführt werden. Was nichts anderes ist als für volle sechs Jahre ein Zurück zur achtklassigen Volksschule der Maria Theresia. […]

Eine besondere Frechheit der Koalitions-„Experten“: Sie wagen es, im gleichen Papier von „Stärkung der Schulautonomie“ zu reden. Das heißt aber nicht etwa, dass die Schulen entscheiden könnten, ob sie das Gesamtschulmodell umsetzen. […]

Mit absoluter Garantie: Dieses „Bildungs“-Papier wird bei einer Umsetzung die künftige Bildungs-Qualität der jungen Österreicher signifikant verschlechtern. Und sehr viel teurer machen. Beides sind ja offenbar die Ziele dieser Koalitionsverhandlungen.“ (1)

Mir wäre es ja keine Zeile wert, hätte ich diese Worte in „Österreich“ oder einem ähnlichen „Qualitätsmedium“ gelesen. Blanker Unsinn, hätte ich mir gedacht, Effekthascherei, Kaffeesudleserei. Die Worte stammen aber von Dr. Andreas Unterberger, dem langjährigen Chefredakteur der „Presse“ und der „Wiener Zeitung“, dem Online-Journalisten des Jahres 2010 und politischen Blogger. Heute um 1:00 in der Früh postete er einen Kommentar mit dem Titel „Die Gesamtschule kommt: Die AHS wird mit Zustimmung der ÖVP um zwei Jahre kastriert“, aus dem die zitierten Passagen stammen. Unterberger beruft sich auf ein „Zwischenprotokoll“, das ihm exklusiv vorliege.

Wenn das SPÖ-ÖVP-Koalitionsübereinkommen im Bildungsbereich nicht so aussieht, erwarte ich mir eine sofortige und hörbare Klarstellung durch die Regierungsparteien – zumindest aber durch die ÖVP. Bis jetzt habe ich sie nicht vernommen. Ganz im Gegenteil! Die „Presse“ schreibt, ein „entsprechendes Gerücht, das der Blogger Andreas Unterberger am Donnerstag veröffentlicht hat, wurde der „Presse“ in Koalitionskreisen bestätigt.“ (2)

Sollten Unterbergers Ausführungen dem rot-schwarzen Pakt entsprechen, dann wollen sich manche in der ÖVP wohl nicht nur das angeblich so tolle italienische Schulsystem zum Vorbild nehmen, sondern auch die Democrazia Cristiana, die als gemäßigte katholische Volkspartei zwischen 1945 und 1993 fast alle Ministerpräsidenten Italiens stellte und Mitte der 90er-Jahre in die Bedeutungslosigkeit verschwand.

Dem Gymnasium, der preiswertesten (3) und beliebtesten Schulart, die ersten beiden Jahre zu rauben, dem achtjährigen Gymnasium also die beiden Unterschenkel zu amputieren, werden die WählerInnen den Regierungsparteien hoffentlich nicht verzeihen – und der ÖVP schon gar nicht, hat diese doch den Erhalt der AHS-Langform immer wieder versprochen – auch noch vor der letzten Nationalratswahl.

Der letzte Generalsekretär der Democrazia Cristiana Mino Martinazzoli meinte: „Eine Politik ohne Ethik ist keine Politik mehr.“ (4) Wenn die Ausführungen von Dr. Andreas Unterberger stimmen, so hat sich zumindest die ÖVP von der Politik verabschiedet.

(1) Andreas Unterberger, Die Gesamtschule kommt: Die AHS wird mit Zustimmung der ÖVP um zwei Jahre kastriert. In: andreas-unterberger.at am 28. November 2013.

(2) Julia Neuhauser, Bernadette Bayrhammer, Thomas Prior, Koalition plant „Gesamtschule light“. In: Presse online vom 28. November 2013.

(3) Bezogen auf die Pro-Kopfkosten der Schüler.

(4) „La politica separata dall’etica non è più politica.

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14 Kommentare

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14 Antworten zu “Abschied von der Politik

  1. Also wenn sich dieses handfeste Gerücht bestätigt, dann kann es als erste Reaktion nur eines geben – nämlich dass diejenigen, die (noch) hinter der der Österreichischen Volkspartei standen (die diesen Namen dann nicht mehr zu Recht trägt) sich dauer- und massenhaft von ihr abkehren. Das wird vermtulich die ÖVP nicht „kratzen“, weil sie sich offenbar davon, dass sie den Eltern die Wahlmöglichkeit einer guten, profunden Ausbildung ihrer elf- und zwölfjährigen Kinder nehmen, viele neue WählerInnenstimmen erwarten. Die Zukunft wird es zeigen …

    • Mir ist die Schulform egal. Die Leistung muss steigen. Die kann erreicht werden, indem vor Eintritt in die Volksschule verpflichtend die Unterrichtssprache soweit beherrscht werden muss, dass dem Unterricht gefolgt werden kann. Weiters kann das erreicht werden, indem schlechte Schüler wieder bei groben Defiziten in mehr als einem Fach auf altbekannte Art die Klasse wiederholen dürfen um sich auf ihre speziellen Defizite konzentrieren zu können. Darüber hinaus ist eine Leistungsbeurteilung der Lehrer absolut erforderlich und Defizite der Lehrer müssen in den Sommerferien durch Training verbessert werden.

      Sind all diese Maßnahmen implementiert, dann haben wir kein Problem, jede Wette!

      Die gute und profunde Ausbildung ist hier kaum vorhanden. Die ÖVP sollte sich mal eine Schule in Shanghai anschauen. Chinesische Migranten lachen über das Niedrigniveau der österreichischen Gymnasien.

      Kein einziger Maturant hat hier eine Ahnung von Wirtschaft, Geschichte, Biologie, Philosophie.

      Ich wette die meisten AHS-Professoren verstehen nicht einmal einen cross-currency swap, Geldtheorie, die Taylor-Rule oder wie das Kraftwerk Kaprun funktioniert. Vom Frequenzspektrum so und so keine Ahnung!

      Mathematik ist unter aller Sau, es gibt in keinem technisch-naturwissenschaftlichen Fach einen lebensnahen Connex zur Realität und zur Wirtschaft. Die Sprachkenntnisse sind schlecht, die Fähigkeit Zusammenhänge zu erkennen, ist katastrophal.

      Meine Rechtschreibung ist auch katastrophal und mein Englisch und Französisch sehr untrainiert, aber wenigstens habe ich die Fähigkeit mir neues Wissen zu erarbeiten.

      Diese Fähigkeit fehlt 90% der Österreicher inzwischen.

      Wir haben nicht mehr die Hochkonjunktur der 70er Jahre, das Pensionssystem ist nicht finanzierbar und die wirtschaftliche Entwicklung ist schlecht. Die Banken stehen vor neuen Problemen.

      Wer kann dieses Paper von den Forumslesern hier, sinnerfassend lesen, verstehen, begreifen, erfassen?

      http://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecbwp1508.pdf

    • Reinhold Sulz

      Das schauert uns ähnlich: Sich von denen abwenden, die unserer Meinung nach noch das „Richtige“ vertreten. Und das damit begründen, dass sie nicht mehr mächtig genug sind es auch durchzusetzen.

      Langsam verstehe ich, warum die ÖVP – vor allem unter Josef Pröll – voller guter Ideen war (z.B. Transparenzdatenbank) aber trotzdem an Wählerstimme verliert.

  2. Johann Sohm

    Diese Partei hat keine Rückgrat mehr. Und Bildungskonzept schon gar nicht. Sie wird den Weg der Democristiani gehen und in der Versenkung verschwinden. Oder sie wird eine kleine Sektion der SPÖ. Wozu schwarz wählen, wenn sie sowieso nur die Mehrheitsbeschaffer für eine rote Politik sind? Sie haben uns vor der Wahl infam belogen und verdienen sich keine Stimme mehr von bildungsbewussten Bürgern. Ich habe meine Konsequenzen gezogen und bin nach dem Ministerratsbeschluss nach mehr als 40jähriger Zugehörigkeit ausgetreten.

    • Reinhold Sulz

      Das ist eigenartig. Ich war bisher einer der seltenen ÖVP-Mitglieder ohne dabei bei einem Bund zu sein. Ich werde nächstens zum ÖAAB bzw. FCG wechseln. Ich bin mämlich seit September diesen Jahres Lehrer.

      Und ich versthe nicht, warum Sie die Partrei verlassen, wenn sie Sie amdriungendsten braucht. Bei Rückzugsgefechten nämlich.

  3. Haiku

    Gut. Die FPÖ hat inzwischen die (junge) Arbeiterschaft hinter sich. Sie hat einen rechten Rand (ist mir lieber als eine eigenständige extrem rechte Partei) und ist gemäßigt Europakritisch. Im Vergleich zu anderen rechten Parteien in der europäischen Landschaft steht sie jedenfalls immer im „Verfassungsbogen“. Dr. Rosenkranz als ihr Bildungssprecher ist nunmehr der einzige(!) Fürsprecher der Langform der AHS. Als überzeugter Anhänger einer ganzheitlichen Bildung und als Lehrer, der interessierte Schülerinnen und Schüler für ein Hochschulstudium vorbereiten möchte, wüsste ich nicht, was mich für die ÖVP noch begeistern sollte. Nicht HC, aber die FPÖ wird nun wohl auch bei den Bildungsbürgern punkten…

    • F.E.

      Die Rosenkranz und „bei Bildungsbürgern punkten“ in einem Satz zu erwähnen würde ich jetzt mal als etwas gewagt sehen.

      Anmerkung Quin: Ohne mich in diese Diskussion einmischen zu wollen – gemeint ist vermutlich Dr. Walter Rosenkranz, Bildungssprecher der FPÖ, und nicht Barbara Rosenkranz.

      • F.E.

        Ow, peinlich aber auch, ich muss zugeben das mir die Strukturen der braunen, äh, blauen nicht wirklich bekannt sind, bei Rosenkranz musste ich unweigerlich an Barbara Rosenkranz denken.

        Ich würde trotzdem bezweifeln das all zu viele Menschen aus dem Bildungsbürgertum sich entschließen werden die FPÖ zu wählen.
        Neonazis und Bildungsbürgertum, das passt nicht wirklich gut zusammen.

  4. Alfred Schirlbauer

    tut mir leid, dass ich Spindi gewählt habe. man hätte es sich denken können, dass er kein rückgrat hat…sonst hätte er sich auch von seinem coach nicht so entstellen lassen. spindi nach Brüssel!

  5. gut. und was tun wir lehrer, außer zu kommentieren?
    wann handeln wir endlich?
    ich handle:
    -) ich veranstalte mit meinen schülern keine schikurse, sprachwochen,
    sportwochen, kennenlerntage, abschlusstage, schulgottesdienste, …,
    mehr.
    -) ich besuche mit schülern keine wie immer geartete veranstaltung
    (kino, theater – auch nicht das englische, ausstellung, museum, … )
    -) ich sagen dem schulfotografen schon jetzt ab.
    -) post von schulbuchverlagen öffne ich nicht mehr, denn ich bestelle
    auch keine schulbücher mehr. das geht sicherlich auch so.
    -) ich setze mich vehement für die rücknahme der autonomen tage und
    der semesterferien ein. wir hatten die autonomen tage früher (in dieser
    form – sie haben uns bei vielen eltern und medien nur weitere antipathien
    eingebracht) auch nicht zur disposition und leider haben wir lehrer bei der einführung der semesterferien anno 1973 gemäß „Wenn man dir gibt, dann nimm! Wenn man dir nimmt, dann schraj!“ auch nicht halt gerufen bzw. pädagogische einwände vorgebracht.

    und trotzdem entspricht mein dienst noch immer den vorschriften.

    Any fool can criticize, condemn and complain – and most fools do.
    Dale Carnegie (How to Win Friends and Influence People,1936)

    walther stuzka, 910026, neulandschule wien
    stu@nls.at

    • Fichtinger

      Endlich!!!!!!!!!!!
      Ich mach es auch so…….keine Ausstellungen der Gesellschaft für Europapolitik mehr an die Schule holen, keine Diskussionsveranstaltungen …kein Lobbying für Euopawahlen……..das geht sich in den 17 Stunden, die laut kleinen Printmedien an der Schule bin wirklich nimmer aus……….
      keine Schülerfirma mehr gründen, keine Besuche bei der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, keine Parlamentsbesuche mehr…….Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer fallen uns doch seit langem nur mehr in den Rücken………..

  6. Karl Digruber

    Keulenschlag
    Warum gibt es ein Parteiprogramm, einen ÖVP-Parteiobmann, der beteuert, wie ach so wichtig ihm das Gymnasium ist, wenn jetzt alles anders sein soll, nur weil man als Erfüllungsgehilfe und Ministrant der SPÖ weiterregieren möchte. Wenn das wirklich kommt, dann schafft sich die ÖVP selber ab. So kann man die Partei auch zerstören, wenn man einfach sein Wort bricht und eine totale Kehrtwendung macht. Gute Nacht, ÖVP.

    Karl Digruber, Landeck

  7. Oskar Frittum

    DIe Kommentare von Johann Sohm und perternuss kann ich nur vollinhaltlich unterstreichen.
    Dir. HR Mag. Oskar Frittum

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