Die LehrerInnen sind schuld …

Wir haben uns auf ein Jahrhundertprojekt und epochales Werk geeinigt: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“, erklärte die damalige Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied am 25. Oktober 2011 in einer Presseaussendung. (1) „Die Ministerin betonte außerdem, es gehe bei der NMS um mehr als den „Austausch der Türtaferl“, es handle sich um eine „neue Schulart mit besonderen pädagogischen Qualitäten“.“ (2)

bigstock-Motivational-Background-53846014_blog

Mehr als drei Jahre später gibt es diese Unterrichtsministerin nicht mehr, wohl aber einen Bericht über den „Erfolg“ der NMS: „Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“, heißt es in der zusammenfassenden Analyse. (3) Weniger sperrig ausgedrückt: Außer Spesen nichts gewesen. Aber die sind dafür gewaltig: 233 Millionen Euro pro Jahr „exkl. aller Begleitkosten“, gab BM Schmied im Juli 2011 bekannt. (4) Ich schätze die Gesamtkosten im Vollausbau auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Von der zusätzlichen, unbezahlten und unbedankten Arbeit der LehrerInnen rede ich gar nicht.

Das Evaluationsergebnis selbst ist nicht überraschend. „Die Praktiker wissen […] schon lange, dass es natürlich im Bereich der NMS auch Schwachstellen gibt, die die sogenannten Schreibtischtäter und Theoretiker nicht gesehen haben bzw. bis heute nicht sehen wollen“, bringt es Paul Kimberger, der Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, auf den Punkt. (5) Univ.-Prof. Dr. Ferdinand Eder, der Leiter der NMS-Evaluierung, weiß es schon seit 2002 – zumindest, wenn er an seine eigene Studie glaubt, in der die Ergebnisse aller Schulversuche der Sekundarstufe I bilanziert wurden:

Die Evaluationsuntersuchungen ergaben jedoch, dass SchülerInnen vom Niveau der LG III in leistungsheterogenen Mittelschulklassen keine günstigeren Ergebnisse hinsichtlich Lernerfolgen, Befindlichkeit und Einschätzung des Klassenklimas aufwiesen als Schülerinnen der Leistungsgruppe III von Regel-Hauptschulen – obwohl in den Versuchsklassen sehr viel unternommen wurde, um sie durch Teamteaching und Methoden eines schülerorientierten Unterrichts besonders zu fördern. Demnach erbrachten die bisherigen Bemühungen der Schulversuche in der Sekundarstufe I […] trotz hohen Ressourceneinsatzes und eines starken Engagements der Lehrenden keine deutliche Verbesserung hinsichtlich fachlicher Lernerfolge, Schülerbefindlichkeit und Klassenklima.“ (6)

Trotz all dieser Erkenntnisse zwingt das Unterrichtsministerium die Schulen in ein pädagogisch fragwürdiges Korsett mit verpflichtendem Teamteaching, dem faktischen Verbot der Teilung in Leistungsgruppen, einer 7-teiligen Notenskala etc. und verhindert damit eine positive Auswirkung der zusätzlichen Ressourcen. Und dann erdreistet sich die Politik auch noch, den LehrerInnen die Schuld für das bildungspolitische Versagen zu geben: „Ministerin gibt Lehrern Mitschuld“, war im „Kurier“ zu lesen. (7) Hat BM Heinisch-Hosek zwei Monate gebraucht, um diesen Schluss aus dem Bericht zu ziehen, der dem Ministerium bereits am 30. Dezember 2014 übermittelt worden ist? (8) Diese Chuzpe regt nicht nur mich auf. Auch Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann meint: „Schuld am Versagen ist die Politik, nicht die Lehrer!“ Und er äußert einen dringenden Wunsch: „Ich hätte gerne einmal eine Ministerin, die das Wort Verantwortung buchstabieren kann.“ (9)

(1) Bildungsreform – Ministerin Schmied: „Epochales Werk: Die Neue Mittelschule wird zur Regelschule“. OTS-Aussendung vom 25. Oktober 2011.

(2) Regierung schafft Hauptschule endgültig ab. In: Standard online vom 25. Oktober 2011.

(3) Ferdinand Eder, Herbert Altrichter, Johann Bacher, Franz Hofmann, Christoph Weber, Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS). Befunde aus den Anfangskohorten. Zusammenfassung (Salzburg und Linz, Februar 2015), S. 22.

(4) Beantwortung der parlamentarischen Anfrage Nr. 8542/J-NR/2011 betreffend Kosten der Neuen Mittelschule (NMS) von Dr. Walter Rosenkranz durch BM Dr. Claudia Schmied vom 13. Juli 2011.

(5) Julia Neuhauser, NMS: „Schreibtischtäter wollten Schwächen nicht sehen“. In: Presse online vom 4. März 2015.

(6) Günther Grogger, Werner Specht, Erich Svecnik Ferdinand Eder, Gottfried Petri, Franz Rauch, Bilanzierung aller Schulversuche der Sekundarstufe I. Metaanalyse vorliegender Evaluations- und Erfahrungsberichte (Graz 2002), S. 5f.

(7) Ute Brühl und Bernhard Gaul, Warum die Schulreform eine halbe Sache blieb. In: Kurier online vom 4. März 2015.

(8) Siehe Jasmin Bürger, Neue Mittelschule: Ministerium hält Bericht unter Verschluss. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 5. Februar 2015.

(9) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

7 Antworten zu “Die LehrerInnen sind schuld …

  1. Never change a running system

    Oder: Don’t change something that is working. Dieser „Weisheit“ bin ich jahrzehntelang als EDV-Betreuer gefolgt und bin gut damit gefahren. 🙂 Als Bildungsberater eines Gymnasiums in Niederösterreich konnte ich mich von der (guten) Qualität der nunmehr abgeschafften Landhauptschulen überzeugen. Auch wenn Schulen und Bildung natürlich einer ständigen Erneuerung bedürfen, hätte man die Hauptschule nicht mit dem Bade ausschütten sollen und ein von vornherein fragwürdiges Konzept „Neue Mittelschule“ den Schülern, Eltern und Lehrern auf’s Aug‘ drücken dürfen… Mich überrascht übrigens das Ergebnis der Evaluation gar nicht. 😉

  2. Mag. Wolf-Dieter Sterkl

    Unter den österr. Zeitungen nimmt auch zu diesem Thema der Bericht der SN eine Sonderstellung ein: die Evaluation Prof. Eders zeige, dass Schüler der NMS Lernhaltungen (etc.) bereits internalisiert hätten, so dass der Schluss nahe liegt, man müsste früher ansetzen, nämlich im Kindergarten und in der Grundschule. SN: Die Schuldiskussion laufe in Ö. in die falsche Richtung, weil sie, ideologisch verblendet, viel zu spät mit den kompensatorischen Bemühungen ansetze.

  3. Erich Wallner

    In der Zeitung lese ich, dass die erste Generation der NMS – also diejenigen, die sofort umgestellt haben – besser abschneidet als die Hauptschule.
    Mich würde interessieren, ob das stimmt – und was man gegebenenfalls daraus für Schlüsse ziehen kann.

  4. Christian Schacherreiter

    Das Argument, das Konzept NMS sei gut, es scheitere aber leider an den Menschen, die es umsetzen sollen, in diesem Fall also an den Lehrkräften, erinnert mich an gewisse alte Kommunisten, denen man das Versagen des Systems vor Augen geführt hat. Da hieß es dann auch immer: Kommunismus sei schon gut, er scheitere lediglich an der Umsetzung durch die Menschen. Nun ja, Systeme, die für Menschen gemacht werden (z.B. Schulen), sind aber leider nur dann gut, wenn sie von Menschen im praktischen Leben umgesetzt werden können.

    • Erich Wallner

      Ob das ein Religionslehrer auch so sehen würde? – Von wegen menschlichem Versagen und praktischer Umsetzbarkeit eines Systems?

  5. Es geht nicht so sehr um das Konzept der NMS. Die Geschichte hat einen rein politischen Hintergrund, den man in Demokratien allgemein findet. Eigentlich hatten das schon die absolutistischen Monarchien vor: man möchte die Untertanen dumm halten.
    Die heutigen Parteien möchten das auch. Offiziell darf das aber nicht bekannt werden. Daher entsteht die Teilung in Privat- und in öffentliche Schulen. Damit bekommt man das Problem in den Griff, dass Mehrheiten gut erzogen werden und zu kritischen Stellungnahmen befähigt werden. Das ist kein österreichisches Problem. Das wird praktisch weltweit so gespielt. Die „treuen“ Seelen für politische Jobs werden dann einfach aus einem Fischteich herausgesucht, wobei die Angeln mit Beziehungen gleich zu setzen sind.

  6. ch.sitte

    … und dazu dann der „Senf“ unseres besonderen Experten Glattauer im sonntäglichen Kurier
    http://kurier.at/politik/inland/interview-mit-niki-glattauer-die-neue-mittelschule-wurde-im-stich-gelassen/118.137.476
    Im der 2. Hälfte spricht er dann doch von Ganztagsschulen…
    und:
    er der „gr. Experte für eh alles“ ignoriert, dass seit dem LP 2000 dieser KEIN „Rahmen-LP“ ist wo LL weglassen können as they like…, sondern eben (siehe Kern-/Erweiterungsbereich – auch wenn darüber heute kein Hahn mehr kräht) heute dieser ein Minimal-LP ist, wo man davon dann nicht mehr „ein Vierten weglassen“ kann.
    Aber vielleicht erklärt das das schlechte Abschneiden…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s