Krähe oder Ärztin?

Apollon verliebte sich in Koronis. Als sie von ihm ein Kind erwartete, sandte er zu ihrer Bewachung einen wunderschönen, weißen Singvogel. Koronis wurde Apollon untreu und verliebte sich in einen Sterblichen. Der Vogel meldete dies sofort seinem Herrn. Apollon, erzürnt über diese Nachricht, bestrafte den Überbringer der schlechten Botschaft. Er änderte die Farbe seines Gefieders in Schwarz und verdammte das arme Tier, zu krächzen anstatt zu singen und fortan bevorstehendes Unheil anzuzeigen. Die Krähe ward erschaffen.

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„BIFIE-Leaks“ ließ mich an diese Geschichte aus der griechischen Mythologie denken. BM Heinisch-Hosek und die jetzigen BIFIE-Direktoren müssen sich mit einem Chaos herumschlagen, das ihre Vorgänger (1) hinterlassen haben. Immer wieder haben alle Schulpartner Zweifel an der Datensicherheit geäußert und auf diesbezügliche Probleme in anderen EU-Staaten hingewiesen. Und immer wieder wurde uns mit Überheblichkeit und mildem Lächeln mitgeteilt, dass so etwas in Österreich – angesichts der Kompetenz der Verantwortlichen – natürlich niemals vorkommen könne …

Nun ist das große Saubermachen angesagt: vollständige Aufklärung der Vorgänge im Unterrichtsministerium, im BIFIE, bei den beauftragen Firmen in Kärnten und im Kapsch-Imperium, vollständige Transparenz, Herstellung der notwendigen Datensicherheit …

So „nebenbei“ allerdings läuft das „Tagesgeschäft“ an den Schulen weiter – und das bedeutet u. a. auch die Durchführung der Klausuren in bereits zwei Monaten. Fast alle Gymnasien nehmen in einzelnen Gegenständen (meist Englisch) an Schulversuchen zur Zentralmatura teil.

Es ist alles Menschenmögliche zu tun, um die im Schulversuch beantragte und genehmigte Art der Reifeprüfung auch durchführen zu können. Bei aller Kritik an vollzentralen Klausuren (2) wäre es eine unerträgliche Zumutung für Schüler und Lehrer, wenige Wochen vor der Klausur die Spielregeln zu ändern. Das habe ich bereits am 5. März im Ö1-Morgenjournal unmissverständlich festgestellt.

Sollte dies wegen mangelnder Datensicherheit – also der Gefahr, dass die zentralen Aufgabestellungen kurz vor der Matura im Internet auftauchen – nicht möglich sein, was sich wohl niemand wünscht, sind die organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für eine andere Art der Abwicklung zu schaffen, die den Kandidaten und den Prüfern zumutbar ist. Ein Delegieren des Problems und der damit verbundenen Arbeit an die Schulen kann keinesfalls die Lösung sein. Darauf haben meine beiden Stellvertreter und ich in einem langen und konstruktiven Gespräch mit BM Heinisch-Hosek am Abend des 5. März hingewiesen.

Ich freue mich, dass während des Tippens dieser Zeilen folgende Nachricht in den Medien erscheint: „Die heurigen Maturajahrgänge werden die Klausuren auf jeden Fall in dem von ihnen geübten System schreiben, betonte das Unterrichtsministerium am Freitag auf APA-Anfrage. Sollte die Zentralmatura aus Sicherheitsgründen nicht mit den Aufgaben vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) durchgeführt werden, gibt es stattdessen Beispiel-Pakete vom Ministerium für alle betroffenen Schulen.“ (3)

Selbstverständlich bin ich im Interesse der Schüler und Lehrer an einer Beseitigung des Scherbenhaufens interessiert, der von BM Schmied hinterlassen worden ist. BM Heinisch-Hosek und das BIFIE können in diesem Punkt auf meine Unterstützung zählen. Danach erwarte ich zielorientierte Gespräche mit der Unterrichtsministerin, um die von ihrer Vorgängerin geschaffene Zentralmatura einer Qualitätsprüfung zu unterziehen und sinnvolle Veränderungen an ihr vorzunehmen.

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Koronis wurde von Apollons Zwillingsschwester Artemis getötet. Hermes schnitt den ungeborenen Asklepios (Äskulap) aus ihrem Mutterschoß. Als Erwachsener wurde er ein Arzt, der die Heilkunst wie kein zweiter beherrschte. Es gelang ihm sogar, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob BM Heinisch-Hosek mehr den Weg des weißen Singvogels oder den des Asklepios beschreiten wird. Mir wäre Letzteres lieber. Ich stehe jedenfalls zur Verfügung, um an der Heilung der Wunden zu arbeiten, die BM Schmied unserem Schulwesen geschlagen hat.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe Eckehard Quin, Matura abschaffen? Aber keine Rede davon! In: Standard online vom 25. Februar 2014.

(3) Zentralmatura findet im geübten System statt. In: Standard online vom 7. März 2014.

Bilder lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Krähe oder Ärztin?

  1. Ich befürchte aber, dass es im BMBF (wie das Unterrichtsministerium neurdings heißt) schon genug Krähen gibt. Wer Krähen kennt und auch deren Jagdmethoden, der weiß, dass Krähen nicht nur besonders klug sondern auch besonders grausam sein können ….

  2. Ad: „Sollte die Zentralmatura aus Sicherheitsgründen nicht mit den Aufgaben vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) durchgeführt werden, gibt es stattdessen Beispiel-Pakete vom Ministerium für alle betroffenen Schulen.“
    Das wird ja immer absurder – wie soll ausgerechnet in einem solchen Fall die Datensicherheit gewährleistet sein, wenn hunderte von Personen lange vor der Matura über die in Frage kommenden Beispiele verfügen?
    Ich gehe mal davon aus, dass es nicht Unmengen von Beispiel-Paketen geben wird; es sollte also für eine Schülerin, die in einem Fach schwach ist, möglich sein, ein halbes Dutzend oder so vorher mit einer Nachhilfelehrerin durchzuüben – mit einer guten Chance, das zu erwischen, was am Ende kommen wird.

  3. Angesichts der Tatsache, dass der einzige bisher von der Gewerkschaft ersonnene und durchgeboxte Beitrag zur neuen Reifeprüfung die inhaltlich völlig unsinnige und organisatorisch geradezu wahnwitzige Kompensationsprüfung ist, wofür sich die Gewerkschaft auch noch feiern ließ, bevor klar wurde, welches Chaos dadurch im Ablauf der Matura entstehen würde, darf man sich nur wünschen, dass bei weiteren „Verbesserungsvorschlägen“ eben diese Gewerkschaft sich möglichst NICHT durchsetzen möge.

    Anmerkung Quin: Angesichts solcher Kommentare weiß ich nie so genau, ob ich lachen oder weinen soll. Die Kollegin mag mich und/oder die AHS-Gewerkschaft nicht. Das ist ihr gutes Recht, und dafür kann es gute Gründe gebe. Ich vertrete eine klare Linie, die nicht jedem gefällt. Mir und/oder der AHS-Gewerkschaft zu unterstellen, die Möglichkeit der Kompensationsprüfungen gefordert zu haben, kann aber nur auf Unwissenheit und/oder Bösartigkeit und/oder Verlogenheit beruhen.

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