Wider den akademischen Snobismus

Jahrzehntelang haben die OECD und die ihr hörigen „Experten“ (1) Deutschland und Österreich wegen ihrer im internationalen Vergleich niedrigen Akademikerquoten gescholten. Wolle man den wirtschaftlichen Wohlstand sichern, führe, so hieß es apodiktisch, kein Weg vorbei an einer massiven Akademisierung breitester Bevölkerungsschichten. Andernfalls wären Not und Elend unvermeidlich. Alle, die etwa meinten, ein Schulwart müsse kein akademisch diplomierter „Facility Manager“ sein, wurden als hoffnungslos rückschrittlich gebrandmarkt.

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Wer glaubt, das Beispiel sei übertrieben, möge einen Blick nach Spanien riskieren: „Das Madrider Museum Prado sucht elf Portiere. Dafür beworben haben sich 18.254 Menschen, viele von ihnen mit zumindest einem Studienabschluss. Als Jahresgehalt werden 13.000 Euro geboten, damit kann man in Madrid kaum eine Wohnung zahlen.“ (2)

Irlands Bildungsminister Ruairi Quinn, Sozialdemokrat und somit über den Verdacht erhaben konservativ zu sein, sprach in einem Interview mit der Zeitung „Die Presse“ jetzt offen aus, was außerhalb von „Expertenkreisen“ ohnehin jeder weiß: Die Inflation an Akademikern ist vielfach einer Deflation an akademischem Anspruch geschuldet. „Die britische Regierungschefin Margret Thatcher hatte in den 1980er-Jahren polytechnische Lehranstalten in „Universitäten“ umbenannt, was ein Desaster war. Die Menschen dachten daraufhin, sie würden eine akademische Ausbildung erhalten. In Irland haben wir in den 1990-Jahre fast den gleichen Fehler gemacht: Regionale berufsbildende Schulen wurden in „Technologische Institute“ umgetauft. Woraufhin sie die Ambition entwickelten, universitärer zu werden …“ (3)

Und Ruairi Quinn streut dem österreichisch-deutschen Modell der breitgefächerten Ausbildung Rosen: „Wenn es darum geht, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, ist das duale Ausbildungssystem das bessere Modell. Wir müssen uns davor hüten, in akademischen Snobismus zu verfallen.“ (4) Und trotzdem hat sich Österreich dem internationalen Akademisierungswahn zu wenig widersetzt: „Wir produzieren „Master“ am Markt vorbei, während „Meister“ gute Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten hätten.“ (5)

Wer nun meint, der irische Bildungsminister stünde mit dieser Meinung allein auf weiter Flur, muss blind und/oder OECD-Experte sein. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt nämlich bis Ende 2015 pro Jahr 70 Milliarden Euro für zinsbegünstigte Kredite zur Verfügung. Die Vergabe der Gelder an Unternehmen in den Mitgliedsländern ist aber strikt an die Schaffung von Lehrstellen gekoppelt. (6)

Die Politiker und OECD-„Experten“, die das Bildungsschiff auf die akademische Sandbank haben auflaufen lassen, gehören endlich zum Teufel gejagt. Diese Clique hat schon viel zu lange menschliches Leid und wirtschaftlichen Schaden verursacht.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Helmut Brandstätter, Faymann bietet heimische Ausbildner an. In: Kurier Online vom 29. Mai 2013.

(3) „Nicht jeder Jugendliche hat das Zeug zum Akademiker“. In: Presse Printausgabe vom 25. Mai 2013.

(4) a.a.O.

(5) Martina Salomon, Akademisierung aller Lebensbereiche. In: Kurier Online vom 27. April 2013.

(6) Margaretha Kopeinig, EU-Bank macht 70 Mrd. für Jobs locker. In: Kurier Online vom 27. Mai 2013.

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Ein Gedanke zu “Wider den akademischen Snobismus

  1. Leider ist eine gewöhnliche Irrglaube, insbesondere bei Politiker, dass es (so gut wie ausschließlich) die Ausbildung ist, die die Kompetentz macht. Schlussfolgerung: Mehr Diplome geben uns mehr kompetente Menschen.

    In Wirklichkeit haben die Hochschulen eine Filterfunktion gehabt, und mit der Erweiterung der Studentenquote erfolgt sowohl eine Senkung der Durchschnittskompetenz der Absolventen als auch ein Bedarf, die Erfolgskriterien auf der Uni zu senken (oder aber eine sehr hohe Scheiterungsquote hinzunehmen…) mit einer weiteren Kompetenzsenkung als Folge, da der Gewinn für die guten Köpfe durch die Ausbildung vermindert wird. (Zzgl. einige Probleme an Detailniveau, etwa dass es mit größeren Stundentenmassen mehr Lehrer gebraucht werden, die dann tendenziell auch in Durchschnittskompetenz abnehmen.)

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