Gerhard Riegler: „Multiple pathways“

High-quality VET programmes and multiple pathways within the education system, as in Austria and Germany, may provide greater opportunities for success at school and beyond, and thus neutralise the relationship between parental educational background and skills dispersion at earlier stages of education.“ (1)

Eine Vielfalt von Bildungswegen führt junge Menschen zum Erfolg und gibt gerade denen, die aus sozial schwachen Familien kommen, mehr Chancen als Einheitsschulen. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist aber, wem sie gelungen ist!

Nach fast zwei Jahrzehnten, in denen die OECD-„Bildungsabteilung“ gebetsmühlenartig Österreichs Bildungswesen vorwarf, eine zu niedrige Maturanten- und Akademikerquote zu haben, scheint ein Umdenken einzusetzen, das zu einer Kurskorrektur führt. In OECD-Publikationen lese ich nicht mehr Matura-für-alle-Hymnen, sondern immer öfter geradezu Begeisterung für vielfältige Bildungsangebote, die den unterschiedlichen Begabungen und Interessen junger Menschen gerecht werden.

EU-weit sind seit vielen Jahren Millionen junger Menschen in Arbeitslosigkeit, unter ihnen viele mit einem für sie wertlosen Matura-für-alle-Zeugnis in Händen oder auch mit einem universitären Abschluss ausgestattet. Mehr als genug Schaden haben die OECD-Doktrin und eine ihnen leider allzu oft hörige Bildungspolitik angerichtet. Die Einsicht kommt reichlich spät. Ob die Kurskorrektur der OECD-„Bildungsabteilung“ nachhaltig ist, bleibt überdies abzuwarten.

Vor zwei Monaten erschien eine Österreich gewidmete OECD-Publikation. In ihr zeigt sich die OECD von der dualen Bildung geradezu begeistert. Duale Bildung – für die Österreich wegen der damit korrespondierenden niedrigeren Maturanten- und Akademikerquote von der OECD jahrelang an den Pranger gestellt wurde – bekomme in immer mehr Staaten größere Bedeutung, während die Anzahl der Lehrlinge in Österreich sinke, werden wir von der OECD belehrt:

While the dual system is becoming increasingly important in other countries, the number of apprenticeships has been falling in Austria in line with demographics.“ (2)

Es ist schon gut, dass die OECD Österreichs Politik jetzt diese Belehrung erteilt, aber auch beeindruckend, wie locker die OECD verdrängt, was sie bisher dringend „empfohlen“ hat.

Als skurril empfand ich es, als ich vor ein paar Tagen von einem Entschließungsantrag der Grünen an Österreichs Nationalrat las. „Empfehlungen der OECD sollen bindend umgesetzt werden.“ (3) Nicht, dass ich von bildungspolitischen Entscheidungen des österreichischen Nationalrats immer begeistert wäre – nein, ganz und gar nicht –, aber sich OECD-Empfehlungen diskussions- und bedingungslos zu unterwerfen, wäre zumindest bisher für Österreichs Jugend fatal gewesen.

Auch den Grünen dürfte bekannt sein, dass die OECD eine Wirtschaftsorganisation ist, die mit PISA massiven Einfluss auf nationale Bildungspolitik ausübt. „Obwohl […] das Kompetenzkonzept wissenschaftlich ungeklärt war und bis heute ist, wurde es von der OECD herangezogen, um die gewünschte Maßeinheit für ihre PISA-Tests zu liefern. Eine psychologische Messeinheit also, die ohne Fachinhalte und kulturelle Überlieferung auskommt, um global einheitliche, verwertbare Fertigkeiten zu messen, von denen die OECD behauptet, sie würden der globalisierten Wirtschaft dienen.“ (4)

Wer so tut, als sei Bildung das, was PISA misst, der hat ein erbärmliches Bildungsverständnis.“ (5) Einmal mehr trifft Josef Kraus den Nagel auf den Kopf.

(1) OECD (Hrsg.), OECD Skills Outlook 2017 (2017), S. 129.

(2) OECD (Hrsg.), OECD Economic Surveys – Austria (2017), S. 119f.

(3) Grüne wollen OECD mit Überprüfung des Schulsystems beauftragen. In: Presse online vom 26. September 2017.

(4) Jochen Krautz, Kompetenzen machen unmündig. In: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.), Streitschriften zur Bildung, Heft 1 (Juni 2015, 2. Auflage), S. 8.

(5) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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