Herbert Weiß: Handwerk hat goldenen Boden

In der vollen Form lautet dieser Spruch: „Handwerk hat goldenen Boden, sprach der Weber, da schien ihm die Sonne in den leeren Brotbeutel.“ Ursprünglich war er sarkastisch gemeint und beschrieb die schlechte Lage der HandwerkerInnen in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung.

Die vorige Woche von der Statistik Austria präsentierte Arbeitsmarktstatistik 2017 zeigt, dass heute nur mehr der erste Teil des Zitats zutrifft. Im Jahr 2017 lag das Medianeinkommen der unselbstständig Beschäftigten, die eine Lehre absolviert hatten, gleich hoch wie das jener, die eine allgemeinbildende oder berufsbildende höhere Schule abgeschlossen hatten. (1)

Woher kommt dann der Vorwurf an unser Schulsystem, es würde junge Menschen, die einen anderen Bildungsweg als den einer höheren Schule wählen, diskriminieren? Meines Erachtens aus der fernen Vergangenheit, in dem auch der zweite Teil des Zitats zutraf, das aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Genährt wurde der Vorwurf immer wieder von OECD-Publikationen, die jahrelang einer „Matura für alle“-Politik das Wort redeten. Über die Motive der OECD-„Bildungsabteilung“ möchte ich an dieser Stelle nicht einmal spekulieren. Fakt ist jedenfalls, dass das von der OECD entfachte Quotendenken in vielen Ländern zu einer Uniformierung des Schulwesens beigetragen und dadurch jungen Menschen Chancen geraubt hat. Fakt ist weiters, dass dadurch in vielen Staaten die Jugendarbeitslosigkeit in die Höhe getrieben wurde – auch die junger AkademikerInnen.

Die Situation junger Menschen in Spanien sollte als warnendes Beispiel genügen: „56 % of graduates are unemployed one year after graduation and 35 % four years after graduation, while 44.5 % of the graduates employed four years after graduation have jobs that do not require a university degree.“ (2)

Unser Ziel kann es sicher nicht sein, gescheiterten Konzepten der OECD zu folgen und so auch unseren Jugendlichen Chancen zu rauben. Seien wir stolz auf unser duales Bildungswesen! Sehen wir es endlich als Stärke unseres Landes, und arbeiten wir gemeinsam daran, das Image der Lehrberufe zu heben! Anerkennen wir die Stärken unseres differenzierten Schulsystems! Geben wir den Schulen jene Ressourcen, die sie für den Ausbau von Zusatzangeboten für unsere Kinder und Jugendlichen brauchen!

(1) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Arbeitsmarktstatistiken 2017 (2018), S. 50.

(2) EU-Kommission (Hrsg.), Education and Training Monitor 2015 – Country analysis (2015) S. 256.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Herbert Weiß: Handwerk hat goldenen Boden

  1. Ad: „Im Jahr 2017 lag das Medianeinkommen der unselbstständig Beschäftigten, die eine Lehre absolviert hatten, gleich hoch wie das jener, die eine allgemeinbildende oder berufsbildende höhere Schule abgeschlossen hatten.“

    Als (pensionierter) Lehrer gehöre ich zu jenen, die eine AHS abgeschlossen haben. Ich glaube trotzdem nicht, dass mein Medianeinkommen gleich hoch war wie jenes eines (Fach)arbeiters. Und 2017 kann sich das neue Lehrerdienstrecht auch noch nicht ausgewirkt haben …

    Sollten indes Personen gemeint sein, die NUR eine AHS abgeschlossen und keine weitere Fortbildung (Studium) aufzuweisen haben – was für Berufe (samt Medieneinkommen) rechnet man diesen Leuten zu? De facto sind das Bildungsabbrecher – kein Wunder, dass sie nicht mehr verdienen als Menschen mit Lehrabschluss, wo doch ihre Ausbildung gleich lang ist ( 15 + 3 = 18 Jahre).

    Erstaunlich, dass AHS- und BHS-Absolventen in die gleiche Kategorie gesteckt werden. Wie kann es sein, dass sich ein Jahr mehr Ausbildung so gar nicht im Gehalt niederschlägt? Noch dazu, wo diese Ausbildung facheinschlägig (= unmittelbar besser verwertbar) ist als eine AHS-Matura? Sollte etwa gar die BHS eine Bildungs-Sackgasse sein?

    1. Lieber Kollege Wallner,
      gemeint ist in Publikationen der Statistik Austria unter „mit Abschluss xy“ „mit Abschluss xy als höchstem“ im Sinne der tradierten Hierarchie der Bildungsabschlüsse. Leider fehlt in Publikationen der Statistik Austria häufig die Unterscheidung zwischen AHS und BHS, wie auch in den von mir zitierten Arbeitsmarktstatistiken 2017.

      1. Wie kann man in einer Statistik, in der es um den (finanziellen) Erfolg in der Arbeitswelt geht, eine Schule MIT (BHS) und eine Schule OHNE (AHS) abgeschlossene Berufsausbildung in einen Topf werfen (noch dazu, wenn erstere ein Jahr länger dauert)? Das ist dilettantisch.
        Dazu kommt noch, dass vermutlich deutlich mehr BHS-Absolventen gleich nach der Matura arbeiten gehen als AHS-Absolventen, denn wozu besucht man denn eine BERUFSBILDENDE Schule? Die Aussagekraft der Statistik-Austria Daten hinsichtlich der AHS-Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist also vernachlässigbar.

        Weiters gehörte noch dazu gesagt, von wem dieses behauptete gleiche Median-Einkommen überhaupt erhoben wurde: Gilt das für Zwanzigjährige, oder für einen Zeitraum von 20-50, oder was?

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