Studieren um jeden Preis

Sie suchen eine Versicherung gegen den Studienabbruch Ihres Kindes? In den USA kein Problem. Die amerikanische Finanzindustrie bietet sie ebenso an wie zahlreiche Finanzierungsmodelle, um sich den Hochschulbesuch der Kinder leisten zu können. Am besten beginnt man bereits bei der Geburt mit einem Sparplan für Neugeborene. (1)

bigstock-Student-Loans-Warning--32500559_blogDie Dimension der kreditfinanzierten Studien ist schier unglaublich. „Nach einer Schätzung der New York Times aus dem Jahr 2012 haben 66 Prozent der Bachelorstudenten in den USA einen Kredit aufgenommen – und dabei sind noch nicht jene Kredite eingerechnet, die Angehörige von Studenten für sie aufgenommen haben. Die Verbraucherschutzbehörde für Finanzdienstleistungen kommt zu folgendem Ergebnis: Seit 2012 beläuft sich die Summe aller Studienkredite auf über eine Billion Dollar, was sogar die gesamten Kreditkartenschulden in den USA übersteigt.“ (2)

Es handelt sich schockierenderweise nicht um einen Übersetzungsfehler, nicht um eine US-amerikanische „billion“, sondern tatsächlich um über tausend Milliarden Dollar. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler (3) sein, um eine Finanzblase ähnlich der Immobilienblase zu erkennen, deren Platzen im Jahr 2008 maßgeblich zu den Turbulenzen beigetragen hat, die wir noch lange spüren werden.

Die unheilige Allianz von profitgierigen Banken, provisionsgeilen Bankberatern und Privatuniversitäten, die ihren Aktionären verpflichtet sind, versucht gnadenlos, jedem Highschool-Absolventen ein Studium aufzuschwatzen. Der Profit des Systems steht im Vordergrund, individuelle Voraussetzungen, etwa die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Kreditwerbers, und die Interessen der jungen Menschen verlieren an Bedeutung.

Diese Entwicklung lässt sich mit Zahlen belegen. Begannen 1995 in den USA 57 % eines Jahrganges eine tertiäre Ausbildung, so waren es 2011 bereits 72 %. Österreich „holt auf“: im selben Zeitraum von 27 % auf 52 %. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in Australien, wo zwischen 2000 und 2011 die Quote von 59 % auf 96 % angestiegen ist. In Australien beginnt also praktisch jeder, der nicht sonderpädagogischen Förderbedarf aufweist, ein Universitätsstudium. (4)

Das hat natürlich auch systemisch katastrophale Auswirkungen. Zusehends sinkt das Qualitätsniveau tertiärer Bildungseinrichtungen. Die Hochschule wird zur Volkshochschule. Studienabgänger haben ein Diplom, aber keinerlei Sicherheit mehr, einen Arbeitsplatz zu ergattern, geschweige denn ein höheres Einkommen.

Den Qualitätsverlust tertiärer Bildung durch Massenakademisierung belegt die soeben erschienene PIAAC-Studie. In Österreich erreichen Jungakademiker bei der Lesekompetenz 318 Punkte, im PISA-Vorzeigeland Südkorea sind es nur 303. Dazu sollte man wissen, dass 7 PIAAC-Punkte einem Lernjahr entsprechen, die Südkoreaner also mehr als zwei Jahre Lernrückstand auf unsere jungen Landsleute aufweisen. „Dafür“ liegt dort die Akademikerquote der 25- bis 34-Jährigen bei 64 %, in Österreich hingegen nur bei 21 %. (5)

Die Analyse von Anthony Davies, Professor für Wirtschaftslehre an der George Mason University in Washington, D.C., ist ebenso plausibel wie beängstigend: „Die Hauskäufer nahmen Kredite auf, um in Immobilien zu investieren, die sie sich nie hätten leisten können. Studenten nehmen Kredite auf, um sich eine Ausbildung zu finanzieren, […] die später wirtschaftlich wertlos ist. Die Universitäten behalten die Profite, während die Steuerzahler das Risiko nichtbeglichener Studienkredite schultern. Letztendlich wird diese Blase schlimmer als die vorherige.“ (6)

Dass eine Organisation wie die OECD Staaten wie Deutschland, die Schweiz oder Österreich wegen ihrer angeblich zu niedrigen Studierendenquoten immer wieder an den Pranger stellt, hat also einen ganz simplen Grund: Auf dem gebeutelten Finanzsektor sind private Bildungseinrichtungen ein riesiger Hoffnungsmarkt. In den USA finanzieren die Studierenden bzw. deren Eltern das tertiäre Bildungswesen fast zur Hälfte selbst (47,8 %). In Österreich sind es 2,6 %. (7)

Mit Bildung oder Erfolg am Arbeitsmarkt hat das nichts zu tun. Oder frei nach Karl Kraus: Die OECD ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich ausgibt.

P.S.: Das System funktioniert genauso, wie es der deutsche Kabarettist Chin Meyer mit sehr viel schwarzem Humor gewürzt hier präsentiert.

(1) Siehe Johannes Lau, Studienkredite bremsen die Konjunktur. In: Standard Online vom 7. Oktober 2013.

(2) a.a.O.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2013: OECD Indicators (2013), S. 301.

(5) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 203, und OECD (Hrsg.), Education at a Glance, S. 37.

(6) Lau, Studienkredite.

(7) OECD (Hrsg.), Education at a Glance, S. 207.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


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