Gerhard Riegler: Die Saat geht auf

Die vielen neuen Privatuniversitäten und Fachhochschulen sind auf ihre zahlende Klientel angewiesen. Insider erzählen davon, dass Eltern negative Noten nicht akzeptieren. Die Uni- und FH-Leitungen beugen sich diesem Druck, weil sie existenzbedrohende Einnahmenverluste befürchten. Sprich: Im Zweifel wird das Niveau gesenkt“, so Dr. Martina Salomon, stv. Chefredakteurin der Tageszeitung „Kurier“. Sie setzt ebenso ehrlich und mutig fort: „Das Ganze ist auch international zu einem riesigen Geschäftszweig geworden, in dem auch etliche Fantasie-Universitäten mitmischen, die um die Kinder der Reichen buhlen. Inklusive viele private „medical schools“ für jene, die an den Medizinuni-Aufnahmeverfahren scheitern.“ (1)

Eines muss man der Wirtschaftsorganisation OECD lassen: Der Umbau des Bildungswesens ist gelungen. Begonnen wurde er vor zwei Jahrzehnten mit den PISA-Tests und der auf sie folgenden Bevormundung der Schulpolitik durch die OECD-„Bildungsabteilung“. Seine Fortsetzung gefunden hat er unter dem Titel „Kompetenzorientierung“ mit der Entleerung der Lehrpläne und einer Absenkung der Ansprüche. Geführt hat die Entwertung der Reifeprüfung für die MaturantInnen zur Notwendigkeit, nach der Matura in den tertiären Bildungsbereich einzusteigen, um eine realistische Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. An den staatlichen Universitäten überforderte dies die vorhandenen Kapazitäten. Der Boden für private Institutionen war geschaffen.

Zwischen 2007 und 2017 erhöhte sich in Österreich die Akademikerquote unter den 25- bis 29-Jährigen von 16,4 % auf 39,8 % – deutlich mehr als eine Verdoppelung binnen eines einzigen Jahrzehnts. (2) Laut AMS sind in Wien inzwischen 11,6 % der AbsolventInnen einer tertiären Bildungseinrichtung arbeitslos. (3)

Staaten, die der OECD gehorchend die Akademikerquote schon früher in die Höhe getrieben haben, sind inzwischen bemüht, unsere duale Bildung in ihr Bildungswesen einzuführen bzw. sie in ihm auszubauen, um der hohen Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. In Österreich aber ließ der Politslogan „Matura für alle“ die Anzahl der Lehrlinge schmelzen wie Schnee in der Frühjahrssonne.

Dr. Martina Salomon: „Eine „education bubble“ hat sich gebildet. Platzt sie irgendwann einmal?“ (4) Laut Statistik Austria ist die Wahrscheinlichkeit, in Österreich zu den Armutsgefährdeten zu gehören, für AbsolventInnen von Hochschulen oder Akademien bereits größer als für die einer Lehre oder mittleren Schule; für MaturantInnen, die der Matura keinen tertiären Bildungsabschluss folgen ließen, ist das Armutsgefährdungsrisiko sogar um die Hälfte größer als für AbsolventInnen einer Lehre oder mittleren Schule. (5) Die Blase ist also bereits geplatzt.

Angesichts der inflationären Zunahme von Abschlüssen aller Art droht ein akademisches Prekariat“, warnt Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann. (6) Ein akademisches Prekariat – ist es das, was man wollte?

(1) Martina Salomon, Wann platzt die „education bubble“? In: Kurier online vom 5. Mai 2018.

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 9. Mai 2018.

(3) AMS (Hrsg.), Spezialthema zum Arbeitsmarkt (April 2018), S. 3.

(4) Salomon, Education bubble.

(5) Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2016/17. Schlüsselindikatoren und Analysen (2018), S. 109.

(6) Ute Brühl, Konrad Paul Liessmann: Was gebildete Menschen wirklich ausmacht. In: Kurier online vom 17. September 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Die Saat geht auf

  1. Es war doch Absicht, aus dem Bildungswesen einen Geschäftszweig zu machen ….dann wird natürlich auch viel Ramsch verkauft…

    1. Das kann nicht die ganze Antwort sein.

      Die Fahrschulen sind gänzlich privatisiert, und in Deutschland (für Ö habe ich keine Zahlen gefunden) fällt ein Drittel der Kandidaten bei der Fahrprüfung durch. Weder in Deutschland noch in Ö regt sich irgendwer über diese Durchfallsquote auf. Hätte wir so etwas bei der Zentralmatura, dann gäbe es einen Volksaufstand.

      Wieso also funktioniert privates Schulwesen einmal nicht und einmal schon?

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