Eine Geschichte der Revolte

Die Industriellenvereinigung schlägt vor, einen neuen Fächerkanon zu schaffen und dafür „totes Wissen“ aus den Lehrplänen zu entfernen. […] So sollen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik und Werken das neue große Fach Science & Technology bilden. Bei der Verschränkung dieser Fächer stünde der Bezug zur Praxis in Wissenschaft und Technik im Vordergrund“, las ich vor wenigen Tagen in der „Presse“. (1)

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Ich habe Chemie studiert, traue es mir aber ganz bestimmt nicht zu, Mathematik, Physik, Biologie, Informatik und Werken auf einem Niveau zu unterrichten, das meinen Ansprüchen auch nur ansatzweise genügt. Aber vielleicht verstehe ich unter Qualität etwas anderes als die Industriellenvereinigung.

Mindestens ebenso beachtenswert finde ich die Forderung nach einem stärkeren „Bezug zur Praxis“. Die Forderung ist so alt wie die Institution Schule selbst. Diese hat nämlich immer schon zwei grundlegende Funktionen zu erfüllen – Enkulturation und Qualifikation.

Schule hat eine Enkulturationsfunktion, indem sie grundlegende Symbolsysteme wie Sprache und Schrift ebenso lehrt wie grundlegende Wertorientierungen. Es geht dabei um die Reproduktion kultureller Fertigkeiten und Verständnisformen der Welt.

Schule hat aber stets auch eine Qualifikationsfunktion. Sie soll jenes Wissen und Können vermitteln, das für die Integration in die Berufswelt erforderlich ist. Derzeit erleben wir durch die Ökonomisierung des Bildungsbegriffs, wie der gesellschaftliche Fokus vor allem auf die Qualifikationsfunktion gerichtet wird, um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Beide Funktionen sind zweifellos wichtig und unverzichtbar. Bildung und Ausbildung müssen gemeinsam Platz in einer Institution haben, deren Name sich vom griechischen Wort für „Muße“ ableitet. „Die Qualität von Bildungseinrichtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Freiheit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel Wissen, wie viel ästhetische Erfahrung, wie viel Nutzloses, ja wie viele – geistige – Seitensprünge sie erlauben. Daran wird eine Schule der Zukunft zu messen sein, nicht an einem vermeintlichen Qualitätsmanagement, einer hochtrabenden Organisationsterminologie, kompetenzorientierten Curricula und fadenscheinigen Testergebnissen.“ (2)

In einem Interview formulierte es Konrad Paul Liessmann so: „Kultur war immer schon definiert, dass in ihr das vermeintlich Überflüssige, das vermeintlich Nutzlose seinen Platz hat und seinen Platz haben darf. Und ich finde es einigermaßen paradox, dass die entwickeltste und reichste Gesellschaft, die es auf dieser Erde je gab, nämlich die westliche wissenschaftlich-technische Zivilisation, dass die glaubt, auf Kultur, auf Kultivierung verzichten zu können. Eine rein durchökonomisierte Gesellschaft mag erfolgreich sein, aber sie wird nichtsdestotrotz barbarisch sein.“ (3)

Doch im ersten Kommentar des neuen Jahres möchte ich optimistisch enden. Auf die Frage, ob Liessmann trotz alledem Grund zur Hoffnung habe, antwortete er: „Aber natürlich, und zwar weil ich glaube, dass man den Menschen bestimmte Grundbedürfnisse nach Bildung, nach Kultivierung, nach dem Schönen, nach Kunst, nach Erkenntnis nicht austreiben kann. Wir halten es als Menschen im Grunde nicht aus, immer nur von einem von anderen uns vorgegebenen Zweck fremdbestimmt zu sein. Der Bildungsprozess, die Bildungsgeschichte war immer auch eine Geschichte der Revolte, der Emanzipation, der Autonomie und der Selbstbehauptung des Menschen, und das wird sich auch nicht ändern.“ (4)

(1) Dominik Perlaki, Industriellenvereinigung will Schulfächer komplett umkrempeln. In: Presse online vom 4. Jänner 2016.

(2) Konrad Paul Liessmann, Schule zwischen Reformzwang und Marktanpassung – Abschied von Bildung? Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung der GÖD/FCG am 24. Mai 2012 in Wien.

(3) Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann in den „NZZ Standpunkten“ vom 2. November 2014. Eine dreieinhalbminütige Kurzfassung des Interviews findet man hier, die Langversion (rund 50 Minuten) hier.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Eine Geschichte der Revolte

  1. Ich habe Mathematik und Physik (Lehramt) studiert. Die Ausbildung zum Informatiklehrer und Systemadministrator habe ich sozusagen „berufsbegleitend“ absolviert. Und ich bin ganz bei Eckehard Quin: In Biologie oder Chemie könnte ich nur dilettieren. Werken ginge vielleicht noch. Aber: Es gibt ja seit Jahrzehnten einen Schultyp wo Lehrkräfte unabhängig von ihrer Ausbildung Fächer unterrichten, die sie nicht studiert haben. Vielleicht hat dort die Industriellenvereinigung ihre geistige Anleihe genommen …

  2. Als Biologielehrer habe ich schon öfter Chemie in der Unterstufe unterrichtet, einmal hatte ich sogar eine Maturaklasse zu übernehmen (mit – dank der zuvor hervorragend unterrichtenden Kollegin – einigen Kandidatinnen). Ich weiß aus Erfahrung, dass ich trotz vollem Einsatz meinerseits den Lernenden nicht das bieten konnte wie eine Fachperson. Außerdem war es für mich keine schöne Erfahrung, unter Überforderungsbedingungen zu arbeiten.
    Genauso hielte ich es für eine Katastrophe, wenn die Inhalte meines Faches von fachfremden Personen vermittelt werden müssten. Ich denke hier als Beispiel an die Evolutionstheorie, bei der es einem im Unterricht regelmäßig (und zunehmend häufiger) passieren kann, dass man schrägen Argumenten von irgendwelchen religösen Fundamentalisten begegnen muss. Das geht nicht mit dem eigenen Maturaniveau von vor einigen Jahren.

  3. Eine Anmerkung zur „unendlichen Geschichte“ solcher immer wiederkehrender Ideen – auch was etwa den Bildungsauftrag „Wirtschaft“ in einer allgemeinbildenden Schule betrifft. Dazu kommen in dem IV Vorschlag zwar nette Textstellen wie: „man muss heute vernetzt denken… Platz für wirtschaftliche Bildung und Finanzbildung … “ etc. vor.

    Vieles bei diesen Reden geht dabei dann aber an der Realität der von diesen Seiten kommenden Forderungen („Vorschlägen“) vorbei.

    Am wichtigsten erscheint mir auch in diesem Zusammenhang wieder festzustellen, dass die IV einen sehr
    eingeschränkten Ansatz wirtschaftlicher (Allgemein)Bildung hier vertritt.
    Er ist eher einer „Ökonomistischen“ Bildungsvorstellung, als einer dem heutigen Diskussionsstand für Allgemeinbildende Schulen eher entsprechenden (breiter angelegten !) „Sozioökonomischen Bildung“ entnommen. Ich kann das hier nicht in voller Breite ausführen.
    Daher sei – auch für andere Bildungsverantwortliche und für ins Haus stehende zukünftige Schul-/ LP-Diskussionen – hingewiesen auf einen sehr instruktiven einschlägigen online-Artikel eines namhaften Didaktikers zu diesem Bildungsauftrag:
    R. HEDTKE: http://www.gw-unterricht.at/pdf/gwu_140_18_38_hedtke.pdf

    Er zeigt einen durchaus komplexeren Diskussionsstand (und Anspruch in/für allgemeinbildenden Schulen) auf, als ihn die IV-Verantwortlichen (oder „berufsausbildene“ Wirtschaftspädagogen) wohl im Hinterkopf haben dürften…

    Christian Sitte

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