Gerhard Riegler: Die halbe Wahrheit

Es gibt verschiedene Parameter, anhand derer man die Qualität eines Schulwesens messen kann. Einer der wichtigsten ist meines Erachtens die Anzahl der SchulabbrecherInnen, also die Quote jener jungen Menschen, die das Schulwesen verlassen, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht zu haben.

Frühe Bildungsabbrecherinnen und -abbrecher sind in ihrem persönlichen und beruflichen Fortkommen massiv beeinträchtigt. […] Ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem System ohne ausreichende Qualifikationen schafft persönliche Perspektivenlosigkeit, verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten im Bildungssystem und gefährdet die gesellschaftliche Stabilität.“ (1)

Dieser Aussage, die in einer Publikation der Industriellenvereinigung zu lesen ist, stimme ich ebenso zu wie der folgenden: „Rund 49.000 junge Menschen zwischen 18 bis 24 – das sind 7 Prozent der entsprechenden Alterskohorte – zählten im Jahr 2014 zu sogenannten „Early School Leavern“ [sic!].“ (2)

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Was der Industriellenvereinigung keine Erwähnung wert ist, möchte ich ergänzen – den internationalen Vergleich und damit die Bewertung dieser Tatsache:

  • Österreich gehört mit seiner Schulabbrecherquote von 7,3 % zu den EU-Staaten mit den wenigsten 18- bis 24-Jährigen, die keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II erreichen. Der EU-Mittelwert liegt mit 11,0 % immerhin um die Hälfte über dem Österreichs. (3) In Südtirol, wohin sich unsere Unterrichtsministerin vor einer Woche auf der Suche nach einem schulpolitischen Vorbild verirrt hat, verlassen sogar fast doppelt so viele junge Menschen (13,1 %) erfolglos das Schulwesen. (4)
  • Österreichs Schulwesen und seinen LehrerInnen gelingt dieser so wichtige Erfolg trotz Rahmenbedingungen, die nicht mit dem internationalen Durchschnitt mithalten können, und trotz einer integrationspolitischen Herausforderung, die europaweit ihresgleichen sucht.

Dass darauf in der oben erwähnten Publikation der Industriellenvereinigung nicht hingewiesen wird, empfinde ich als unredlich. Nur die halbe Wahrheit auszusprechen täuscht die LeserInnen und ist Österreichs LehrerInnen und unserem Schulwesen gegenüber infam.

(1) IV (Hrsg.), Beste Bildung für Österreichs Zukunft (2016), S. 16.

(2) a.a.O.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 25. Oktober 2016.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

8 Antworten zu “Gerhard Riegler: Die halbe Wahrheit

  1. …Rahmenbedingungen, die nicht mit dem internationalen Durchschnitt mithalten können…

    Wahrheit, halbe Wahrheit oder Lüge (ja, das ist nicht dasselbe wie halbe Wahrheit)? sollen da die Leserinnen getäuscht werden?

    • Erich Wallner

      Eine halbe Wahrheit – sofern die andere Hälfte bewusst weggelassen wurde – ist sehr wohl eine Lüge. Der folgende Text stammt nicht von mir, sondern aus dem Internet:

      „Wahrheit, ganze Wahrheit, nichts als Wahrheit

      Es ist kein Zufall daß man beim Schwören vor Gericht in Großbritannien nicht bloß versprechen muß, die Wahrheit zu sagen, sondern auch die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. Mit anderen Worten, man muß nicht bloß etwas Wahres sagen, sondern alles was man sagt muß wahr sein, und man darf auch nichts Wichtiges weglassen. The truth, the whole truth, and nothing but the truth.

      Dem entspricht die Binsenweisheit daß man auch durch gezieltes Weglassen von Teilen der Wahrheit einen völlig falschen Eindruck erwecken kann. Man kann also Leute in die Irre führen ohne daß man im strengeren Sinne lügen würde. […]“

      Weiters finde ich auf Wikipedia:

      „In Österreich legen Christen den Eid vor einem Kruzifix und zwei brennenden Kerzen ab (Moslems dürfen seit 1912 auf den Koran, Juden auf die Thora schwören). Für Angehörige der Helvetischen Konfession erfolgt die Vereidigung ohne Kruzifix und Kerzen.[1] Im Verhandlungssaal erheben sich alle Anwesenden, Männer bedecken ihr Haupt, der Zeuge hebt die ersten drei Finger der rechten Hand in die Höhe und spricht: ‚Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen reinen Eid, dass ich über Alles, worüber ich von dem Gerichte befragt worden bin (werde befragt werden), die reine und volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit ausgesagt habe (aussagen werde); so wahr mir Gott helfe!'“

      Man schwört also auch in Österreich, die VOLLE WAHRHEIT zu sagen – daraus folgt, dass eine unvollständige Wahrheit ein Form von Lüge ist.

  2. Roswitha König

    Schade, dass es bei uns keine mittlere Reife gibt, dann hätten viele Schulabbrecher sehr wohl einen Abschluss!

  3. Markus

    Man kann es auch so lesen:
    Österreichs Bevölkerung ist immer noch so angepasst und systemtreu, dass sie sich als Zeichen der Kritik und Selbstbefreiung nicht wagen vorzeitig aus der Schule auszutreten.

    Ich persönlich halte Statistik für ein gefährliches Blendmittel um Wahrheiten nachzuweisen. Denn wie will man denn zB mit Werten den Kollateralschaden darstellen, den später im Leben privat zu zahlende Psychotherapeuten und ähnliche Berufszweige, helfen wieder auszugleichen, der entstanden ist durch immer noch gelebte anachronistische schulische Wettbewerbs- und Repressionsmechanismen, die sich tief in das Selbstbild, Selbstvertrauen und in die Perönlichkeit heranwachsender Menschen eingegraben haben?

    • Markus, ich halte auch das Wohlfühlen der SchülerInnen für einen wichtigen Parameter und freue mich deshalb sehr über folgende Fakten:

      Österreich belegt laut Weltgesundheitsbehörde in der Kategorie „11-year-olds who like school a lot” unter den 42 teilnehmenden Staaten den fünften, Finnland den 41. und damit vorletzten Rang. (WHO (Hrsg.), HBSC-Studie 2013/14 (2016), S. 52)

      Laut OECD ist Österreich der OECD-Staat, in dem sich 15-Jährige ihrer Schule am meisten verbunden fühlen. (OECD (Hrsg.), „How’s Life? 2015“ (2015), S. 170)

      Auch aus meiner Sicht sind das Ergebnisse höchster Bedeutung!

  4. werner fröhlich

    das mit den schulabbrechern der sek.stufe 2 mag schon stimmen.
    die ganze wahrheit:
    unser hauptproblem sind all diejenigen, die keinen pflichtschulabschluss haben. das liegt sicherlich nicht an den lehrerInnen, sondern an dem unseligen auseinanderdividieren der kinder mit 91/2 bzw 10 jahren.

    • Werner Fröhlich, keinen Abschluss der Sekundarstufe II zu schaffen, ist heutzutage schlimm genug. Nicht einmal einen Pflichtschulabschluss mit ins Leben zu nehmen, ist eine enorme Hypothek. Erfreulicherweise widerfährt dies in Österreich besonders wenigen jungen Menschen: Es betrifft nämlich nur 0,2 Prozent der Menschen ohne Migrationshintegrund; unter den Menschen mit Migrationshintergrund aber 2,7 Prozent.

      Zum Vergleich:
      Im Finnland sind es 1,0 Prozent bzw. 3,7 Prozent, in Frankreich 3,7 % Prozent bzw. extreme 17,6 Prozent und in Italien 4,1 Prozent bzw. 10,1 Prozent.

      Österreichs Werte ragen auch diesbezüglich positiv heraus.
      (Quelle: OECD (Hrsg.), „International Migration Outlook 2014“ (2014), S. 85)

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