Des Großschneiders Revolution

Dieser Kommentar fasst meine Argumentation in einem Gespräch mit der „Standard“-Journalistin Mag.a Lisa Nimmervoll zusammen.

Die Aufgabe der Industriellenvereinigung ist es, die Interessen von Großindustriellen zu vertreten, und genau das tut die IV mit ihrem „neuen Bildungskonzept“, an dem nichts neu ist (1) und das wenig mit Bildung zu tun hat. Ihr Ziel: eine für fast alle verpflichtende, neunjährige Gesamtschule, in die ein fünfjähriges Kind aufgenommen, in der es den Eltern mehr oder weniger täglich zwischen 7:00 und 19:00 Uhr abgenommen und aus der ein 14-Jähriger (2) entlassen wird, der über gewisse Mindestqualifikationen und -kompetenzen verfügt.

Word cloud -  revolution

Präsident Kapsch erledigt damit als tapferes Schneiderlein – oder eher als Großschneider – sieben Fliegen auf einen Streich:

  • Die Eltern stehen dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt zur Verfügung, ungestört vom „Belastungsfaktor“ Kind.
  • Die Eltern sind nur noch für die Kleinkindphase zuständig. Der Staat formt danach die Jugend zu unkritischen „Produktionsfaktoren“. Das hatten wir in der Geschichte schon öfter – und es hat noch nie zur Stärkung von Demokratie und Menschrechten geführt, um es ganz vorsichtig auszudrücken.
  • Schule nach dem IV-Konzept bildet aus, und zwar auf einem Mindestniveau. Sie bildet aber nicht. Die Qualifizierung, der Nützlichkeitsaspekt, steht im Vordergrund. Die Kultivierung, die Persönlichkeitsbildung, ist nur insofern relevant, als sie dem erstgenannten Ziel dient.
  • Kinder werden zu „kognitiven Mastschweinen“ (3), zu „Kompetenzbündeln“. Der „als kompetent Geprüfte soll später einmal ebenso Babynahrung produzieren können wie Landminen. Angesichts der Kriterien von PISA (und einer auf PISA ausgerichteten Schule) sind beide Aufgaben gleich gültig. Und sie bedürfen der gleichen Kompetenzen.“ (4)
  • Das humanistische Bildungskonzept wird entsorgt, da es prinzipiell subversiv ist, indem es mit Kant die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit begreift – und das geziemt sich für einen „Produktionsfaktor“ nun wirklich nicht. „In der ganzen Welt geht es nur noch um Produktionsprozesse, die Finanzwirtschaft hat die Herrschaft erobert, und die PISA-Studie ist ihr Instrument. Ich halte das für verbrecherisch.“ (5)
  • Für die (ökonomische) Oberschicht ist das alles kein Problem. Sündteure Privatschulen bieten für die Kinder der Großindustriellen neben Qualifizierung auch Bildung. Der IV-Präsident macht es heute schon vor. Er schickt seine eigenen Kinder in eine Schule, an der jährlich 15.000 Euro Schulgeld pro Kind zu bezahlen ist. (6)
  • Für Kapsch & Co. ist das nicht nur kein Problem, sondern eine riesige, wirtschaftliche Chance. Der Bildungsmarkt (teure Privatschulen, teure Nachhilfeinstitute etc.) ist, wie Gesamtschulstaaten demonstrieren, ein Wachstumsmarkt, der höchste Renditen abwirft. „Für jeden öffentlichen Platz, den ich schließe, würden zwei private hochkommen. In den USA ist inzwischen die Mehrheit der Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen, unter der Armutsgrenze. Wenn die öffentliche Schule mir nicht das Extra gibt, nach dem ich suche, sind diese Eltern auch bereit, die Hälfte des Familieneinkommens zu investieren.“ (7)

Um das zu erreichen, ruft der Großindustrielle Kapsch die „Bildungs-Revolution“ (8) aus, was mich an eine dem australischen Politiker John Carrick zugeschriebene Metapher denken lässt. Carrick beschrieb die Revolution als „das Feuer, an dem die einen verbrennen und die anderen ihre Suppe kochen.

(1) Das bestätigte – allerdings mit Stolz – auch der „Bildungsexperte“ Bernd Schilcher in der ZiB2 am 19. November 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Dr. Wolfram Meyerhöfer, Universitätsprofessor für Mathematikdidaktik, in einem Interview mit Jens Wernicke, Schluss mit PISA? In: www.heise.de vom 13. Juni 2013.

(4) Volker Ladenthin, PISA und Bildung? In: Neue Ruhr Zeitung, 18. November 2007. Univ.-Prof. Dr. Volker Ladenthin lehrt Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.

(5) Nikolaus Harnoncourt, zit. n. Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky, Schaffen unsere Schulen jetzt den Musikunterricht ab? In: News Nr. 43/2014, S. 22.

(6) Ö1-Journal Panorama vom 19. November 2014.

(7) Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann im Interview mit Bernadette Bayrhammer, Gesamtschuldebatte: „Die Schulform verändert wenig“. In: Presse online vom 19. November 2014.

(8) Siehe OTS-Aussendung „Industrie: Brauchen eine Bildungsrevolution – Neues Schulkonzept der IV“ vom 18. November 2014.

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14 Kommentare

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14 Antworten zu “Des Großschneiders Revolution

  1. Die IV schürt ja nicht wirklich das Vertrauen in ein Schulsystem, das weder das teuerste noch das schlechteste im internationalen Vergleich ist. Offenbar tritt sie auch in die Schar derjenigen, die Halb- und Unwahrheiten so lange öffentlich trommeln, bis sie geglaubt werden. Kennt die IV überhaupt die Erwartungshaltung der Eltern, die ihre Kinder in unsere Schulen schicken oder versucht die IV diese Erwartungshaltung gezielt zu steuern?

  2. Alexander Smutni-Tropper

    Es ist an der Zeit all jenen selbsternannten „Experten“ den Wind aus den Flügeln zu nehmen. Mein Vorschlag: als Organisation von wahren Bildungsexperten für wahre Bildungsexperten sollten wir selbst Bildungskonzepte vorlegen. Das Argument, dass das nicht Aufgabe der Gewerkschaft sei, muss ad acta gelegt werden – es ist ebensowenig Aufgabe der IV und Herrschaften wie Schilcher und Salcher derart sinnfreie Beiträge zur Bildungsdebatte zu liefern.

    Anmerkung Quin: Das gibt es. Am letzten Bundeskongress der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, dem höchsten beschlussfassenden Gremium der GÖD, wurde mir überwältigender Mehrheit ein gemeinsamer Initiativantrag der Vorsitzenden aller Lehrergewerkschaften beschlossen.

  3. Ja, damit ist das Geheimnis der Gesamtschule gelüftet. Nur die SPÖ und die Grünen wissen es nicht, dass sie mit ihrer Schulpolitik die Interessen des Großkapitals vertreten. Lieber Herr Quin! Der Artikel gehört in eine Tageszeitung!

    Anmerkung Quin: Hier der Artikel von Lisa Nimmervoll im „Standard“: AHS-Lehrervertreter will keine „kognitiven Mastschweine“.

  4. gbahsz

    Hat dies auf FCG Bundesheergewerkschaft rebloggt und kommentierte:
    Früher hatte man die Maschinenrevolution

  5. Dem Artikel von Lisa Nimmervoll, dem Kampf des Eckehard Quin gegen die Vermastschweinung von Menschen ist nichts mehr hinzuzufügen.Ähnliches predigt ja auch Univ.Prof. Liessmann,ein weiterer Kämpfer gegen den Verlust von Bildung in unseren Schulen. Danke auch an Univ. Prof. Schirlbauer für seinen Beitrag. Nur fürchte ich, ist der Zug nicht mehr aufzuhalten, weil darinnen auch die SPÖ und die Grünen sitzen, die einfach nicht kapieren wollen, dass sie dem Großkapital in die Hände spielen. In Großbritannien ist genau das schon geschehen. Die Einführung der Gesamtschule vor Jahrzehnten war nie ein bildungspolitischer Zankapfel, weil sowohl die Abgeordneten von Labour als auch die der Konservativen alle in Privatschulen gegangen sind. Die englische Mittelschicht, soweit noch vorhanden, arbeitet sich zu Tode, um ihre Kinder in teuere Privatschulen zu schicken, wo noch Leistung geboten und auch verlangt wird.

    • Erich Wallner

      Ad.: „Die englische Mittelschicht, soweit noch vorhanden, arbeitet sich zu Tode, um ihre Kinder in teuere Privatschulen zu schicken, wo noch Leistung geboten und auch verlangt wird.“
      Das Argument „Gesamtschule führt zu (sündteuren) Privatschulen“ gipfelt in einer windelweichen ÖPU-Position, die da lautet: „Billige Privatschulen sind gut, teure Privatschulen sind schlecht“. Ein solcher Standpunkt kann auch nicht das Gelbe vom Ei sein.

  6. Ein guter Artikel. Danke
    Ich habe einen sehr ähnlichen Leserbrief an die Tiroler Tageseitung (TT) geschrieben, der leider nicht veröffentlich wurde.

    Wahrscheinlich tickt die Presse in Tirol anders?

  7. Pingback: Eine marxistisch-antikapitalistische Verschwörung | QUINtessenzen

  8. Staatliche Einheitsschulen führen zu Segregation:
    „Solche zentralisierten Systeme führen nicht nur nicht zu mehr Chancengleichheit, sondern zu mehr Segregation, und führen nicht nur nicht zu steigenden Leistungswerten, sondern eher zum Gegenteil.“ (Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, BundeslehrerInnentag 2014 der ÖPU Oberösterreich, Linz am 19. März 2014)

    In Schweden findet eine Massenflucht ins Privatschulwesen statt:
    „At the compulsory level, the proportion of students attending independent schools has grown from about 0.9 % to 10 % between 1990 and 2008. At the upper secondary level, the share has increased from 1.5 % to 20 % during the same period.“ (OECD (Hrsg.), „Reviews of Evaluation and Assessment in Education – Sweden“ (2011), Seite 27)

    England:
    „There is ample evidence that private school attendance generates significant economic advantages later on in life as individuals earn more in the labour market and are more likely to get top jobs.“ (Univ.-Prof. Dr. Francis Green u. a., „The changing economic advantage from private schools“ (2010), Seite 1)

    Frankreich:
    Unter allen OECD-Staaten ist Frankreich der Staat, in dem der finanzielle Background der SchülerInnen ihren Schulerfolg am meisten bestimmt. (Quelle: Dr. Raphaela Schlicht-Schmälzle u. a., „Logics of Educational Stratification: A Cross-National Map of Educational Inequality“ (2012), Seite 7)

    Norwegen:
    „In Norway, only 36 % of students from families with low levels of education complete upper secondary programmes in the stipulated time, compared to 70 % of those from highly educated families.“ (OECD (Hrsg.), „Education at a Glance 2014: OECD Indicators“ (2014), Seite 64)

    Die sozial bedingte Schere geht während der als Gesamtschule organisierten Sekundarstufe I auf:
    „Education gaps between poorer children and their richer peers widen in the UK and the US as children age. In the UK this widening occurs during primary and secondary school, but the gap increases particularly after age 11, at the start of secondary school.“ („Sutton Trust“ (Hrsg.), „Social Mobility and Education Gaps in the Four Major Anglophone Countries“ (2012), Seite 12)

    Österreichs Lehrerinnen und Lehrern gelingt es, während der differenzierten Sekundarstufe I den Leistungsrückstand von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern um fast ein Drittel zu verkleinern. (Quelle: BIFIE, „Nationaler Bildungsbericht, Österreich 2012“ (2013), Band 2, Seite 199)

    Wissen statt Marktgeschrei:
    „Es wird Zeit, dass wir gerade bei Entscheidungen im Bereich der Pädagogik nicht Marktgeschrei, sondern gesichertes Wissen zugrunde legen.“ (Univ.-Prof. DDr. Manfred Spitzer, „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ (2012), Seite 220)

    Ich wünsche mir für Österreichs Jugend eine neue Schulpolitik, die auf Evidenz statt auf Propaganda setzt, bevor nach Banken auch noch unser Schulwesen in den Graben gefahren wird.

    Sollte aber der Crash unseres Schulwesens trotz aller Evidenz mutwillig herbeigeführt werden, möge bitte kein Politiker nachher sagen, er habe das alles nicht gewusst. Die Daten liegen auf dem Tisch. Wer lesen kann, der lese!

  9. Pingback: Geschwätz | QUINtessenzen

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