Gerhard Riegler: Unbekannte Medizin

Angesichts grassierender bildungspolitischer Reformitis wirkt folgende Aussage wie ein entzündungshemmendes Medikament: „Man darf Lehrern nicht das Gefühl geben, dass alles, was sie bislang gemacht haben, Mist war.“ (1) Diese Arznei war leider nicht in Österreich zu bekommen, sondern musste aus Deutschland importiert werden.

In Deutschland reißt jetzt immer mehr Eltern die Geduld. Sie sind nicht mehr bereit, ihre Kinder den Spielchen einer abgehobenen Politik auszusetzen: „Nie zuvor wurde auf Hamburgs Straßen so viel über das Reizthema Schule diskutiert. Und immer geht es um die Frage, ob Schulreformen per Zwangsverfügung und ohne klares Wählermandat einfach so über die Menschen kommen dürfen.“ (Die Zeit, 21. Jänner 2010).

Eltern, denen eine anspruchsvolle Bildung ihrer Kinder ein Anliegen ist, fragen sich empört, wie lange sich die Politik dieses überhebliche „Spiel“ leisten kann, aber auch, wie lange sie sich selbst eine solche Politik leisten können. Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bringt es in seinem jüngsten Buch einmal mehr auf den Punkt: „Am ausgeprägtesten ist die soziale Selektivität des Bildungswesens in Ländern mit öffentlichem Einheitsschulsystem und kostspieligen Privatschulen. Am Ende geben Eltern in England, Frankreich, Japan und in den USA ihre Kinder auf eine Privatschule, sofern sie sich die zehn- bis dreißigtausend Euro Schulgeld pro Kind und Jahr leisten können.“ (2)

Noch ergreifen österreichische Eltern im Vergleich zu denen Hamburgs wenig schulpolitische Initiative. Auf Dauer werden sie sich aber eine Demontage des öffentlichen Schulwesens auf ihre Kosten nicht bieten lassen. Die Politik ist vorgewarnt und darf mit massivem Widerstand rechnen. Die Eltern mit ihren berechtigten Sorgen zu ignorieren lässt diese zuerst auf die Straße gehen und, wenn das nichts mehr hilft, mit ihren Kindern einen weiten Bogen um das öffentliche Schulwesen machen – sofern sie es sich irgendwie leisten können!


(1) Wolfgang Balasus, Realschulleiter, Die Zeit, 21. Jänner 2010.

(2) Josef Kraus, Ist die Bildung noch zu retten?, S. 41.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s