Und täglich grüßt das Murmeltier

Bill Murray spielt in dieser US-amerikanischen Filmkomödie den arroganten, egozentrischen und zynischen Wetteransager Phil Connors, der ein und denselben Tag immer wieder erlebt. Daran muss ich denken, wenn ich die jährlich erscheinende, von der Arbeiterkammer Wien in Auftrag gegebene „Nachhilfe-Studie“ des IFES-Instituts lese. Die daraus abgeleiteten Forderungen inklusive Pressemeldungen liegen offenbar seit Jahren in den Schubladen und werden jedes Jahr hervorgezogen, was ihre Korrektheit aber auch nicht erhöht. „Aufgrund dieser Zahlen müssen wir sagen: Nachhilfe ist keine Ausnahme mehr, sondern Teil des Schulsystems […] Wir brauchen mehr schulische Nachmittagsbetreuung und Ganztagsschulen“, meinte etwa der niederösterreichische AK-Präsident, um nur eine von vielen Meldungen dieser Art zu zitieren. (1)

Zunächst ist festzuhalten, dass „Nachhilfe“ bei dieser Studie auch Sprachferienkurse und Lerncamps inkludiert. Deshalb ist „Nachhilfe“, wenn über Daten dieser Studie gesprochen wird, unter Anführungszeichen zu setzen, weil das lockere Miteinrechnen von Sprachferienkursen die Ergebnisse natürlich massiv verfälscht. „Private Sprachurlaube der Schulkinder kosteten die Eltern in den vergangenen Schuljahren durchschnittlich 835 Euro pro Schulkind.“ (2)

Die zentralen Ergebnisse der Studie:

  • In Wien bekamen mit 21 % die meisten SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“. In den anderen Bundesländern waren es zwischen 12 und 15 %. (3)
  • 42 % der SchülerInnen, die „Nachhilfe“ bekamen, erhielten sie regelmäßig, die anderen phasenweise. (4)
  • In Wien wurde mit monatlich 12,8 Euro pro SchülerIn etwa doppelt so viel für „Nachhilfe“ ausgegeben wie in den anderen acht Bundesländern. (5)
  • Bei den 15 % der SchülerInnen Österreichs, die bezahlte „Nachhilfe“ bekamen, wurden dafür im Mittel 53,4 Euro pro Monat ausgegeben. (6)
  • Nur 8 % der VolksschülerInnen bekamen (entgegen anderslautender Behauptungen mancher „ExpertInnen“) „Nachhilfe“, um die Aufnahme in die AHS zu erreichen. (7)
  • Nur 34 % der SchülerInnen, die „Nachhilfe“ bekamen, erhielten sie, um eine Nachprüfung bzw. eine negative Note im Zeugnis zu verhindern. (8)
  • Um die Kosten für „Nachhilfe“ noch weiter zu reduzieren, wünschen sich 81 % aller befragten Eltern „kostenlose Nachhilfeangebote an den Schulen“, 77 % „Klassenteilungen in einzelnen Fächern“, 65 % „generell mehr Förderunterricht an den Schulen“, 61 % eine „bessere Beratung seitens der Lehrkräfte über passenden Schultyp“, aber nur 48 % „Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und individueller Förderung“. (9)

In der Komödie wird Phil Connors durch das Festsitzen in der Zeitschleife allmählich zu einem besseren und geliebten Menschen, wodurch er schließlich als geläuterter Mann sein Leben fortsetzen kann. Die Arbeiterkammer ist offensichtlich noch ganz fest in der Zeitschleife gefangen …

(1) Nachhilfestudie: Ein Viertel aller SchülerInnen geht zur Nachhilfe, finanzielle Belastung nimmt zu. Presseaussendung der AK NÖ vom 15. Juni 2018.

(2) AK Wien (Hrsg.), Schulkostenerhebung 2016 (2016), S. 3f.

(3) IFES (Hrsg.), „Nachhilfe in Österreich 2018“ (2018), S. 8.

(4) IFES, S. 39.

(5) IFES, S. 44.

(6) IFES, S. 10 und 49.

(7) IFES, S. 9.

(8) IFES, S. 40.

(9) IFES, S. 53.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Und täglich grüßt das Murmeltier

  1. Pikant an dieser Zeitschleife ist, dass die AK zwar immer gebetsmühlenhartig dieselben Untersuchungen macht und dann auch das Versagen des Schulsystems predigt, gleichzeitig aber auch an den Schulen aktiv ihre Lern-Nachhilfe bewirbt. Man könnte also auch dahinter unter anderem nichts anderes vermuten als eine gezielte Werbung für die Feriennachhilfe durch die AK. Also zunächst einmal Schlechtmachen der Situation, um danach als Retter in der Not aufzutreten und nichts anderes zu tun, als gerade kritisiert wird, nämlich Nachhilfe anzubieten.

  2. Dieser Beitrag hat den gewissen Lehrer-Geruch (in Schwaben sagen sie dazu „Geschmäckle“).
    Betrachten wir drei fundamentale Aufgabenbereiche des Staates: Gesundheit, Sicherheit und Bildung.

    1. Gesundheit: Die Österreicher geben Milliarden privat aus für Zusatzprodukte und Zusatzleistungen im Gesundheitsbereich, manches davon von zweifelhafter Wirkung. Ich kenne keinen Arzt, der deshalb beleidigt wäre.

    2. Die Österreicher geben viele Millionen zusätzlich aus für ihre private Sicherheit: Alarmanlagen, Safes, Schlösser, Securities usw. Ich kenne keinen Polizisten, der deshalb beleidigt wäre.

    3. Die Österreicher geben Millionen aus für Nachhilfe. Und manche Lehrer fassen schon den Hinweis darauf als Beleidigung des Berufsstandes auf.

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