Die drei Arten von Lügen

Eine aktuelle Studie der Arbeiterkammer weist einmal mehr auf die Vorteile der verschränkten ganztägigen Schule hin. So gaben an verschränkten Ganztagsschulen signifikant weniger Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu lernen bzw. für Nachhilfe zu bezahlen“, meinte BM Gabriele Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. (1) Zwei Tage später verstärkte sie diese Aussage noch. „Der wahre Schlüssel, um nachhaltig Kosten für Eltern zu senken, liege nicht in Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung, sondern in einer verschränkten ganztägigen Schule, wo für SchülerInnen Abwechslung zwischen Bewegung, Kreativität und Wiederholen des Lernstoffes möglich ist, wie die Ministerin meint.“ (2)

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Nun findet sich in der besagten AK-Studie tatsächlich folgender Satz: „Einen positiven Effekt auf eine Reduzierung der bezahlten Nachhilfe hat offenkundig die Ganztagsschule. Eltern, deren Kind in eine solche Schulform geht, haben zu geringeren Anteilen auf eine bezahlte Nachhilfe zurückgreifen müssen (17 %).“ (3) Insgesamt geben laut AK-Studie 21 % der Eltern an, dass sie im Lauf des Schuljahres für „Nachhilfe“ Geld ausgegeben haben. (4) (Dazu werden auch Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien gerechnet.) Die Unterrichtsministerin hat also scheinbar recht, aber eben nur scheinbar.

Die ganztägige Schule in ihrer verschränkten Form, also die klassische „Ganztagsschule“, gibt es insgesamt wegen mangelnder Nachfrage nur sehr selten, dann aber in erster Linie im Volksschulbereich. (5) Und nur 5 % der Eltern von Volkschulkindern geben an, bezahlte Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. (6) Man darf seriöserweise daher die 17 % nicht mit den 21 % vergleichen (siehe vorigen Absatz), sondern viel eher mit den 5 %. Die Ganztagsschule erhöht also den Nachhilfebedarf!

Das ist übrigens keine Neuigkeit, sondern ein hinlänglich bekanntes Faktum. „In Ländern mit Ganztagsschulen sind die außerschulischen Aufwendungen um ein Vielfaches höher“, stellte etwa Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann erst vor wenigen Monaten in einem Interview fest. (7)

Was manche PolitikerInnen, „BildungsexpertInnen“ und JournalistInnen aus Zahlen ableiten, lässt mich an ein wohl fälschlicherweise dem einstigen britischen Premierminister Benjamin Disraeli zugeschriebenes Zitat denken: „Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, infame Lügen und Statistik.“ (8)

(1) Heinisch-Hosek am Weltelterntag: Ganztägige Schulformen bringen mehr Chancen für Kinder und Eltern. OTS-Aussendung vom 1. Juni 2015.

(2) Vorläufige Ergebnisse der schriftlichen Zentralmatura liegen vor. Parlamentskorrespondenz Nr. 593 vom 3. Juni 2015.

(3) IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015), S. 24.

(4) AK-Studie, S. 26. Das steht in keinem Widerspruch zur Angabe in meinem Posting „Das halbvolle Glas“ vom 23. Mai 2015, dass nur 13 % der SchülerInnen bezahlte „Nachhilfe“ bekommen haben. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen den Eltern, die ja im Schnitt nicht nur ein Kind haben, und den SchülerInnen.

(5) Ich habe einander sehr stark widersprechende Zahlen gefunden, die aber insofern übereinstimmen, dass sie „Ganztagsschule“ v. a. im Volksschulbereich umgesetzt sehen. Lt. BMUKK (Bildungspolitische Sommergespräche, Teil 1. Die Ganztagsschule im Praxistest (Wien, 20. August 2013), S. 9) haben im Schuljahr 2012/2013 14.236 PflichtschülerInnen und 2.061 AHS-SchülerInnen Ganztagsschulen besucht. Lt. BIFIE (BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2 (Graz 2012), S. 286) besuchten 2011/2012 „hochgerechnet“ 11.800 VolksschülerInnen und 9.200 SchülerInnen der Sekundarstufe I Ganztagsschulen.

(6) AK-Studie, S. 26.

(7) Michael Prock, „Bitte keine Modellversuche“. In: Vorarlberger Nachrichten online vom 13. September 2014.

(8) „There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.“ Dieser Ausspruch wurde v. a. durch Mark Twain bekannt, der ihn Benjamin Disraeli zuschrieb. Allerdings ist er in Disraelis Schriften nicht zu finden und tauchte erstmals Jahre nach dessen Tod auf.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Die drei Arten von Lügen

  1. Interessant zu diesem Thema: Finnland hat entgegen mancher Behauptungen keine Ganztagsschule! Die Eltern haben zwar die Möglichkeit, eine Nachmittagsbetreuung (ähnlich einem Hort) in Anspruch zu nehmen, aber dies ist weder eine Verpflichtung noch für die meisten Eltern üblich. Hat mich sehr überrascht! Vieles von dem, was PolitikerInnen und auch Zeitungen behaupten, stimmt schlicht und einfach nicht.
    Übrigens: Finnische LehrerInnen arbeiten zwischen 17, 9 (FinnischlehrerInnen) und 22 (GrundschullehrerInnen) pro Woche. So viel zur angekündigten Erhöhung der LV und der angeblich so privilegierten Situation der KollegInnen in Österreich..

  2. Lieber und verehrter Herr Kollege Quin,
    so verdienstvoll, richtig und notwendig diese Ausführungen sein mögen, so müssen Sie schon auch ein wenig an die Frau Unterrichtsministerin und ihr Zeitbudget denken. Die hat jetzt sooo viel mit den geplanten Po-Grapsch-Gesetzen zu tun, da kann sie sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern. Dem Vernehmen nach gab es jetzt schon etliche Verhandlungsrunden mit dem Herrn Justizminister und die sind halt sehr zeitaufwändig.

  3. Es ist auch zu beachten, was unter „Ganztagsschule“ verstanden wird. Ich kenne zufällig die Situation in Kanada genauer, da meine Nichte und mein Neffe dort zur Schule gehen. Die Schule beginnt um 9 Uhr, Mittagspause ist von 12 – 13 Uhr, und um 15 Uhr ist Schluss. Essen müssen die Kinder selbst mitbringen. Hausübungen gibt es trotzdem. Zusätzliche Betreuung bis 17 Uhr wird keine angeboten. Das gilt für die ersten Jahre, entsprechend unserer VS. Später haben sie wie bei uns auch länger Unterricht. Wo ist da der Unterschied zu unserer Schule? Nur weil sie bis 15 Uhr dauert, darf sie sich „Ganztagsschule“ nennen! Da wären unsere Eltern aber sicher sehr begeistert, wenn die Schule erst um 9 Uhr beginnen und schon um 15 Uhr enden würde!

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