Herbert Weiß: Von Singapur lernen

Nachdem sich Politik und Medien früher aufgrund von PISA-Ergebnissen meist am finnischen Schulsystem orientiert haben, geht der Fokus in letzter Zeit eher in den Fernen Osten. Eine hochrangige Regierungsdelegation hat sich jüngst bei einem Besuch in Singapur und Hongkong ein Bild vom dortigen Schulsystem gemacht. Ersten Medienberichten zufolge haben manche von dieser Reise den Eindruck mitgenommen, man müsse in Österreich die Digitalisierung der Schulen massiv ausbauen.

Wir können von Singapur im Umgang mit Informationstechnologie sicher einiges lernen. Doch lernen kann und will man auch von Österreichs Schule. Bildungsminister Faßmann wies unter anderem darauf hin, dass die Bildungsverantwortlichen Singapurs und Hongkongs von den Österreichern wissen wollten, „wie man vom passiven zum aktiven Lernen übergehen kann“. (1)

Dass Schule im Fernen Osten stark durch Drill und Unmengen von Nachhilfeunterricht geprägt ist, ohne den die Kinder im scharfen Wettbewerb untergehen würden, ist hinlänglich bekannt, wird aber bei der Bewertung der PISA-Ergebnisse meist ausgeblendet. „Während im Schnitt der OECD-Länder 66 Prozent der Schüler angaben, Angst vor schlechten Noten zu haben, fürchten sich in Singapur 86 Prozent der Befragten davor. 76 Prozent der Singapurer berichteten, dass sie – selbst wenn sie gut vorbereitet sind – Angst vor Tests und Prüfungen haben.“ (2) 80 Prozent der Kinder bekommen in Singapur schon während der Grundschule Nachhilfeunterricht, 40 Prozent sogar schon vor Beginn ihrer Schullaufbahn. (3)

Bundesminister Faßmann will zwar im Bereich des Technologieeinsatzes von Singapur lernen, gleichzeitig aber nicht auf die Vorzüge unseres Systems vergessen bzw. diese über Bord werfen. Von Singapur könnten und sollten wir uns aber noch mehr abschauen: „In Singapore, beginning teachers receive 2 years of coaching from expert senior teachers who are trained by the National Institute of Education as mentors and are given released time to help beginners learn their craft. During the structured mentoring period, beginning teachers teach a reduced load (about two-thirds that of an experienced teacher) and attend courses in classroom management, counseling, reflective practices, and assessment offered by the National Institute of Education and the Ministry of Education.“ (4)

Bundesminister Faßmann sollte ebenso wie bei der NOST auch diesbezüglich Mut beweisen, noch in letzter Minute korrigierend einzugreifen, wo seine Vorgängerinnen Reparaturbedarf hinterlassen haben. Statt das Unterrichtspraktikum mit Ende dieses Schuljahres auslaufen zu lassen, sollte er es retten und die „Induktionsphase“ streichen. Das wäre ein wahrhaft innovativer Schritt im Sinne unserer zukünftigen KollegInnen und der Qualität unseres Schulwesens.

(1) Singapur-Hongkong-Reise für Kurz und Minister ein Erfolg. In: Salzburger Nachrichten online vom 1. September 2018.

(2) Ulrike Putz, Singapur: Zwölf Stunden Büffeln am Tag. In: Luzerner Zeitung online vom 26. August 2017.

(3) Siehe Amanda Wise, Behind Singapore’s PISA success and why others may not want to compete. In: Asia Times online vom 18. Dezember 2016.

(4) Linda Darling-Hammond u. a., Teaching in the Flat World (2015), S. 82.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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