Das halbvolle Glas

Irgendwie ist es schön, dass es in unserer schnelllebigen Zeit noch Konstanten gibt. Eine davon ist die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien jährlich erstellt. Die daraus abgeleiteten Forderungen inkl. Pressemeldungen liegen seit Jahren in den Schubladen und werden jeden Mai hervorgezogen.

on whiteDie Studie zeige „sehr deutlich, dass Wien mit dem Projekt der Gratis-Nachhilfe für 6 bis 14-Jährige genau auf dem richtigen Weg ist“, betont der Wiener SPÖ-Bildungsstadtrat. (1) Für den Leiter der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien sind die verschränkte Ganztagsschule sowie die Gratisnachhilfe in Wien „Lichtblicke“. (2) Der steirische AK-Präsident „fordert, gemäß SPÖ-Parteilinie, den Ausbau von Ganztagesschulen mit verschränktem Unterricht, sowie die Etablierung kostenloser Nachhilfe in den Schulen.“ (3) AK-Präsident Rudolf Kaske behauptet: „Die klassische Halbtagsschule nimmt zu wenig Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder wahr.“ (4)

Auch „Bildungsexperten“ (5) sondern – alle Jahre wieder – ihre Expertise ab. Andreas Salcher trete schon „seit Jahren“ für „echte Ganztagsschulen“ ein (Was sind eigentlich unechte?), aber auch die Lehrerausbildung müsse dringend verbessert werden. „In Mathematik gibt es ein massives pädagogisches Problem. Viele Lehrer sind zwar fachlich gut ausgebildet, haben aber nicht gelernt, wie sie ihr Wissen rüberbringen.“ (6) Salchers legendäre Blamage bei „Wir sind Kaiser“ (7) legt nahe, dass er aus eigener Erfahrung spricht.

Aber werfen wir doch einen Blick in die Studie selbst! (8) Davor noch eine wichtige Anmerkung: In die Kosten für „Nachhilfe“ sind – und das ist eine üble Täuschung der Öffentlichkeit – auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet, ohne dass deren Höhe extra ausgewiesen wird. Bei den Preisen für derartige Ferienangebote wird es sich wohl um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln. Jedenfalls entfällt mehr als ein Viertel der 119 Millionen an „Nachhilfekosten“ auf die Sommerferien.

13 % der österreichischen Schüler nehmen bezahlte „Nachhilfe“ in Anspruch und geben dafür im Mittel 1,8 Euro pro Tag aus.

Nicht einmal bei jedem dritten Schüler (32 %), der „Nachhilfe“ bekommt, geht es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern.

Nur 4 % der Volksschüler erhalten „Nachhilfe“, um die Aufnahme in die AHS zu erreichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als Propaganda entlarvt.

Das jahrzehntelange migrations- und integrationspolitische Versagen schlägt brutal durch: „Auf externe Nachhilfe in Deutsch mussten in überdurchschnittlichem Ausmaß Eltern mit nicht-deutscher Muttersprache zurückgreifen (42 %). Besonders hoch ist der Bedarf an externer Deutsch-Nachhilfe bei jenen, die zu Hause nur zum Teil Deutsch sprechen (58 %).“ In den von Migration besonders betroffenen Bundesländern Wien und Vorarlberg liegen die Ausgaben für „Nachhilfe“ um ein Viertel (Wien +25 %, Vorarlberg +28 %) über dem Mittel der anderen sieben Bundesländer.

Um die Kosten für Nachhilfe zu reduzieren, wünschen sich

  • 84 % aller befragten Eltern „Klassenteilungen in einzelnen Fächern“,
  • ebenfalls 84 % „kostenlose Nachhilfeangebote an den Schulen“,
  • 71 % „generell mehr Förderunterricht an den Schulen“,
  • 64 % eine „bessere Beratung seitens der Lehrkräfte über passenden Schultyp“, aber
  • nur 46 % „Ganztagsschulen mit verpflichtender Anwesenheit und individueller Förderung“.

Und wie sieht es im internationalen Vergleich mit Nachhilfe aus? (9)

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Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für die Entfaltung besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulen steht daher ebenfalls seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft. Unerträglich finde ich allerdings dieses permanente Schlechtreden unserer Schule – noch dazu in einem Bereich, in dem wir international sehr gut dastehen.

Jean Cocteau hat es treffend formuliert: „Ein halbleeres Glas Wein ist zwar zugleich ein halbvolles, aber eine halbe Lüge mitnichten eine halbe Wahrheit.

(1) Nachhilfe – Oxonitsch: „Arbeiterkammer bestätigt Wiener Weg!“ OTS-Aussendung vom 20. Mai 2015.

(2) Nachhilfebedarf bei Schulkindern steigt leicht. In: Salzburger Nachrichten online vom 20. Mai 2015.

(3) Kosten für Nachhilfe explodieren in Steiermark. In: Kleine Zeitung online vom 20. Mai 2015.

(4) Maria Kern, Armutszeugnis: Jedes vierte Kind braucht Nachhilfe. In: Kurier online vom 21. Mai 2015.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) Kern, Armutszeugnis.

(7) Der „Bildungsexperte“ Andreas Salcher blamiert sich beim „Kaiser“ am 23. Mai 2014.

(8) Alle folgenden Angaben stammen, wenn nicht anders angemerkt, aus IFES, AK-Studie: Nachhilfe in Österreich 2015 (Wien 2015).

(9) PISA 2012-Datenbank, Abfrage vom 8. Februar 2015.

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10 Kommentare

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10 Antworten zu “Das halbvolle Glas

  1. Erich Wallner

    Der STANDARD vom 21. Mai bringt eine Liste der jährlichen durchschnittlichen Kosten für Nachhilfe:
    An der Neuen Mittelschule sind sie mit € 620 höher als an der gymnasialen Unterstufe (€ 608), an der Hauptschule weitaus am billigsten (€ 460), und – für mich unerklärlich – an der Volksschule liegen sie bei € 597. In der Volksschule sind aber sicher keine sommerlichen Sprachkurse dabei. Mich würde interessieren, wie die Apologeten der Gesamtschule die hohen Nachhilfekosten in der Volksschule erklären.
    Ebenso würde mich interessieren, wieso die Hauptschule um soviel besser abschneidet als die NMS: Ich war der Meinung, dass es die engagiertesten Hauptschulen waren, die so bald wie möglich auf NMS umgestellt haben (so las ich es jedenfalls). Jetzt sind es also ausgerechnet die noch verbliebenen fossilen pädagogischen Nachzügler, die die geringsten Nachhilfekosten verursachen?

  2. barbara

    Es ist langsam schon seltsam, dass meine Kinder (3) keine Nachhilfe brauchen. Aber sie werden bei den durchschnittlichen Kosten einfach mit gerechnet. Da stimmt sehr vieles nicht!

  3. Ich habe vier Kinder, die weder Nachhilfe brauch(t)en, noch habe ich Rabenmutter mit ihnen gelernt. Trotzdem haben drei bereits ein Studium abgeschlossen und die vierte hat in der 4. Klasse AHS einen Notendurchschnitt von 1.0.

  4. Eleonora Neugebauer-Lenhardt

    Ganztagsschulen lösen das Problem nicht, sondern verschieben es auf den späteren Nachmittag. Das haben mir zwei völlig frustrierte Mütter berichtet, die ihre Kinder in Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht (Volksschule) angemeldet hatten, weil sie glaubten, ein „all-inclusive-Paket“ zu buchen und mit den Kids nichts mehr für die Schule machen zu brauchen. Das hat nur leider nicht funktioniert. Die „Hausübungen“ wurden unvollständig oder falsch gemacht, und das Lesen musste sowieso zu Hause geübt werden, das hatte die Lehrerin gleich zu Beginn betont. Es sei auch an einer Ganztagsschule zeitlich nicht möglich, mit jedem Kind individuell Lesen zu üben. Fazit: die völlig genervten Mütter mussten mit den müden Kindern nach 17 Uhr Hausübungen korrigieren, Lesen üben und für Diktate und Rechentests lernen. Für irgendwelche sonstigen Aktivitäten war keine Zeit mehr. Was also soll das bringen?

    • Dazu passend Erkenntnisse einer vor einem Vierteljahr publizierten Studie:

      „In der Längsschnittbetrachtung zeigt sich, dass die ganztägige Schulbetreuung es nicht schafft, die unterschiedlichen Ausgangslagen der Schüler/innen auszugleichen.“ (Österreichisches Institut für Familienforschung (Hrsg.), „Betreuung, Bildung und Erziehung im Kindesalter“ (Februar 2015), Seite 4)
      „Im Bereich der konkreten schulischen Leistungen der Kinder scheinen die hohen Erwartungen an die ganztägigen Schulen kaum bis gar nicht in Erfüllung zu gehen.“ (ibid., Seite 48)
      „Ist die Schule als gebundene Ganztagsschule organisiert, entwickeln sich die Schüler/innen in Mathematik – wie auch in Deutsch – schlechter als in offenen ganztägigen Schulen.“ (ibid., Seite 49)

      Der Propaganda sind aber Fakten immer schon egal gewesen.

  5. Christian Sitte

    Man könnte es auch so interpretieren:
    Ein Teil davon sitzt in der falschen Schule (ich habe in einigen Klassen „beratungsresistente“ Eltern, die nicht einmal beim drohenden zweiten Durchfallen in der Unterstufe im Semester (!) bereit wären, ihr Kind aus dem Gym in eine NMS zu geben…(dabei kommen mehr als die Hälfte der Maturanten – etwa BHS – aus der HS…)

    Ein weiterer Teil tut eben einfach nichts…und das erst beim letzten Abdrücker (siehe VWA-Abgabestau…)
    und ist gewohnt eben in der Stunde nicht aufzupassen, es sich über Wochen zusammenzukommen lassen – um das sich dann vom Nachhilfeinstitut/-Lehrer privat bezahlt eintrichtern zu lassen.

    Auch meine Kinder benötigten keine Nachhilfe und studieren heute (z.T. mit Cambridge-Stipendium…). Das was immer stärker abhanden kommt, ist eine Grundhaltung zur Arbeit…(die nicht immer nur Spaß machen muss… und dem Bewusstsein: da muß man eben durch…).

    Komisch:
    im Sport akzeptiert das jeder….

    • Erich Wallner

      „Komisch:
      im Sport akzeptiert das jeder….“

      Ja, mit der Akzeptanz ist das so eine Sache:
      Die Durchfallsquoten bei der Führerscheinprüfung zum Beispiel sind auch noch nie ein Thema gewesen. Hätten wir solche Ergebnisse bei der Matura, gäbe es einen Sturm der Entrüstung.
      Es ist weiters noch nie jemand auf die Idee gekommen, den Fahrlehrer dafür verantwortlich zu machen, wenn ein Kandidat durchfällt.
      Aber vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir befürchten, dass ein bloß durchgewunkener Prüfling vielleicht derjenige ist, der uns morgen an der Kreuzung rammt?
      Und vielleicht traut sich die Omi insgeheim doch nicht, mit ihrem Neffen mitzufahren, wenn sie nicht sicher sein kann, dass er das Auto auch wirklich beherrscht? Bei der Matura dagegen ist es ihr in der Regel herzlich egal, wie es „wirklich“ um Burschis Latein- oder Mathematikkentnisse bestellt ist.

  6. Manuel

    Christian Sitte schrieb: (dabei kommen mehr als die Hälfte der Maturanten – etwa BHS – aus der HS…)

    Das sind aber Schüler vom Land…
    In der Stadt ist der Niveauunterschied AHS-NMS so groß, dass es für Umsteiger nach der NMS sehr schwer ist, bis zur Matura zu kommen.
    Ich verstehe alle Eltern, die ihr Kind auf Biegen und Brechen im Gymnasium halten wollen…

  7. Pingback: Die drei Arten von Lügen | QUINtessenzen

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