Ausnahmen bestätigen die Regel

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern auch die „Nachhilfestudie“, die das IFES-Institut im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellt. Und alle Jahre wieder wird daraufhin das Lied von den angeblich skandalös hohen Nachhilfekosten in Österreich gesungen. „Nachhilfe kostet jeden 666 Euro“, titelte etwa ein kleinformatiges „Qualitätsmedium“. (1) Die politische Intention dahinter: diesmal erstaunlicherweise keine Propaganda für die Gesamtschule, sondern für „ganztägig verschränkte Schulformen“, also die Ganztagsschule. (2) In einer Presseaussendung des Unterrichtsministeriums liest man: „,Kinder werden in der verschränkten Ganztagsschule optimal gefördert‘, so die Bildungsministerin anlässlich der Präsentation des AK Nachhilfebarometers 2014. Eine ganztägige Betreuung verringert Aufwand und die Kosten für Nachhilfe beträchtlich, das belege das AK-Barometer deutlich.“ (3)

Group Of Primary Schoolchildren And Teacher Having lesson In Classroom

Werfen wir doch einen Blick auf einige zentrale Ergebnisse der aktuellen IFES-Studie:

  • Österreichweit wurden im Lauf von 12 Monaten 109 Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben, womit sich der Trend eines Rückganges der Nachhilfekosten fortsetzt (9 Millionen Euro weniger als im Vorjahr). (4)
  • 88 % der Schüler (5) Österreichs haben das gesamte Jahr über keine bezahlte Nachhilfe erhalten. (6)
  • Für die 12 % der Schüler Österreichs, die bezahlte Nachhilfe bekommen haben, wurden im Mittel 1,8 Euro pro Tag für die Nachhilfe ausgegeben. Betrachtet man alle Schüler, waren es im Mittel 26 Cent pro Tag (7,9 Euro pro Monat). Ein Päckchen Zigaretten kostet rund 4 Euro …
    Dazu muss man noch wissen, dass in die Kosten für „Nachhilfe“ auch alle Kosten für Sprachferienkurse und Lerncamps in den Sommerferien eingerechnet werden, ohne ihre Höhe extra auszuweisen. Bei den Preisen derartiger Ferienangebote macht dies zweifellos einen nennenswerten Anteil aus – wohl einen deutlich zweistelligen Prozentsatz. (7)
  • Nicht einmal bei jedem vierten Schüler, der Nachhilfe bekommen hat, ging es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern – fast ein Drittel weniger als noch 2012. (8)
  • 0 (in Worten: Null) % der Volksschüler erhalten Nachhilfe, um die Aufnahme in die AHS zu ermöglichen, was anderslautende Behauptungen von „Experten“ als reine Propaganda entlarvt. (9)

Wie aus solchen Ergebnissen die Forderung nach der Ganztagsschule abgeleitet werden kann, weiß nicht einmal IFES: „Auch bei der Ganztagsschule sind bis Dato [sic!] noch keine positiven Effekte in Richtung einer Eindämmung des externen Nachhilfebedarfs erkennbar.“ (10) Dass Ganztagsschulen das Nachhilfeaufkommen nicht reduzieren, ist überhaupt keine Überraschung, sondern gehört zum Allgemeinwissen seriöser Bildungswissenschaftler. (11)

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Die Gewerkschaft fordert seit Jahren Ressourcen für die individuelle Förderung von Schülern – für die Kompensation von Defiziten ebenso wie für den Ausbau besonderer Begabungen. Wenn es nach uns geht, könnten und sollten wir das in Österreich im internationalen Vergleich sehr geringe Aufkommen an privater Nachhilfe noch weiter reduzieren. Der Ausbau qualitativ hochwertiger Angebote ganztägiger Schulformen steht ebenso seit Jahren auf der Forderungsliste der Gewerkschaft, nicht aber die peinliche Propaganda unseres Dienstgebers.

Laut „Nachhilfestudie“ hat in nur 8 % der Fälle Nachhilfe die in sie gesetzte Hoffnung nicht erfüllt. (12) Obwohl wir Arbeiterkammer und Unterrichtsministerinnen regelmäßig „Nachhilfe“ erteilen (13), zeigt sie bei den Adressaten wenig Wirkung. Ausnahmen bestätigen eben die Regel …

(1) Nachhilfe kostet jeden 666 Euro. In: Österreich online vom 21. Mai 2014.

(2) Grossmann: Ausbau ganztägiger Schulformen bringt Reduktion von Nachhilfekosten für Eltern. Presseaussendung des SPÖ-Parlamentsklubs vom 21. Mai 2014.

(3) Heinisch-Hosek zu AK-Nachhilfebarometer: Ganztagsschule entlastet Kinder und Eltern. Presseaussendung des BMBF vom 21. Mai 2014.

(4) IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfestudie Österreich. Bundesweite Elternbefragung 2014, S. 42, und IFES (Hrsg.), AK-Studie: Nachhilfe in der Steiermark. Elternbefragung 2013, S. 35f.

(5) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(6) IFES 2014, S. 7.

(7) IFES 2014, S. 38f.

(8) IFES 2014, S. 33.

(9) IFES 2014, S. 34.

(10) IFES 2014, S. 25.

(11) „Ganztagsschulländer haben in der Regel mehr Nachhilfe.“ Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Referat beim „Weis(s)en Salon“ am 16. Oktober 2013.

(12) IFES 2014, S. 35.

(13) Siehe etwa die Posts „Kammerdiener“, „Gerhard Riegler: AK-Propaganda“ oder „Gerhard Riegler: Freizeitkiller Kind“.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Ausnahmen bestätigen die Regel

  1. Befund aus langjähriger Praxis und mit Abstand betrachtet:
    Kinder mit Leistungsschwirigkeiten sind meistens (!) einer der Kategorien zuzuordnen:
    – viele sitzen wegen Überschätzung, Druck, Freunden in der falschen Schule bzw. im falschen Schulzweig und sind kognitiv, organisatorisch, … überfordert
    – lernen falsch, da sie für sich kein geeignetes Lernsystem entwickelt haben bzw. ihnen geholfen wird, eines zu entwickeln
    – passen am Vormittag nicht auf, weil der Nachhilfelehrer erklärts mir sowieso nochmal
    – folgen den Anweisungen der Lehrer bzgl. lernen, üben, Hausaufgaben (nicht machen oder abschreiben) udgl. nicht und wundern sich über fehlende Übung
    – lernen nur punktuell für Schularbeiten, und das geht auf Dauer nicht immer gut bzw. bei Lehrern nicht gut, die auf Verständnis bzw. Kompetenzen wert legen

  2. Die Forderung nach der Ganztagsschule geht total an dem natürlichen Bedürfnis der Kinder nach Rückzug und individueller Verarbeitung und Vertiefung des Gelernten vorbei. Das Zusammensein mit anderen Menschen auf engstem Raum zieht enorme Kräfte ab und macht Reflexion und anspruchsvolle Lektüre extrem schwierig. So gesehen würde eine Verlängerung des Schultags zwangsläufig zu einer Niveausenkung beitragen.

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