Gerhard Riegler: Déjà-vu

Am Montag hat die Statistik Austria die aktuelle Ausgabe ihres alljährlichen Monumentalwerks „Bildung in Zahlen“ präsentiert. Über 600 Seiten liefern Unmengen von Daten zu Österreichs Bildungswesen. Und einmal mehr reagierten PolitikerInnen mit Propaganda, statt sich auf die Fakten einzulassen, sie zu analysieren und aus ihnen seriöse Konsequenzen zu ziehen.

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Aus dem Mund der Unterrichtsministerin lautete dies zum Beispiel so: „Gerade in Österreich, wo Bildung nach wie vor stark vom Elternhaus vererbt wird, ist dieser Beleg für den Erfolg der Neuen Mittelschule eine weitere wichtige Bestätigung.“ (1)

Unter Erfolg versteht BM Heinisch-Hosek, dass mehr NMS-SchülerInnen nach der Sekundarstufe I in eine AHS oder BHS übertreten, während sich AbsolventInnen der Hauptschule eher für die duale Bildung entschieden hatten. Dass weniger NMS- als HauptschulabsolventInnen nach dem ersten Jahr in einer höheren Schule in die nächste Klasse aufsteigen, ist der Unterrichtsministerin egal? Dabei hätte sie für diese Information nicht einmal die Studie lesen müssen. Ein Blick in die Medien genügt: „Absolventen einer Neuen Mittelschule (NMS) schaffen zwar öfter den Aufstieg in eine AHS-Oberstufe oder an eine berufsbildende mittlere und höhere Schule (BMHS) als Hauptschulabsolventen. Sie tun sich dann aber anteilsmäßig schwerer mit dem Aufstieg in die nächste Klasse dieser Schule.“ (2)

Auch dass AbsolventInnen einer Lehre aufgrund der großen Nachfrage nach ihnen weniger von Armut bedroht sind als MaturantInnen und diesbezüglich schon fast mit den AkademikerInnen gleichgezogen haben, hätte die Unterrichtsministerin in der Studie nachlesen können. Auch dass nichts für die Zukunft eines jungen Menschen gefährlicher ist, als die Schullaufbahn ohne Abschluss der Sekundarstufe II zu beenden. (3)

Die Statistik Austria hat der Politik am Montag viel Stoff zum Nach- und Umdenken auf den Tisch gelegt. Werden sich Österreichs PolitikerInnen die Zeit fürs Lesen und Reflektieren nehmen? Wollen sie überhaupt wissen, dass noch immer 35 % der SchülerInnen der AHS-Unterstufe in Klassen unterrichtet werden, die die gesetzliche Schülerhöchstzahl von 25 sprengen? (4) Wollen sie überhaupt wissen, dass mehr als drei Viertel der SchülerInnen, deren Eltern keinen Abschluss der Sekundarstufe II erworben haben, diesen Bildungsabschluss schaffen und sich damit die Tür zum sozialen Aufstieg öffnen? (5) Wollen sie überhaupt faktenbasiertes Wissen, das ihr vermeintliches „Wissen“ als Irren entlarvt?

Manche Daten und Informationen der aktuellen Studie stimmen sehr nachdenklich, z. B. dass immer mehr junge Menschen nach Abschluss ihres Studiums unser Land verlassen: „Vergleicht man die Wegzüge österreichischer Staatsangehöriger in das Ausland nach dem Bildungsstand, so zeigen sich besonders hohe Abwanderungsraten bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen – insbesondere bei Personen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung. […] Die stärkste Abwanderung fand in den Altersklassen zwischen 25 und 35 Jahren statt.“ (6)

Antworten junge AkademikerInnen mit ihrem Exodus auf eine Politik, die sie als Gefahr für Österreichs Wohlstand von morgen wahrnehmen? Wie lange noch müssen wir uns eine propagandistische Politshow auf Kosten der Zukunft ansehen?

(1) Mehr Mittelschüler gehen ins Gymnasium als früher. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 18. April 2016.

(2) Mittelschüler vom Land haben größere Chancen als Stadtkinder. In: Salzburger Nachrichten online vom 19. April 2016.

(3) Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014-15, Schlüsselindikatoren und Analysen (2016), S. 99.

(4) ibidem, S. 80.

(5) ibidem, S. 95.

(6) ibidem, S. 102.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Déjà-vu

  1. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“, dieses Thema der Science Busters (Copyright Werner Gruber, Heinz Oberhummer, Martin Puntigam) fällt mir immer dann ein, wenn ich Gerhard Rieglers akribische Darlegungen des wissenschaftlich erfassten Zahlenmaterials lese. Ja, was glauben denn „unsere“ Bildungsexperten denn alles, wenn ich mir ihre Vorstellungen und Behauptungen zum österreichischen Bildungssystem vor Augen führe? Mit Wissen(schaft) hat das ganz offensichtlich ganz wenig zu tun…

  2. Ja, eine abgeschlossene Lehre ist eine tolle Sache. Aber das wäre auch eine tolle Sache für einen Arztsohn, für eine Architektentochter, oder nicht? Komisch, dass die Kinder dieser Berufsgruppen so wenige Lehrlinge stellen. Woran mag das wohl liegen? ????????

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