Herbert Weiß: Allgemeinbildung oder ExpertInnen-Experimente

Beim BundeslehrerInnen-Tag in Linz hatte ich erneut das Vergnügen, einem Vortrag von Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann beiwohnen zu dürfen. Wieder einmal begeisterte er mit seinen Thesen sein Publikum. Besonders sein Plädoyer für die Vermittlung einer umfassenden Allgemeinbildung erreichte die Herzen der ZuhörerInnen. Eine Liveübertragung ins Bildungsministerium, die ich mir während seines Vortrags gewünscht hätte, bleibt leider Utopie.

Vielleicht erreichen aber wenigstens einige seiner mahnenden Worte die MitarbeiterInnen des Ministeriums. Besonders nötig wäre das als Fortbildung derer, die nach wie vor die Zerlegung der Inhalte, pardon Kompetenzen, der einzelnen Fächer in kleine Häppchen propagieren und uns dies als „Kompetenzorientierung“ verkaufen wollen. Dass sich die Leistungsbeurteilung in Zukunft nach den Plänen einiger ministerieller „ExpertInnen“ ausschließlich auf die Überprüfung dieser Häppchen stützen soll, erscheint wohl nicht nur mir als Schritt in Richtung Perversion eines Bildungssystems, das unserer Jugend Zukunftschancen eröffnen soll.

Liessmann verwies auf die Tatsache, dass niemand von uns weiß, wie die Berufswelt, ja die Welt an sich, in einigen Jahren aussehen wird. Niemand von uns kann z. B. auch nur annähernd abschätzen, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt und unser Leben auswirken wird. Mit Sicherheit aber würden Maschinen uns in sehr vielen Bereichen unserer Arbeitswelt ersetzen. Es habe keinen Sinn, sich mit ihnen bzw. ihrer Arbeitsleistung messen zu wollen. Je weiter die Entwicklung künstlicher Intelligenz voranschreiten wird, desto stärker werde sich unser Leben verändern.

Die Bedeutung sozialer Kompetenzen werde aber nicht geschmälert werden, im Gegenteil. Als Beispiel nannte Liessmann jene ProgrammiererInnen, die den selbstfahrenden Autos jene Entscheidungen diktieren, die im Fall eines bevorstehenden, aber nicht mehr vermeidbaren Unfalls getroffen werden müssen. Wer solle den Unfall überleben? Die FahrzeuginsassInnen oder der Passant? Auf uns alle, besonders aber auf die Jugend, würden Herausforderungen zukommen, von deren Existenz wir jetzt noch nicht einmal etwas ahnen.

Den Lösungsvorschlag für unser Schulsystem, den Liessmann anbietet, können wohl viele von uns unterschreiben. Wir sollten das Augenmerk nicht nur auf das richten, was derzeit bei verschiedensten Testungen erhoben wird bzw. was uns messbar erscheint. Wer Lösungen für Probleme finden soll, müsse kreativ sein, müsse bereit, ja sogar gierig danach sein, sich neuen Aufgaben zu stellen.

Dass diese Fähigkeiten nicht häppchenweise vermittelt und abgeprüft werden können, müsste eigentlich allen einleuchten. Bei „ExpertInnen“, die unser Bildungswesen noch immer für die Spielwiese ihrer Experimente halten, haben wir noch viel Überzeugungsarbeit vor uns. Gemeinsam sollte sie uns gelingen. Unsere Generation hat ja in Prä-Kompetenz-Zeiten noch die Kreativität entwickeln können, die uns auch mit hartnäckigen Problemen fertig werden lässt.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Allgemeinbildung oder ExpertInnen-Experimente

  1. Die Kreativität werden wir unseren SchülerInnen auch noch antrainieren. (Bei den Testformaten für die Zentralmatura haben wir’s ja auch geschafft.)

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