Gudrun Pennitz: Die digitale Falle

Mir war selbstverständlich schon vor dem 61. „Bodenseetreffen“ vergangenes Wochenende in Stuttgart klar, dass das Verteilen tausender digitaler Endgeräte an SchülerInnen selbst noch nicht „Digitalisierung des Unterrichts“ bedeutet. Mir war ebenfalls schon vorher klar, dass es im Endeffekt immer „auf den Lehrer ankommt“ (1), wenn Lernen gelingen soll. Meine Befürchtung wurde im Verlauf dreier mitreißender wissenschaftlicher Vorträge jedoch bestärkt, dass die Schule durch die fortschreitende Digitalisierung von Unterricht regelrecht „de-humanisiert“ werden könnte. (2)

Verheißungsvolle Versprechen begleiten die Digitalisierung der Schulen. „Individualisierung“ und „selbstorganisiertes Lernen“, die Säulenheiligen „fortschrittlicher“ Pädagogik, würden durch maßgeschneiderte Lernprogramme zum Kinderspiel. Selbst das zeit- und nervenraubende Korrigieren von Schularbeiten werde in Zukunft eine Software übernehmen können. „Richtig“ oder „falsch“ wird dadurch halt zum einzigen Maß- und Messstab. Viele Nachwuchslehrkräfte verstünden sich ohnehin schon eher als „Lernbegleiter“ denn als das Unterrichtsgeschehen Steuernde, weil man ihnen das an den Ausbildungsstätten so eintrichtert, musste ich mir sagen lassen.

Doch hat man bedacht, dass durch eine Automatisierung von Unterricht die ohnehin schon Starken vielleicht zu Gewinnern gemacht, die Schwachen aber jedenfalls noch weiter abgehängt werden, weil sie Lenkung und Kontrolle durch eine empathische Lehrkraft weitaus nötiger haben als Begabtere? Etwas, das selbst das coolste Lernprogramm niemals wird leisten können. Heißt das in letzter Konsequenz, dass Gemeinschaftssinn und Verantwortung zum Fremdwort werden? Wird Bildung mit Funktionieren verwechselt? Was will Digitalisierung überhaupt? Worin liegt ihr tieferer Sinn?

Fragen über Fragen, die ich mir nach diesem Kongress gestellt habe, auf dem ich als ÖPU-Vorsitzende Österreich vertreten durfte. Meine KollegInnen aus Baden-Württemberg, Bayern, Liechtenstein und der Schweiz blickten beim Auseinandergehen ähnlich beunruhigt drein.

(1) John Hattie entwickelte in seiner wegweisenden Metastudie „Visible Learning – Lernen sichtbar machen“ eine Rangliste verschiedener Einflussfaktoren auf den schulischen Lernerfolg, indem er anhand zahlreicher Meta-Analysen die Einflüsse in Bezug auf ihre Effektstärke untersuchte.

(2) 61. Internationales Bodenseetreffen. Vortragende: Prof. Dr. Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, Univ.-Prof. Dr. Roland Reichenbach, Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, Univ.-Prof. Dr. Sigrid Hartong, Professorin an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

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6 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Die digitale Falle

  1. @: „„Richtig“ oder „falsch“ wird dadurch halt zum einzigen Maß- und Messstab.“

    Wenn man sich die neueste Entwicklung in der Affäre der Ex-Ministerin Christine Aschbacher anschaut, dann würde man sich allerdings wünschen, dass der Maßstab „Richtig oder falsch?“ im Bildungswesen nicht gänzlich unter den Tisch fällt.
    Aschbacher darf nämlich ihren Wiener Neustädter Mag.-Titel behalten: Ihre Diplomarbeit sei zwar wissenschaftlich mangelhaft, „eine bewusste und gezielte Täuschungsabsicht wurde jedoch nicht nachgewiesen“. So die FH.

    Dass man Aschbacher eine „bewusste und gezielte Täuschungsabsicht“ nicht nachweisen konnte, erklärt sich daraus, dass man ihr zubilligt, geglaubt zu haben, es „ginge eh so auch“ (meine Formulierung). Dieses Zugeständnis setzt aber die Annahme voraus, dass Aschbacher guten Glaubens sein konnte, dass schlampiges Zitieren wenigstens in Wr. Neustadt Usus sei. Selbige Annahme öffnet aber den Deckel über einer Senkgrube …
    Ob da jemand willens ist, einen Blick hinein zu werfen – jetzt, wo der Deckel offen ist?

    Was sagt ein AHS-Lehrer einem Schüler, der eine vorwissenschaftliche Arbeit schreibt, wenn ihn dieser fragt, wieso im Gymnasium die Regeln strenger sind als an einer Fachhochschule?

    P.S.:
    Ob sich nach dem Persilschein noch irgendwer dafür interessiert, wieso Aschbachers Arbeit 2006 mit „Sehr gut“ beurteilt wurde? Wie ist das mit „Richtig oder falsch?“ in Wiener Neustadt?
    Und ob der Betreuer ihrer seinerzeitigen Arbeit auch noch weitere Diplomarbeiten durchgewinkt hat? interessiert das irgendjemanden?

  2. Eine gewisse Skepsis ist bei der bisher gezeigten Fähigkeit zur Umsetzung solcher Großprojekte sicher angebracht. Aber ist es wirklich so sinnvoll, das Idealbild eines empathischen Lehrers der Drohkulisse eines kalten Computers gegenüberzustellen? Es fordert doch niemand ernsthaft, Lehrer durch Lernprogramme zu ersetzen – Bagger haben doch auch keine Bauleiter überflüssig gemacht.

    Es steht doch außer Streit, dass man sowohl mit als auch ohne Computer guten und schlechten Unterricht machen kann. Mit einiger Verzögerung kommen Computer jetzt im Unterricht aller Fächer an. Vielleicht wäre es jetzt doch einmal an der Zeit, sich mit voller Kraft und konkret einem möglichst sinnvollen Einsatz zu widmen, statt sich in Grundsatzdebatten zu verlieren?

    Und als Nebenbemerkung: Warum sollten „Lernbegleiter“ nicht (auch) Unterricht steuern? Abgesehen von ein paar extremen Freilernern fordert doch niemand, dass Lehrer das nicht tun sollen? Wem helfen solche Strohmannargumente? Wenn angehende LehrerInnen sagen, dass das so aus den Unis kommt, vermute ich eher, dass sie da nicht so gut aufgepasst haben…

    1. Ein möglichst sinnvoller Einsatz bestünde u.a. darin, in der Unterstufe ZUERST mit einem verbindlichen Informatik-Unterricht von der 1. bis zur 4. Klasse zu starten, um dann darauf aufbauend diese digitale Kompetenz in der Oberstufe etwa mit eigenen Geräten in diversen Unterrichtsfächern zu nutzen!

      Derzeit werden 10-jährige Kinder, die per Gesetz etwa Dienste wie WhatsApp, Instagram & Co. gar nicht nutzen dürfen, und ohnehin oft zu viel Zeit unreflektiert mit dem eigenen Smartphone verbringen mit zusätzlicher Hardware beglückt [wenngleich es natürlich zu begrüßen ist, dass nun auch in sozial schwächer gestellten Haushalten Computer vorausgesetzt werden können].

      Unterricht soll und darf Technologie nicht ausschließen. Aber nur das Vorhandensein von Laptops/Tablets macht noch lange keinen besseren Unterricht! Und schon gar nicht kann von jedermann erwartet werden, den Kindern einen fundierten technologischen Hintergrund bei der Nutzung der Geräte zu vermitteln! Ein bisschen Textverarbeitung, ein bisschen Präsentationssoftware ist im 21. Jhdt. zu wenig! Mehr ist aber in einem integrativ geführten Unterricht wie jenen der digitalen Grundbildung schlichtweg nicht zu erwarten/möglich.

  3. Ich bin mit dem Inhalt dieses Kommentars voll einverstanden. Was mich stört, ist das unnötige Gendern.
    Dringende Literaturempfehlung: 1. Tomas Kubelik, Genug Gegendert! , Format Verlagsgruppe o.J. und
    Fabian Payr, Von Menschen und Mensch*innen, Springer 2021

    1. 1. „Viele Nachwuchslehrkräfte verstünden sich ohnehin schon eher als „Lernbegleiter““:
      Koll. Pennitz schreibt „Lernbegleiter“ – nicht „LernbegleiterInnen“.
      2. „Doch hat man bedacht, dass durch eine Automatisierung von Unterricht die ohnehin schon Starken vielleicht zu Gewinnern gemacht, die Schwachen aber jedenfalls noch weiter abgehängt werden,“:
      Koll. Pennitz schreibt „Gewinner“, nicht „GewinnerInnen“.

      Diese Art von halbherzigem Gendern findet man in vielen Texten.
      Frau entledigt sich halt einer Pflichtübung.

      P.S.: „Ein Depp“: 150.000 Google-Treffer – „eine Deppin“: 93 Google-Treffer
      (Als weiteres Beispiel für inkonsequentes Gendern.)

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