Gerhard Riegler: Schwerwiegende Folgen

Am 12. September erschien die diesjährige Ausgabe der OECD-Publikation „Education at a Glance“. Einmal mehr gönnte man sich in manch Politbüro und Redaktionsstube offensichtlich nicht die Zeit, um das in seiner deutschsprachigen Version „Bildung auf einen Blick“ 582 Seiten umfassende Schriftstück zu lesen. Dem Unfug, der in Österreich alljährlich blüht, wenn „PISA“, „Education at a Glance“ und ähnliche Publikationen erscheinen, möchte ich mich aber nicht mehr widmen.

Wer die Publikation wirklich liest, und zwar samt den Tabellen, auf die in ihr verwiesen wird, die aber nur im WWW zu finden sind, hat ein Mosaik von Informationen vor Augen, das es verdient, betrachtet und reflektiert zu werden.

Ich freue mich, dass die besondere Leistungsfähigkeit unseres Schulwesens einmal mehr mit aktuellen Zahlen dokumentiert wird. Ich freue mich, dass zunehmend auch in Publikationen der OECD Positionen vertreten werden, die nicht der OECD-Doktrin entsprechen, die sich um die Jahrtausendwende wie ein Tsunami über Europas Bildungswesen ergossen und beträchtlichen Schaden angerichtet hat.

Ich freue mich aber auch, dass eine der größten Herausforderungen für Österreichs Schule, nämlich der enorme Leistungsrückstand und das Scheitern junger Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere derer, die die Unterrichtssprache nicht als Umgangssprache sprechen, in der diesjährigen Ausgabe viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Ich freue mich darüber, weil ein weiteres Ignorieren des enormen Handlungsbedarfs fatal wäre und deshalb nicht mehr möglich sein soll.

Ein Beispiel: Österreich zählt zu den OECD-Staaten, in denen vergleichsweise wenige zur Gruppe der NEET („Not in Education, Employment or Training“) gehören, also keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden. Die aktuelle Publikation weist auf das diesbezüglich erhöhte NEET-Risiko für diejenigen jungen Menschen hin, die im Ausland geboren sind: „Im Durchschnitt der OECD-Länder gehören 18 Prozent der im Ausland geborenen 15- bis 29-Jährigen zur Gruppe der NEETs, verglichen mit 13 Prozent der im Inland geborenen.“ (1) Es lohnt sich, sich nicht mit dem Durchschnittswert der OECD-Länder zu begnügen, sondern einen Blick in die Tabellen zu werfen: In Österreich gehören nur 7,7 Prozent aller im Inland geborenen 15- bis 29-Jährigen zur Gruppe der NEET, aber nicht weniger als 23,9 Prozent der im Ausland geborenen. (2) Während das Risiko im Durchschnitt der OECD-Länder also von 13 auf 18 Prozent anwächst, kommt es in Österreich zu seiner Verdreifachung.

Ich setze meine Hoffnung auf eine Politik, die hinschaut und handelt. Die Alternative zu dieser Hoffnung wäre – auch nach Studium dieser Publikation – mit Blick auf die jungen Menschen, für die wir Verantwortung tragen, Angst um deren Zukunft. Was in der OECD-Publikation zu lesen ist, gilt angesichts der genannten Fakten für junge Menschen, die nach Österreich zugewandert sind, ganz besonders:

Die NEETs unter den jungen Menschen geben aktuell Anlass zur Sorge, es können sich aber auch in der Zukunft schwerwiegende Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft ergeben, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Lösung dieses Problems ergriffen werden.“ (3)

(1) OECD (Hrsg.), Bildung auf einen Blick 2018 (2018), S. 71.

(2) ibidem, Abb. A2.5.

(3) ibidem, S. 72.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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