Gerhard Riegler: Mit 10 sind die Würfel längst gefallen

Wir brauchen ein „radikales“ Umdenken in der Bildungspolitik. Das ist kein Zitat eines Koalitionsverhandlers, sondern meine felsenfeste Überzeugung.

bigstock-The-words-Learn-Practice-and-I-44419135_blogViel zu vielen fehlt es an grundlegenden Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Dieses Problem ist seit Langem unübersehbar und muss endlich entschlossen an der Wurzel gepackt werden. Nicht einmal die „ExpertInnen“ aus dem Dunstkreis der scheidenden Unterrichtsministerin wagen noch zu behaupten, das diesbezügliche Können unserer 10-Jährigen sei zufriedenstellend. Das krasse Gegenteil ist nämlich der Fall.

Ich habe mich mit dem Leistungsstand der österreichischen 10-Jährigen, soweit er durch PIRLS und TIMSS gemessen wird, in einer Artikelserie des „gymnasium“, unserer Gewerkschaftszeitung, ausführlich auseinandergesetzt. (1) An dieser Stelle möchte ich daher keine weiteren wissenschaftlichen Belege für Zustand und Ursachen auflisten, sondern nur auf zwei aktuelle Zeitungsartikel hinweisen, die die Dringlichkeit eines radikalen Umdenkens in der Bildungspolitik untermauern.

Ein höchst lesenswerter Artikel aus „The Guardian“ bringt es schon in der Überschrift auf den Punkt: „Poor children’s life chances are decided in primary school“ (2). Hoffentlich wird aber nicht nur die Überschrift rezipiert! Denn im Beitrag wird – im Einklang mit bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen, die seit vielen Jahren auf dem Tisch liegen – festgestellt, dass Lern- und Entwicklungsrückstände von Siebenjährigen kaum mehr aufzuholen sind.

Wer Kindern aus bildungsfernem Elternhaus bessere Chancen auf sozialen Aufstieg geben will, darf Bildungspolitik nicht auf Schulpolitik reduzieren. Wer sozial Schwachen durch eine Gesamtschule der 10- bis 14-Jährigen helfen zu können glaubt, beweist seine eigene Bildungsferne.

Besteht nicht das Hauptproblem des österreichischen Schulwesens in dem Umstand, dass zahlreiche Kinder nach der Volksschule nur beschränkt lesen, schreiben und rechnen können? Ist nicht dieses Phänomen keineswegs auf Kinder mit dem viel zitierten Migrationshintergrund beschränkt? Leiden nicht auch die österreichischen Kinder unter für Zehnjährige unerträglichen Defiziten?“ (3)

Lassen Ronald Barazons rhetorische Fragen Menschen kalt, die heute Österreichs Bildungspolitik von morgen verhandeln? Werden sie scheuklappenbewehrt weiterhin die Einheitsschule bis 15 (oder 18) fordern? Werden sie einmal mehr gefährlich geringe Lesekompetenz und Immunität gegenüber Fakten beweisen?

(1) Gerhard Riegler, Der Leistungsstand unserer 10-Jährigen. In: gymnasium Nr. 2/2013, S. 15-17, Nr. 3/2013, S. 16f, und Nr. 4/2013, S. 18-20.

(2) Randeep Ramesh, Poor children’s life chances are decided in primary school, report finds. In: The Guardian Online vom 8. Oktober 2013.

(3) Ronald Barazon, Geht es nicht um die Leseschwäche der 10-Jährigen? In: Salzburger Nachrichten Online vom 12. Oktober 2013.

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2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Mit 10 sind die Würfel längst gefallen

  1. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Legasthenietrainerin hörte ich am 16 Okt. einen Vortrag von Frau Mag. Schermann, klinische Psychologin am Zentrum für Entwicklungsförderung in Wien. Sie beschrieb die Riesenpobleme im Bereich der sprachlichen Fähigkeiten unserer Kinder und Jugendlichen, die von Ärzten und Logopäden unter anderem auf Grund mangelnder Ressourcen wie muttersprachlicher Logopäden, Ärzte und Psychologen nur unzureichend oder gar nicht innerhalb des von der Natur vorgegebenen Fensters, nämlich am besten mit ZWEI, spätestens aber mit VIER Jahren, angegangen werden können, und zwar in 1:1 – Betreuung! Wer, außer ihren Kindern zugewandten Eltern oder entsprechenden Ersatzpersonen, kann diese Leistung ohne oder mit geringen Kosten für die Allgemeinheit erbringen?
    Erschütterndes Faktum: Der Hauptgrund für Entwicklungsrückstände sind nicht mehr, wie früher, Komplikationen bei der Geburt etc. sondern Vernachlässigung bis hin zur körperlichen Misshandlung.
    Behandelt können strikt nur Kinder zwischen 0 und 10 Jahren werden; es gibt aber Überlegungen, das Förderkonzept auf 14-, ev. sogar 18-Jährige auszudehnen.
    Zynisches Fazit: Die Lehrerin an der AHS muss ziemlich unfähig sein, wenn sie das nicht in vier Wochenstunden alleine stemmen kann!
    Noch etwas (und das ist jetzt von mir): Nicht nur die Lesekompetenz unserer SchülerInnen ist verheerend, viel ärger noch steht es um die Hörkompetenz! Aus einer fünfminütigen Radiosendung werden trotz mehrmaligen Hörens oft nur Inhalte herausgefiltert, die den Kindern schon von vorneherein bekannt sind, etwa nach Anhören der großartigen Reihe über die Donau von letzter Woche: „Die Donau ist lang, sie fließt durch Belgrad und mündet ins Schwarze Meer.“ (3. Kl. Gymn:, Wien 15).
    Solche Schüler können nur ganz einfache Botschaften verstehen und gehen mit 16 zur Wahl ….

  2. Ich muss zwar ehrlich gestehen, dass ich mich beruflich eigentlich mit den „Endresultaten“ der hier besprochenen Bildungsphase befasse – sprich den Studenten – allerdings lässt sich wohl leicht erahnen, dass es nur eine Frage der Zeit ist oder eben schon zum Alltag gehört, dass auch den Studenten die richtige Lesekompetenz fehlt. In diesem Alter lässt sich die Entwicklung eigentlich nicht mehr umkehren, sodass man nur noch beobachten kann, wie sich große Teile der Studentenschaft regelrecht quälen. Ob sie’s nun nicht realisieren oder eben keine Alternative mehr finden, sei dahingestellt. Faktisch existiert das Problem also schon heute, und das nicht nur an den Schulen.

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