Gerhard Riegler: Ein aussagekräftiges Zeugnis

„Schulerfolg trotz Armut wird seltener“, titelte die Printausgabe der Tageszeitung „Die Presse“. (1) Anlass für diese und andere Schlagzeilen war die Präsentation der OECD-Publikation „Academic resilience“. Als „resilient“ werden von der OECD SchülerInnen bezeichnet, deren Familie dem sozioökonomisch schwächsten Viertel ihres Landes angehören, deren Leistungen bei PISA aber trotzdem in allen drei überprüften Bereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) zumindest die Kompetenzstufe 3 erreicht haben, was, grob gesagt, bedeutet, dass sie in allen drei Bereichen zur jeweils leistungsstärkeren Hälfte der an PISA teilnehmenden 15-Jährigen gehören.

Bei PISA 2015 gelang dies in der Dominikanischen Republik 0 Prozent der 15-Jährigen aus dem sozioökonomisch schwächsten Viertel, in Hongkong hingegen 53 Prozent. In Österreich ist dieser Prozentsatz zwischen PISA 2006 und PISA 2015 von 28 Prozent auf 23 Prozent geschrumpft.

Vor dem letzten Jahrzehnt mit all seinen „Schulreformen“ waren in Österreich die Chancen sozial schwacher SchülerInnen, gute Leistungen zu erbringen, im europäischen Vergleich überdurchschnittlich groß. Nach dem Jahrzehnt der Reformen befindet sich Österreich diesbezüglich im Schlussdrittel Europas. Ein bitterer und je nach Temperament traurig oder zornig stimmender Befund. Ein aussagekräftiges Zeugnis für die Verantwortlichen einer „Schulpolitik“, die von praxisferner Ideologie und einem rücksichtslosen Drüberfahren geprägt war.

Ein Blick über die Grenzen zeigt für Deutschland ein völlig anderes Bild: „Die Analyse von PISA-Daten zeigt, dass es heute in Deutschland deutlich mehr Schülerinnen und Schüler gibt, die trotz eines eher bildungsfernen Elternhauses solide Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erwerben.“ (2) In Deutschland ist der Anteil resilienter SchülerInnen nicht wie in Österreich von 28 Prozent auf 23 Prozent geschrumpft, sondern von 25 Prozent auf 32 Prozent angewachsen. In den meisten deutschen Bundesländern wurden Reformen – sofern sie überhaupt stattfanden – anders als hierzulande mit Augenmaß und pädagogischem Sachverstand implementiert.

Mag. Dr. Günter Schmid, der Vorsitzende der Bildungsplattform „Leistung & Vielfalt“, wies noch am Tag der Präsentation auf ein zentrales Ergebnis der Analyse hin: „Einer der Hauptfaktoren, die Resilienz positiv beeinflussen, also Schüler trotz sozialer Nachteile gute Ergebnisse erzielen lassen, ist ein Unterricht, der von den Schülerinnen als störungsfrei und geordnet wahrgenommen wird.“ (3)

Faktoren, die ein positives Schul- und Unterrichtsklima stören und damit Resilienz behindern, sind auch im deutschsprachigen Bericht nachzulesen:

– Die Schülerinnen und Schüler hören der Lehrerin/dem Lehrer nicht zu.

– Im Klassenzimmer ist es oft laut, und es geht drunter und drüber.

– Die Lehrerin/der Lehrer muss lange warten, bis die Schülerinnen und Schüler ruhig werden.

– Die Schülerinnen und Schüler können nicht ungestört arbeiten.

– Die Schülerinnen und Schüler fangen erst lange nach Beginn der Stunde an zu arbeiten.“ (4)

In Österreich stand ein störungsfreier und geordneter Unterricht im letzten Jahrzehnt nicht auf der Prioritätenliste der Schulpolitik. Der Befund sollte wachrütteln. Eine verantwortungsvolle Schulpolitik möge folgen!

(1) Schulerfolg trotz Armut wird seltener. In: Presse online vom 29. Jänner 2018.

(2) Vodafone Stiftung (Hrsg.), Erfolgsfaktor Resilienz (2018), S. 3.

(3) Presseaussendung der Bildungsplattform „Leistung & Vielfalt“ vom 22. Jänner 2018.

(4) Vodafone Stiftung (2018), S. 9.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Ein aussagekräftiges Zeugnis

  1. 1. Die fünf Faktoren am Schluss des Artikels, die angeblich Resilienz behindern, hindern doch genauso gut begabte Schüler daran, weiter zu kommen.
    Ist es denn sinnvoll, zu sagen, eine ungeheizte Schulklasse sei ein Nachteil für die Mädchen, wenn die Burschen genauso frieren?

    2. Ad: Die Schülerinnen und Schüler fangen erst lange nach Beginn der Stunde an zu arbeiten.
    Da fällt mir spontan der Klassenvorstand eines 2-Stunden-Faches ein. Wieviel Prozent an Unterrichtszeit verliert der im Laufe eines Jahres für die KV-Agenden?
    Aber was hat das mit Resilienz zu tun?

    1. Lieber Kollege Wallner, tatsächlich behindern Störungen des Unterrichts dessen Ertrag in hohem Ausmaß. Die Bildungswissenschaft bestätigt auch diesbezüglich die Praxiserfahrung bzw. den Hausverstand.

      Ein geringerer Unterrichtsertrag aber fällt Kindern aus sozioökonomisch schwachem Elternhaus stärker auf den Kopf, weil ihre Eltern seltener in der Lage sind, kompensatorisch zu wirken, für einen Ersatz dafür zu sorgen, was die Schule nicht leisten konnte.

      Eine Schulpolitik, der das Überwinden sozialer Grenzen ein wirkliches Anliegen ist, müsste ihr Augenmerk auf einen möglichst störungsarmen Unterricht richten. Da gäbe es in Österreich, auch im internationalen Vergleich, sehr viel Handlungsbedarf.

  2. Sie greifen hier ein äußerst wichtiges Thema auf. Wie sehr es der Schule gelingt, auch sozial schwachen Schülerinnen und Schülern bessere schulischen Leistungen und einen insgesamt erfolgreichen Bildungsweg zu ermöglichen, ist von großer Bedeutung – auch für die weitere Zukunft unseres Landes.
    Eine besondere Rolle spielen die Rahmenbedingungen des Schulunterrichts. Die von ihnen wiedergegebenen Punkte (störungsfreier Unterrichtsablauf, pünktlicher Unterrichtsbeginn) sind dabi entscheidend. Gerade für Schülerinnen und Schüler, die nicht aus der aufgeschlossenen, gebildeten Mittelschicht kommen, sind eine ungestörte Lernatmosphäre, ein stabiler Ordnungsrahmen und klare Lernziele von besonderer Bedeutung. Sie ermöglichen Orientierung, und geben Sicherheit. Vor allen tragen sie dazu bei, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Potenzial und ihrer Kräfte kennen lernen und in einer positiven Weise weiter entwickeln können.
    Sie haben recht, dass die Schulreformen der letzten Jahre diese elementaren pädagogischen Wahrheiten ausgeblendet haben.
    Aber sind da nicht auch die Lehrerinnen und Lehrer selbst ein wenig mitverantwortlich? Für die Organisierung eines störungsfreien Unterrichtsablaufes, für einen pünktlichen Unterrichtsbeginn, für einen gut vorbereiteten, strukturierten Unterricht, für eine interessante Darbietung von Lehrinhalten – auch für Schüler, die nicht aus dem Bildungsmilieu kommen – das alles gehört doch zu den essentiellen Aufgaben von Lehrkräften. Was immer die ideologischen Reformer auch vorgeben mögen – den Unterricht gestalten die Lehrkräfte selbst, nicht die Schulpolitik. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

    Mit besten Grüßen
    Karl Vogd

    1. Karl Vogd, Lehrerinnen und Lehrer sind selbstverständlich immer für das Ergebnis ihres Unterrichts mitverantwortlich. Dass Österreichs Schulwesen trotz der „Schulpolitik“, die ihm widerfahren ist, und einer Schulaufsicht, die in vielen Fällen unerträglichen Druck dahingehend erzeugt hat, alles, was „von oben“ kam, umzusetzen, nicht noch mehr Schaden genommen hat, ist meines Erachtens das Verdienst vieler engagierter und couragierter Lehrerinnen und Lehrer.

      Mir fällt dazu immer wieder Hopmanns Aussage ein:
      „Österreich ist in einem Punkt genial: Es funktioniert nicht wegen, sondern trotz. Die Schulen haben so eine Kultur, ich nenne das die ‚Kultur des kontrollierten Regelverstoßes‘. Die machen solange vernünftige Arbeit, wie keiner kommt und meckert. Und das ist enorm, was manche Schulstandorte, manche Schulleitungen vor allem da zustande bringen.“ (Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann, Referat beim „Weis(s)en Salon“ am 16. Oktober 2013)

  3. Lieber Kollege Riegler!

    Die letzten 5 Punkte, die Sie anführen, sind ein Schuss gegen die unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen. Im 38. Dienstjahr an einer AHS glaube ich zu wissen, was guten Unterricht ausmacht, nämlich genau auf diese Punkte zu achten.
    Wenn das nicht passiert, ist es nicht die versagende Schulpolitik, sondern das sind wir selber.
    Keine Unterrichtsministerin hat mich in meiner bisherigen Unterrichtszeit gehindert, für einen pünktlichen Beginn und eine ruhiges Arbeitsklima zu sorgen.
    Ihre Analyse zeigt ja genau auf, dass der entscheidende Faktor in der Schule der Lehrer oder die Lehrerin ist.
    Unruhe im Unterricht der Schulpolitik zuzuschreiben, ist einfach grotesk.
    Es glaubt doch niemand ernsthaft, dass sich unter einem ÖVP- Unterrichtsminister die Arbeitssituation im Klassenzimmer ändert.

    Josef Grießenauer, AHS Lehrer und Personalvertreter.

    1. Lieber Kollege Grießenauer, zwischen der Beachtung dieser Punkte durch die LehrerInnen, die selbstverständlich eine ihrer unverzichtbaren Aufgaben ist, und deren Beachtung durch die SchülerInnen gilt es zu unterscheiden.

      Dazu, dass es oft sehr schwierig geworden ist, deren Beachtung und Befolgung durch die SchülerInnen zu erreichen, trug Schulpolitik maßgeblich bei, z.B. durch das Demontieren unseres Ansehens in der Öffentlichkeit und damit des Stellenwerts, den wir in manchen Elternhäusern genießen.

  4. Sg. Herr Griessenauer,
    vielen Dank für Ihren super Kommentar. Ich bin selbst seit 1981 Lehrer. Was sie so prägnant ausführen, kann ich nur unterstreichen. Genau so ist es. Kein Minister und keine Schulaufsicht hat mich je daran gehindert, für Ordnung im Klassenzimmer und für einen guten Unterricht zu sorgen. Wenn wirklich etwas wirklich bei der Arbeit stört und demotivierend wirkt, dann sind es die andauernden Klagen der Jammerkonventikel in den Konferenzzimmern und auf den Gängen de Schulgebäude, Leider wird dieses Gejammer wird von gewerkschaftlicher Seite seit Jahrzehnten oft angeheizt und verstärkt. Eine Änderung zum Besseren wurde auf diese Weise noch nie erreicht. Im Gegenteil.

    Mit herzlichen Grüßen
    Karl Vogd

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