Gudrun Pennitz: Die Kraft des Lesens

Die Straßenbahn war bereits ziemlich voll, als sich eine junge Frau mit Kleinkind am Arm zu einem für diese Zwecke reservierten Sitzplatz durchkämpfte. Sie platzierte geschickt ihren Sprössling auf einem Knie, auf dem anderen balancierte sie eine große Tasche. Aus dieser fischte sie flugs ein Bilderbuch, hielt es der Kleinen unter die Nase und begann vorzulesen. Unbeirrt, als gäbe es rund um sie kein Gedränge und Geschubse. Das Kind plauderte mit, wirkte zufrieden und gelöst.

Eine etwas andere Szene beobachtete ich jüngst in der U-Bahn. In einem Kinderwagen saß eine ca. Zweijährige, die in ihren winzigen Händchen ein Smartphone festzuhalten versuchte. Verdrossen tapste sie auf dem Display herum, während der dazugehörige junge Mann, vermutlich ihr Papa, seinen eigenen Gedanken nachhing, mehrere Stationen lang. Dann stieg ich aus.

Der Österreichische Vorlesetag am 24. März erinnerte mich an diese beiden Episoden. Wie wichtig dieser Tag ist, der alljährlich auf die Bedeutung des Lesens und Vorlesens aufmerksam macht, beweisen folgende bildungswissenschaftliche Erkenntnisse:

Der Leistungsvorsprung von österreichischen SchülerInnen, die des Öfteren Bücher lesen, gegenüber solchen, die dies selten oder nie tun, beträgt beim Lesen 52 PISA-Punkte. (1) Das entspricht einem Vorsprung von etwa zwei Lernjahren.

Eltern spielen bei der Vermittlung von Leselust eine entscheidende Rolle und sollten damit so früh wie möglich beginnen! Leseaktivitäten von frühester Kindheit an stehen in engem Zusammenhang mit der emotionalen und kognitiven Entwicklung eines Kindes. Eine erfolgreiche Bildungslaufbahn beginnt praktisch bei der Geburt. Aber: „32 % der Kinder erhalten zu Hause von ihren Eltern keine oder nur selten Impulse durch Vorlesen und Erzählen.“ (2)

Der diesjährige Vorlesetag stand unter dem Motto „Vorlesen für den Frieden“. Angesichts des schrecklichen Krieges in der Ukraine setzte man damit ein Zeichen des Widerstands gegen Gewalt und Ignoranz. Ich bin von der Kraft des Lesens überzeugt.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), 21st-Century Readers (2021), S.78.

(2) Stiftung Lesen (Hrsg.), Der bundesweite Vorlesetag (2021), S. 3.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Die Kraft des Lesens

  1. Ein Beitrag dem so nicht hinzuzufügen ist. Es wäre so einfach – nur das Durchhaltevermögen und die Konsequenz es vorzuleben, da verhält es sich so wie mit morgen – Diät oder Sport udgl. Bücher sind die Flügel der Seele und sie begleiten dich ein Leben lang in allen Lebensphasen. Ein gutes Programm für Eltern begleitend zum Mutter Kind Pass mit Vorschlägen und Hilfestellungen könnte vielleicht daran was ändern. Im Schulalter sind grundlegende Verhaltensweisen schon angelegt.

  2. @: „Ich bin von der Kraft des Lesens überzeugt.“

    EIn Tipp an Koll. Pennitz:
    Sie besuchen sicher öfters verschiedene Schulen.
    Lassen Sie sich doch bei Ihren nächsten Besuchen jeweils die fremdsprachliche Leihbibliothek für Schüler zeigen. In Ihrem Fach Englisch kennen Sie sich ja besonders gut aus.
    Vielleicht schreiben Sie dann einmal in einem Jahr einen Artikel über das, was Sie dort vorgefunden – oder nicht vorgefunden – haben.
    Nach 40 Jahren als Englischlehrer prophezeie ich Ihnen: Zuerst werden Sie sich selber wundern; dann werden sich die Leser wundern.

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