Zwei Tage Innsbruck

Neuer Rekordwert: Fast 60.000 Neuinfektionen in Österreich“, titelte diese Woche eine Tageszeitung. (1) Zur Verdeutlichung: 60.000 Neuinfizierte sind mehr, als St. Pölten Einwohner hat. Innsbruck wäre in etwas mehr als zwei Tagen durchseucht, Graz in nicht einmal fünf Tagen. Für Eisenstadt reichen sechs Stunden.

Mir geht es hier gar nicht darum zu beurteilen, ob es klug ist, am Höhepunkt einer Infektionswelle nahezu alle Hygienemaßnahmen über Bord zu werfen, was auch bei SchülerInnen und LehrerInnen zu Ausfällen durch Erkrankung oder Quarantäne in einem Ausmaß führt, das während der gesamten Pandemie niemals nur ansatzweise erreicht wurde. Mir geht es um die völlige Inkohärenz der Vorgaben.

Offensichtlich strebt man eine Durchseuchung an, hat aber nicht den Mut, das auch zu sagen. Daher bleiben formal Contact Tracing und Quarantänemaßnahmen aufrecht. Bei den derzeitigen Infektionszahlen ist Ersteres aber trotz des ungeheuren Einsatzes der MitarbeiterInnen der Gesundheitsbehörden an den Bezirkshauptmannschaften längst zusammengebrochen. In Einzelfällen müssen jedoch Schulen trotzdem die Kontaktpersonen von SchülerInnen während mehrerer Tage melden, obwohl jeder weiß, dass das einen enormen Verwaltungsaufwand produziert, ohne auch nur irgendetwas zu bewirken, wenn wegen der völligen Überlastung vielleicht nur jedem 20. Fall nachgegangen werden kann. Zu Recht fühlen sich alle Beteiligten „gepflanzt“.

Entweder ist COVID-19 nicht mehr so schlimm, sodass ein „Laufenlassen“ vertretbar ist. Dann kann man alle Einschränkungen aufheben und muss mit der Krankheit so umgehen wie mit den meisten anderen Infektionskrankheiten: Wenn man krank ist, bleibt man zu Hause. Wenn nicht, eben nicht – unabhängig davon, ob man nun infektiös ist oder nicht. Contact Tracing, Quarantäne und andere Einschränkungen haben dann zur Gänze zu entfallen. Oder COVID-19 ist doch deutlich ernster zu nehmen. Dann ist die Aufhebung nahezu aller Einschränkungen verantwortungslos und daher sofort zurückzunehmen. Beides gleichzeitig ist nicht argumentierbar.

Und den WählerInnen kann die Politik das ständige Hin und Her (siehe etwa die Impfpflicht) auch nicht mehr erklären – unabhängig davon, ob jene nun der These 1 („COVID-19 ist nur mehr wie die Grippe.“) oder der These 2 („COVID-19 ist viel gefährlicher.“) anhängen. Wer versucht, es allen recht zu machen, wird am Ende ziemlich allein dastehen.

(1) Kevin Kada, Neuer Rekordwert: Fast 60.000 Neuinfektionen in Österreich. In: Kurier online vom 16. März 2021.

Foto: Svíčková, Innsbruck, Blick von Nordwesten (13. Juni 2009), Wikimedia Commons.


Ein Gedanke zu “Zwei Tage Innsbruck

  1. Eine Frage an die Experten zum Rechenbeispiel für Innsbruck: wären dort alle Menschen „durchseucht“ (=negative Formulierung, die Angst macht) oder „immunisiert“ (positive Formulierung, die beruhigt)? Sollten wir nicht unsere Sprache mäßigen? Ich wurde zB geimpft und nicht „gestochen“ (ist in de Unterwelt ein gebräuchliches Mittel, Streitereien auszutragen).

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