Gudrun Pennitz: Der Versuchung widerstehen

Die Ergebnisse von PISA 2018 mit seinen Hunderten von Seiten Zahlenmaterial aus insgesamt 79 Ländern warten seit kurzem darauf, genau studiert zu werden. Die meisten JournalistInnen sowie einschlägige „BildungsexpertInnen“ werden diese Studie – wenn überhaupt – nur flüchtig lesen, aber mit Sicherheit rasch verkünden, dass Österreich dringend eine Gesamtschule brauche, um „Bildungsvererbung“ abzustellen. Würden diese Leute sie, die ironischer Weise diesmal hauptsächlich die Lesefertigkeit gemessen hat, jedoch genau lesen, kämen sie allerdings zu für sie überraschenden Schlüssen! (1)

Aus meiner Sicht sollten wir den Test bleiben lassen“, meint Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien lapidar in einem „Kurier“-Interview. Seiner Begründung kann ich sehr viel abgewinnen: Durch PISA passten und passen die Länder nämlich zunehmend ihre eigenen Bildungssysteme an diese Testung an. „Das Paradoxe ist: Der Maßstab ist zum Ziel geworden“, meint Hopmann treffend. (2)

Wie abstrus die Interpretation so mancher PISA-Ergebnisse ist, verdeutlicht der Vergleich, den der Vorsitzende der „Bildungsplattform Leistung und Vielfalt“ HR Mag. Dr. Günter Schmid zieht: „Niemand käme auf die Idee, einen Schiläufer für unfähig zu erklären, wenn er bei einem Abfahrtsrennen mit 4 Hundertstelsekunden Rückstand auf dem 5. Rang landet. Bei PISA wird hingegen aus statistischem Voodoo ein Urteil über die Qualität von staatlichen Systemen abgeleitet.“ (3)

Wie gefährlich die Überbewertung von PISA ist, brachte ausgerechnet Dr. Andreas Schleicher, Mr. PISA himself, schon vor Jahren zum Ausdruck, ohne freilich damit eine Kritik an PISA formulieren zu wollen: „The kinds of skills that are easiest to teach and test are also easiest to automate, digitise and outsource.“ (4)

Das Streben nach Spitzenplätzen bei PISA droht zu einer Konzentration darauf zu führen, was von PISA getestet wird, weil es leicht zu testen ist. Ich schließe mich daher der Forderung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann an: „Ich plädiere dafür, PISA dort ernst zu nehmen, wo man diesen Test ernst nehmen kann, aber jeder Versuchung zu widerstehen, Bildungsreformen, Strukturveränderungen ausschließlich an diesem Test und seinen Ergebnissen zu messen.“ (5)

(1) Siehe Offener Brief an die Klubobleute der im Nationalrat vertretenen Parteien vom 18. November 2019.

(2) Bernhard Gaul, Nicht genügend für PISA-Ranking: „Statistisches Voodoo“. In: Kurier online vom 1. Dezember 2019.

(3) Günter Schmid, Wertschätzung statt PISA-Hysterie vom 3. Dezember 2019.

(4) Andreas Schleicher, Schools for 21st-Century Learners (2015), S. 12.

(5) Konrad Paul Liessmann am Bundeslehrertag der ÖPU/FCG Oberösterreich am 27. März 2019.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Der Versuchung widerstehen

  1. Anstatt einfach dagegen zu sein, hätte man hier auch eine Erklärung für die überraschenden Ergebnisse folgender Staaten (OECD) liefern können (es folgen die Veränderungen in Punkten in der Reihenfolge Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften):

    Türkei (+34 / +38 / +43), Polen (+12 / +6 / +10 für die größten Aufsteiger: die Türkei liegt in allen drei Testkategorien mit großem Abstand an der Spitze der Aufsteiger, trotzdem insgesamt im Länder-Ranking noch immer weit hinten: Wenn etwas mit PISA nicht stimmt, dann könnte man das wohl am ehesten am Beispiel der Türkei beweisen.

    Kanada (-4 / -7 / -10), Finnland (-4 / -6 / -9) für konsequente Verschlechterung

    Niederlande (+7 / -18 / -6), Lettland (+14 / -9 / -3) für stark divergierende Veränderungen

    USA (+8 / +8 / +6) für den Fortschritt eines Riesen-Landes, der doch überraschender ist als Schweden mit einem ähnlichen Ergebnis (+8 / +6 / +6), weil ein Supertanker unbeweglicher ist als ein kleines Schiff.

    Anmerkung Quin: Gründlichkeit und Seriosität haben die Auseinandersetzung der ÖPU mit PISA immer geprägt. Es wäre unseriös, Erklärungen zu liefern, bevor man alle vorliegenden Daten gründlichst analysiert hat.

  2. Ich zitiere aus meinem Text: „Ich schließe mich daher der Forderung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann an: „Ich plädiere dafür, PISA dort ernst zu nehmen, wo man diesen Test ernst nehmen kann, aber jeder Versuchung zu widerstehen, Bildungsreformen, Strukturveränderungen ausschließlich an diesem Test und seinen Ergebnissen zu messen.“ – Dies mit „einfach dagegen zu sein“ zusammenzufassen, greift ein bisschen kurz. Im übrigen schließe ich mich E. Quin an: Eine seriöse Analyse erfordert Zeit, die offensichtlich niemand außer der ÖPU investiert.

    1. „Eine seriöse Analyse erfordert Zeit, die offensichtlich niemand außer der ÖPU investiert.“ (G. Pennitz)

      Ich hoffe, wir können die Ergebnisse dieser Analyse hier an diesem Ort lesen. Vielleicht bis Ostern?
      (Die Türkei als größter Ausreißer würde mich am meisten interessieren, aber Finnland wäre auch willkommen – wir wissen alle, warum … )

      1. Die ÖPU hat diese zeitintensive Arbeit selbstverständlich sofort begonnen und wird sicher schon vor Ostern mit dem Publizieren von Ergebnissen beginnen!

  3. Der „Aufstieg“ der Türkei ist schnell erklärt. Er ist das Kompensieren eines ähnlich großen Abstiegs bei PISA 2015. Die Auffälligkeit lag also vor drei Jahren vor, fand aber in der bildungswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit PISA kaum Beachtung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.