Sachverstand pro Stunde?

Dem Bologna-System und der Kompetenzorientierung liegt letztlich derselbe Glaube daran zugrunde, dass alles messbar sei oder zumindest nur das wirklich wichtig sei, was messbar ist.

Zurecht stellt Ursula Frost die rhetorische Frage: „Wie berechnet man Sachverstand pro Stunde?“ (1) Konrad Paul Liessmann bringt es in der ihm eigenen Weise auf den Punkt: „Es gehört zu den Ironien der Weltgeschichte, daß die Marxsche Arbeitswertlehre (2), die von den Wirtschaftswissenschaften mit Abscheu ad acta gelegt wurde, in der europäischen Bildungsplanwirtschaft fröhliche Urständ feiert: Der Wert eines Studiums bemißt sich nach der dafür aufgewendeten durchschnittlichen Arbeitszeit.“ (3)

Das hat auch weitgehende Auswirkungen auf das Lehrersein und das Lehrerbild. Die Lehrerpersönlichkeit, die nach einer Fachsystematik unterrichtet und durch ihr Brennen und Einstehen für Dinge und Werte als bildendes Vorbild wirkt, geht verloren. „Ersetzt wird diese persönliche Verantwortung durch vorgefertigte Sozialtechnologien, die Schülerinnen und Schüler in ihre Normerfüllung einweisen statt ihr Interesse an der Sache zu wecken und ihr Verhalten wie Regelsysteme steuern statt den Respekt vor dem Anderssein des Anderen durch Vorbild und allmähliche Einsicht aufzubauen.“ (4)

Natürlich sollen und müssen Bildungseinrichtungen Fähigkeiten vermitteln, die es jungen Menschen ermöglichen, sich im sozialen und späteren beruflichen Leben zurechtzufinden. Aber dem muss ja nicht Bildung geopfert werden, die definitiv etwas anderes und weit mehr ist als die Anhäufung von Kompetenzen. „Wir brauchen den Umweg über das denkende Subjekt, das Sachen aneignet und Handeln verantwortet.“ (5)

Der Schweizer Schriftsteller und Philosoph Peter Bieri hat es so formuliert: „Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ (6)

Ich bin davon überzeugt, dass Bildungseinrichtungen zukünftig diesem Aspekt wieder mehr Aufmerksamkeit widmen sollten, auch wenn ich damit zweifellos dem „Mainstream“ widerspreche, der die schlechte Ausbildung unserer Jugend kritisiert und nicht deren mangelnde Bildung (in einem humanistischen Sinn).

Jungen Menschen zu helfen, selbstständige Persönlichkeiten zu werden, halte ich für eine der vorrangigen Aufgaben von uns PädagogInnen. Was können wir den uns anvertrauten SchülerInnen Besseres mit auf ihren Lebensweg geben als „die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“, wie es Adorno in seiner „Erziehung zur Mündigkeit“ ausdrückte, der in der daraus resultierenden Autonomie „die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“ sah?

(1) Lisa Nimmervoll, Bildungsforscherin Ursula Frost: „Viele Lehrer werden an ihrer Arbeit gehindert“. In: Standard online vom 22. Mai 2018. Ursula Frost ist Professorin für allgemeine Pädagogik an der Universität zu Köln.

(2) Nach der Arbeitswertlehre wird der Wert einer Ware durch die Arbeitszeit bestimmt, die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendig ist.

(3) Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung (8. Auflage, München 2014), S. 110.

(4) Nimmervoll, Frost.

(5) Nimmervoll, Frost.

(6) Peter Bieri, Bildung beginnt mit Neugierde. In: Zeit Online vom 2. September 2008.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Sachverstand pro Stunde?

  1. „Dem Bologna-System und der Kompetenzorientierung liegt letztlich derselbe Glaube daran zugrunde, dass alles messbar sei oder zumindest nur das wirklich wichtig sei, was messbar ist.“

    Ja eh.
    Man kann auch kritisieren, dass die Polizei ab 0.5 Promille straft – ist denn Fahrtüchtigkeit einfach in Zahlen messbar?
    Mir hat heuer ein Maurer eine Sichtziegelmauer aufgestellt – ein wahres Kunstwerk, vergleichbar mit einem Mosaik. Bezahlt wurde er in Arbeitsstunden.
    Wer kennt Nachhilfelehrer, die sich nicht in geleisteten Stunden bezahlen lassen, sondern hopp oder dropp? Gar nichts, wenn der Schüler ein Nicht genügend bekommt, einen Fixbetrag, wenn er erfolgreich ist (eventuell nach erzielten Noten gestaffelt)?
    Wenn Rapid gegen Austria spielt und ein Eigentor fabriziert, dann gewinnt Austria 1:0. Welche Leistung / Kompetenz wird da gemessen?

  2. Sg. Kollege Quin, einige Anmerkungen zu Ihrem Artikel.

    (1) Als aufmerksamer Leser Ihrer „Quintessenzen“ stimme ich der vorschnellen Verteufelung der Kompetenzorientierung nur sehr teilweise zu. Grundsätzlich muss zwischen inhaltlichen und methodischen Kompetenzen unterschieden werden. In Mathematik sind letztere u.a. „Sprachrichtiges Argumentieren und Kommunizieren“ oder „Interpretieren, Transferieren und Reflektieren“. Wenn ich nun unter „Bildung“ die Relativierungsmöglichkeit der eigenen „Ausbildung“ verstehe, dann fallen die genannten Methodenkompetenzen sehr wohl unter den Begriff „Bildung“. Was nützt beispielsweise ein Geschichtsunterricht, der nicht aufzeigt, wie mit den historischen Fakten umzugehen ist, d.h. die Methodenkompetenzen des Abstrahierens, Transferierens und Interpretierens schult. Erst dadurch entsteht Geschichtsbewusstsein.

    (2) Bei der Begriffsbeschreibung des „Warenwertes“ fehlt der wichtige Faktor „Mehrwert“, der in der Philosophie von Marx eine zentrale Rolle einnimmt.

    (3) Ich stimme der vorschnellen Verteufelung der „Quantifizierung bzw. Messbarkeit“, wie sie von einigen Philosophien geübt wird, nur sehr teilweise zu. Erst durch die schrittweise Ersetzung der „Qualiät“ durch die „Quantität“ wurden unsere Zivisilation und Technik möglich. Wenn Archimedes versucht den Kreisumfang mit einer Formel zu quantifizieren und dabei die Zahl „PI“ entdeckt, dann ist darin die Geburtsstunde aller Radtechnologien zu sehen.

    (4) Natürlich bleibt immer noch „Qualia“ bestehen, den zu komplex ist beispielsweise das subjektive Erleben eines Saxophonspiels. Die Akustik (Wellenphysik) evoziert im Gehirn Gedächtnisinhalte an frühere Erlebnisse und damit auch ein ganzes Paket von Gefühlserregungen. All das zusammen erzeugt dann diese unverwechselbare, subjektive Qualia.

    Meine Quintessenz: Dieser Artikel bleibt leider in einer vorschnellen und oberflächlichen Polemik gegen Kompetenzorientierung und Quantifizierung stecken. Schade!
    Mit freundlichem Gruß, Herbert Paukert (Homepage: http://www.paukert.at).

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