Gerhard Riegler: Vorurteile

Am 10. Februar hat die OECD, eine Meisterin im Daten-Recycling, wieder einmal eine Publikation zu PISA 2012 präsentiert („Low-Performing Students“). Jede Partei sieht ihre Position durch diese Publikation bestätigt. Ich wage die Behauptung, dass keine einzige Person, die sich noch am selben Tag wortreich darüber geäußert hat, dieses 210 Seiten umfassende Werk überhaupt sinnerfassend gelesen hat.“ (1)

bigstock-Set-Of-Stamps-60259196_blogSo hat Eckehard Quin die Flut an Presseaussendungen aus Politbüros infolge einer weiteren OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen des Jahres 2012 vor einer Woche kommentiert. Ich habe die angesprochene Publikation inzwischen studiert und muss ihm völlig Recht geben.

Auch wenn der ministerielle Vorstoß, die Leistungsbeurteilung in den ersten drei Klassen der Volksschule ebenso wie das Repetieren abschaffen zu wollen, im Moment die Medien füllt, möchte ich heute darlegen, was in der OECD-Publikation „Low-Performing Students“ wirklich zu lesen gewesen wäre und noch immer zu lesen ist.

Meine Forderung nach einer gemeinsamen Schule hat positive Auswirkungen auf die Leistungen der SchülerInnen“, glaubte Österreichs Unterrichtsministerin der Studie entnehmen zu können. (2) Wo sie dies gelesen hat, wird sie uns vielleicht noch verraten. Ich entnehme Seite 184, dass Unterricht in leistungshomogenen Lerngruppen international im Kommen ist („Ability grouping appears to be becoming popular again“), und Seite 142, dass im OECD-Mittel inzwischen nur mehr an jeder vierten Schule auf leistungsdifferenzierten Unterricht verzichtet wird: „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …

Auf Seite 183 nennt die OECD (!) Österreich sogar als Beispiel für einen jener Staaten, die ein hohes Ausmaß an äußerer Differenzierung aufweisen und im internationalen Vergleich wenig SchülerInnen haben, die beim PISA-Test schwache Leistungen erbringen: „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …

Da ich nicht annehme, dass die Englischkompetenz der österreichischen Unterrichtsministerin dermaßen schwach ist, dass sie deshalb den Text nicht verstand, und da ich einer Ministerin nicht unterstellen will, die Bevölkerung in einer ministeriellen Presseaussendung vorsätzlich hinters Licht zu führen, kann ich nur schließen, dass Eckehard Quins Einschätzung unsere Unterrichtsministerin betreffend korrekt war. Für die meisten der anderen Presseaussendungen, die die OECD-Publikation wenige Stunden nach ihrer Präsentation kommentierten, gilt dies analog.

Ich könnte die Flut an skurrilen Wortmeldungen als verspäteten und völlig misslungenen Faschingsscherz abtun, wären in dieser Publikation nicht so viele Themen angesprochen, die eine seriöse Auseinandersetzung verdienen:

  • Österreichs Politik hätte erfahren, dass es einen starken Zusammenhang gibt zwischen der pädagogischen Freiheit, die man LehrerInnen gewährt, und dem Unterrichtserfolg.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie bedeutend Disziplin und Arbeitshaltung der SchülerInnen für ihren Lernerfolg sind, z. B. auf Seite 112:„… being perseverant and determined is important for academic success.
  • Österreichs Politik, die immer wieder von einer Schule ohne Hausübungen träumt, hätte vom starken Zusammenhang zwischen der in Hausübungen investierten Zeit und dem PISA-Ergebnis gelesen, z. B. auf Seite 108: „Performance in mathematics is strongly associated with the time spent on homework.
  • Österreichs Politik hätte erfahren, wie wichtig fachspezifisch ausgebildete Lehrkräfte für den Unterrichtserfolg sind, und auch, dass OECD-weit mehr als ein Drittel der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zur Gruppe der Low-Performer zählt, in Österreich 37 %, in Finnland sogar 45 %.

Aber all das scheint die meisten SchulpolitikerInnen der Alpenrepublik nicht zu interessieren. Offensichtlich wollen sie nicht erfahren, wie weit ihre bildungspolitischen Vorurteile von der Wirklichkeit entfernt sind.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2016.

(2) Heinisch-Hosek: PISA-Ergebnisse bestätigen Konzept der Ganztagsschule. Presseaussendung vom 10. Februar 2016.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

15 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

15 Antworten zu “Gerhard Riegler: Vorurteile

  1. Sinnerfassendes Lesen und bewusstes ideologisches Informieren sind zwei verschiedene Dinge. Jeder möge sich eine Meinung bilden, was sich „unsere“ Bildungsministerin ausgesucht hat.
    Danke an Gerhard Riegler für das genaue (und sinnerfassende 🙂 )Lesen der jeweiligen Studien und Publikationen!

  2. Gerhard Riegler scheint diese Publikation durch eine gefärbte Brille zu betrachten, wenn er die folgenden Zitate daraus zur Unterstützung seiner Kritik an gemeinsamen Schulen vorbringt:

    „Ability grouping appears to be becoming popular again“
    „On average across OECD countries, 26 % of students attend schools whose principal reported that ability grouping is not used in any classes …“
    „Austria, Belgium and the Netherlands, for example, have high values on the index (Anm.: Ausmaß an äußerer Differenzierung) but small shares of underachieving students …“

    Nicht zitiert hat er z.B., dass auf Seite 191 „concentration of disadvantaged students“ und „early and rigid selection and grouping“ als zwei von zehn schul- und schulsystemseitigen Risikofaktoren für schlechten Erfolg genannt werden.

    Die in der Studie gegebenen Empfehlungen, wie „Reduce the use of vertical (grade repetition) and horizontal (early vocational tracking, ability grouping) stratification in the school system“ (ebenfalls S. 191) unterstützen entgegen der Interpretation von Gerhard Riegler sehr wohl eine gemeinsame Schule in der Unterstufe und die Reduktion des Sitzenbleibens.

    Gerhard Riegler mag zwar die gesamte Studie gelesen haben, aber er hat sich ein paar Rosinen aus dem Zusammenhang heraus gepickt, sie etwas uminterpretiert (natürlich werden in der Studie an die Fähigkeiten der Schülerinnen angepasste Leistungsgruppen befürwortet, das spricht aber nicht gegen eine Gesamtschule), um daraus das lesen zu können, woran er glaubt.

    Es gibt durchaus ernstzunehmende Kritikpunkte an den Pisa-Evaluationen. Man mag dazu so oder so stehen, aber Gerhard Rieglers Sicht auf diese Publikation zu Pisa ist jedenfalls eine sehr gefärbte!

    • Wer wie ich seit inzwischen Jahrzehnten OECD-Publikationen liest, stellt ein deutliches Umdenken der OECD fest. Waren in ihnen bis vor wenigen Jahren
      • die möglichst lange gemeinsame Beschulung aller,
      • Matura für möglichst alle und
      • eine möglichst hohe Akademikerquote
      die Goldenen Kälber, wagen es immer mehr AutorInnen von OECD-Publikationen aus der Reihe zu tanzen. Angesichts der traurigen Wirklichkeit in den Staaten, die den drei Goldenen Kälber am meisten gehuldigt haben, kein Wunder, sondern nur verwunderlich, wie lange es gedauert hat, wie viel Schaden angerichtet wurde, bis alte Positionen überdacht wurden.

      Auch wenn es Menschen, die wie die OECD auf die Gesamtschule gesetzt haben, nicht freuen mag, ist in den letzten Jahren ein deutliches Umdenken in OECD-Publikationen festzustellen. Eines der ersten ganz deutlichen Signale dieses Umdenkens habe ich vor vier Jahren gelesen:

      „Increasingly, it is no longer seen as adequate to provide equal access to the same ‚one size fits all‘ educational opportunity. More and more, the focus is shifting towards providing education that promotes equity by recognising and meeting different educational needs.“ (OECD (Hrsg.), „Equity and Quality in Education“ (2012), S. 17)

      • Was die eine von Ihnen zuerst zitierte Publikation betrifft, ist es eindeutig nicht der Fall, dass sie von einer Gesamtschule abrät – im Gegenteil: auf Seite 10 der nun von Ihnen zitierten Publikation heißt es:

        Early student selection has a negative impact on students assigned to lower tracks and
        exacerbates inequities, without raising average performance. Early student selection should
        be deferred to upper secondary education while reinforcing comprehensive schooling. In
        contexts where there is reluctance to delay early tracking, suppressing lower-level tracks or
        groups can mitigate its negative effects. Limiting the number of subjects or duration of ability
        grouping, increasing opportunities to change tracks or classrooms and providing high
        curricular standards for students in the different tracks can lessen the negative effects of early
        tracking, streaming and grouping by ability.

        Ganz klar wird also höchste Durchlässigkeit zwischen Leistungsgruppen als erstrebenswert angesehen (worauf sich auch das von Ihnen gebrachte Zitat bezieht) und das bei einer Vermeidung früher Selektion, (wie sie das österreichische System von Hauptschulen/neuen Mittelschulen versus Gymnasien fördert).
        Ich sehe da eigentlich nichts von einem Umdenken.

      • „Vermeidung früher Selektion“ ist ein Politsager wie der oft gehörte, dass nur mehr in Österreich und Deutschland differenziert wird. Ich erinnere: Inzwischen wird OECD-weit schon an drei von vier Schulen auf leistungsdifferenzierten Unterricht gesetzt.

        Wogegen sich die OECD meines Erachtens zu Recht ausspricht – und da sind wir uns, glaube ich, einig –, sind schlechtere schulische Rahmenbedingungen für SchülerInnen in „lower tracks“. Von einer schlechteren Qualität des Schulbaus bis hin zu einer problematischen Situation beim Lehrpersonal. Es wird in SchülerInnen, die schwächere schulische Leistungen erbringen, WENIGER investiert. Aber davon kann bei uns ja überhaupt keine Rede sein.

        Ich könnte keinen einzigen OECD-Staat nennen, in dem in die schulische Bildung von SchülerInnen geringerer schulischer Leistungsfähigkeit um so viel MEHR investiert wird wie in Österreich. Falls jemand, der noch mitliest, einen OECD-Staat kennt, in dem für leistungsschwächere SchülerInnen so viel zusätzlich oder gar noch mehr zusätzlich ausgegeben wird als in Österreich, bitte ich um Hinweis und danke im Voraus. Ich weiß von keinem.

      • Meine Schwierigkeit in der Diskussion mit Ihnen ist, dass Sie meines Ermessens undurchlässige Selektion und homogene Leistungsgruppen in einen Topf werfen, was in meinen Augen zwei grundverschiedene Dinge sind. Ich habe den Eindruck, dass Sie in jeder Publikation nur das sehen, was sie im Zusammenhang mit Ihrer politischen Linie sehen wollen. Das zweigleisige Schulsystem in Österreich ist bekanntlich in Bezug auf die Kosten vergleichsweise uneffektiv, dass gemäß Ihrer Aussage besonders viel Geld in die NMS fließt, ist in diesem Zusammenhang kein Argument dafür, dass unser zweigleisiges Schulsystem in Ordnung ist.
        Durch die von Ihnen verwendeten Ausdrücke wie „Politbüro“, „Parolen“ usw. in Verbindung mit Ihren in meinen Augen unglaublich gewagten Interpretationen der OECD-Publikationen drängt sich mir eine Assoziation Ihrer Statements mit einer klar politisch gefärbten Haltung auf. Ich meine als Vater zweier gerade dem Gymnasium entwachsener Kinder, dass unser Schulsystem ganz wesentlicher Reformen bedarf! Sich in diesem Zusammenhang gegen alle unbestrittenen wissenschaftlichen Erkenntnisse als politische Bremser zu betätigen, halte ich für grob fahrlässig gegenüber unserer Jugend.

      • „Undurchlässige Selektion“ ist die nächste Parole.

        In einem Schulsystem,
        • in dem jeder zweite Maturant über die Hauptschule zur Matura kommt und
        • in dem AbsolventInnen der dualen Bildung inzwischen bessere Arbeitsmarktchancen haben als AHS-AbsolventInnen,
        ist sie extrem wirklichkeitsfremd.

        Sie orientieren sich offensichtlich an alten Parametern der OECD wie dem der Akademikerquote. Die Antwort auf die Frage, in welchem Staat ein größerer Anteil eines Jahrgangs zu einem akademischen Titel kommt, ist kein tauglicher Parameter für die Güte eines Schulwesens, wie die Realität in aller Brutalität gezeigt hat.

        Diese alten Parameter haben in den Staaten, in denen sich die Schulpolitik ihnen unterworfen hat, in denen es zu wenig „Bremser“ gab, so viele junge Menschen in eine Sackgasse geführt, dass selbst die OECD zu ihnen inzwischen auf Distanz geht und inzwischen die duale Bildung als exquisites Element eines Schulwesens bewirbt.

        Ich freue mich, dass die OECD umdenkt. Was mir aber fehlt, ist ein lautes „Entschuldigt, wir haben uns gewaltig geirrt, wir haben viel Leid verursacht“ aus dem Mund der OECD, für das mehr als genug Grund vorliegt und das dann womöglich auch in allen Medien zu lesen wäre. Dann würde wohl niemand mehr von einer „undurchlässigen Selektion“ sprechen, sondern von einer Vielfalt der Schulwege, die der Vielfalt der Begabungen und Interessen junger Menschen ebenso entspricht wie der Vielfalt der Berufswelt.

        Einigen können wir uns vielleicht darauf, dass die Energie, die in diese so alte und lähmende Gesamtschuldiskussion fließt, weit besser in die Reflexion dessen investiert wäre, wie man unser gutes Schulwesen noch besser machen kann. Es gehören manche Zwischenwände versetzt, was aber niemand angeht, solange der Abriss des Hauses oder zumindest einer ganzen Etage debattiert wird.

  3. Cornelia Lipp

    Bin seit 30 Jahren Volksschullehrer – bin offen für neue Methoden – bilde mich ständig weiter – aber ich kann nicht nachvollziehen, wie unsere Kinder (meine Schüler sind immer meine Kinder!) bessere Leistungen erbringen, wenn es kein „Sitzenbleiben“ in den ersten drei Jahren gibt. (Habe heuer wieder eine erste Klasse mit 24 Schülern – Kinder kommen mit Vorwissen und Fähigkeiten von 3-jährigen bis 7 -jährigen!!!) Durch diese „Schere“ benötigen manche Kinder einfach länger um den Leistungsstand der anderen Schüler zu erreichen. Lassen wir doch einigen Schülern diese Zeit und fördern wir auch die, die mehr erreichen können! ( diese Gleichmacherei und das Vermeiden von Frust – fördern unsere Schüler nicht) Ich vergleiche es immer mit einem 60 m – Lauf: einige beginnen weit hinter dem Start, andere am Start und ein paar haben schon zu laufen begonnen! Wie soll ein Kind, dass weit hinter dem Start begonnen hat, trotz intensivem Training den ersten Läufer erreichen? Eine vierte Klasse, ohne „Sitzenbleiber“ wird z.B. in Mathematik mit Wissen im Zahlenraum 20 – bis 1 Million nie die Standards erreichen – abgesehen davon tun wir unseren Schülern nichts Gutes. Eine frustrierte Lehrerin

    • Ich respektiere Ihre Erfahrung und fände im Lichte der oben genannten OECD-Publikation zu den PISA-Ergebnissen (die den gegenteiligen Standpunkt zum Sitzenbleiben vertritt) eine Diskussion über das Thema „Sitzenbleiben“ sehr wertvoll. Die Interpretationen der OECD-Publikationen durch Gerhard Riegler und Eckehard Quin finde ich grundsätzlich falsch, wie ich in meinem vorigen (zwar abgesandten aber bislang leider nicht veröffentlichten) Kommentar erläutert habe. Ich bin sehr für eine offene Diskussion dieser Themen.

      • Ich muss und kann damit leben, dass Sie zwar meine Erfahrung respektieren, aber meine Interpretationen für „grundsätzlich falsch“ halten. Meines Erachtens würde ja die Evidenz der Erfahrungen, die man in Gesamtschulstaaten gemacht hat, in Kombination mit der Praxiserfahrung von PädagogInnen genügen, und doch freut es mich, dass sich die OECD endlich von ihren alten Dogmen befreit. Bis das in Österreichs Politbüros alle wahrgenommen haben, wird es wohl noch einige Jahre dauern.

        „‚Weil‘, so schließt er messerscharf, ‚nicht sein kann, was nicht sein darf.‘“ (Christian Morgenstern)

  4. Susanne Holböck

    In einem Punkt gebe ich Koll. Riegler recht:
    Wir brauchen eine Schule mit leistungsbezogenen,
    homogenen Lerngruppen.

    Aber diese äußere Differenzierung muss flexibel
    und durchlässig sein. Und das ist sie in unserem
    zweigliedrigen Schulsystem (AHS – NMS) nicht!
    Sie muss auch Schülern aus nicht bildungsaffinen
    Familien (und die werden immer mehr) eine faire
    Chance geben. Das kann aber ein zweigliedriges
    Schulsystem mit seiner frühen Selektion mit zehn
    Jahren nicht. In fast allen internationalen Unter-
    suchungen (z.B. Ludger Wößmann, Erziehung und
    Unterricht, 9/10/2008) wird der entwicklungs-
    psychologische und qualitätsmäßige Vorteil einer
    späteren Selektion bestätigt, die auch in vielen
    Ländern realisiert ist.

    Wenn Koll. Riegler in der Zeitschrift „Gymnasium“
    (01/02/2016) schreibt, dass „… der spätere
    Schulerfolg im Alter von vier Jahren weitgehend
    determiniert ist …“, dann ist das neurobiologisch
    völlig falsch. Es gibt eine synaptische Plastizität
    und sogar Neurogenese auch bei älteren Menschen.
    Mit dieser Aussage disqualifiziert sich Riegler als
    Lehrer, denn dann erübrigt sich jedes pädagogische
    Bemühen, aber auch jede psychotherapeutische Arbeit.

    Was wir brauchen, um unsere Schulmisere zu beheben,
    ist EINE differenzierte, gemeinsame Schule (DGS) mit
    homogenen Lerngruppen UND entsprechenden Umstiegs-
    möglichkeiten. Eine solche flexible und durchlässige
    äußere Differenzierung ermöglicht eine optimale
    Förderung.

    Der Glaube der Bundesministerin, dass soziale
    Durchmischung, radikale Inklusion und innere
    Differenzierung Allheilmittel sind, ist eine
    ideologische Illusion. Wenn soziale Durchmischung
    schon in den urbanen Kommunen nicht funktioniert,
    wie soll sie dann in der Schule funktionieren?
    Die radikale Inklusion von Kindern mit Handikap
    führt bei diesen Kindern sehr häufig zu starken
    psychischen Belastungen, weil sie unter Dauer-
    stress stehen. Die Binnendifferenzierung in sehr
    heterogenen Klassen schließlich führt dazu, dass
    Schüler und Lehrer frustriert werden.

    Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Home-
    page „www.paukert.at“ und den dortigen kritischen
    Kommentar „SCHULE, quo vadis?“. Zu erwähnen ist,
    dass diese Homepage eine wahre Fundgrube von
    Unterrichtsmaterialien für Schüler und Lehrer ist.

    Susanne Holböck

  5. Es freut mich wirklich sehr, dass Sie Ihren Ausführungen ein klares Bekenntnis zu leistungsbezogenen, homogenen Lerngruppen voranstellen. Wäre dies in der schulpolitischen Diskussion gemeinsames Fundament, dann könnte die Diskussion Fahrt aufnehmen und auch sinnvolle Veränderungen initiieren. Selbstverständlich muss die Differenzierung „auch Schülern aus nicht bildungsaffinen Familien (und die werden immer mehr) eine faire Chance geben.“ Nicht nur eine!

    Wenn Sie aber meinen, dass die zwei Drittel aller SchülerInnen, die eine Hauptschule bzw. jetzt eine NMS besuchen, keine faire Chance bekommen, ist dies meines Erachtens sehr unfair gegenüber den NMS-Lehrkräften, die dieser Aussage entsprechend nicht wüssten, was sie mit den 50 Prozent an zusätzlichen Ressourcen, die ihnen mehr als der AHS zur Verfügung stehen, anfangen sollen.

    Es gibt Staaten, in denen leistungsmäßig schwächeren SchülerInnen schlechtere schulische Rahmenbedingungen geboten werden, wo durch die Trennung Chancen tatsächlich höchst ungleich verteilt werden. Insbesondere gilt dies in Staaten, in denen das staatliche Schulwesen derart heruntergefahren wurde, dass, wer es sich leisten kann, sein Kind dem staatlich finanzierten Schulwesen entzieht und so um enormes Schulgeld das Mehr an Chancen käuflich erwirbt.

    Die Menschen der meisten OECD-Staaten wären glücklich, ein Schulwesen wie unseres für ihre Kinder angeboten zu bekommen. In Österreich von „unserer Schulmisere“ zu lesen, würde sie befremden. Wir haben eine Misere, eine gewaltige: die der Schulpolitik, die mit ihren Parolen über Jahre hinweg eine den Tatsachen widersprechende Stimmung geschaffen hat, die mit Fakten und Argumenten nicht mehr leicht zu beheben ist, aus der sich die Politik selbst erst wieder befreien muss.

    • Susanne Holböck

      Kollege Riegler, mich freut es weniger, wenn
      Sie in Ihrer Antwort auf meinen Kommentar mir
      unterstellen, dass ich unfair gegenüber den
      NMS-Lehrern bin. Das steht nirgends. Jedoch
      behaupte ich, dass unser zweigliedriges Schul-
      system mit seiner frühen Selektion gegenüber
      den Kindern unfair ist.

      Wenn wer unsachlich und unfair gegen die
      NMS-Lehrer polemisiert, dass sind es Ihre
      Kollegen aus der AHS-Gewerkschaft, z.B.
      Ihr Mediensprecher M. Hofer (in quinecke-
      wordpress/2014/02/02): „Die NMS das sinkende
      Schiff“, „Aber die größten Verlierer sind wohl die
      Kinder der NMS-Jahrgänge“, „Klar ist auch, dass
      das Projekt NMS gescheitert ist“, etc.

      Ihre Antwort auf meinen Kommentar zeigt wieder
      einmal mehr Ihre Gesinnung auf, wie sie auch der
      Beitrag von „Home Worklab“ trefflich beschreibt:
      Nur das aus den Statistiken herauslesen, woran
      Riegler selbst glaubt. Alles aus der gefärbten
      Brille des notorischen Gesamtschul-Hassers
      sehen und dazu noch Halbwahrheiten (siehe oben)
      verbreiten.

      Was ich aber noch befremdlicher finde, ist Rieglers
      Aussage in der AHS-Zeitschrift „Gymnasium“
      (01/02/2016): „… der spätere Schulerfolg ist im
      Alter von vier Jahren weitgehend determiniert …“.
      Diese Form des Erbdeterminismus hatten wir
      in unserer Geschichte schon und wohin er geführt
      hat, haben wir alle gesehen.

      Susanne Holböck

      • Frau Kollegin, Ihr Aussage ist, sofern Sie nicht wie ich den Fehler in der KONSTRUKTION der NMS sehen, unfair gegenüber deren LehrerInnen.

        Für mich ist die Tatsache, dass NMS-SchülerInnen schlechtere Ergebnisse erzielen als HauptschülerInnen, obwohl für jeden NMS-Schüler jährlich etwa 1000 Euro mehr ausgegeben werden als für einen Hauptschüler, ein weiterer Beleg dafür, wie wichtig leistungsbezogene, homogene Lerngruppen für den Lernerfolg sind. Und genau diese homogenen Lerngruppen werden in den NMS im Vergleich zur Hauptschule, wo sie zumindest in Schularbeitsgegenständen erlaubt waren, weitestgehend unterbunden.

        Es wäre aus meiner Sicht nicht „nur“ unfair, sondern doch auch völlig unsinnig, den NMS-LehrerInnen dafür die Schuld zuweisen zu wollen! Dieselben Lehrkräfte schaffen trotz erheblicher zusätzlicher Mittel nicht die Erfolge, die sie in der Hauptschule erzielt haben. Es sind dieselben Lehrkräfte! Geändert haben sich die Vorgaben seitens der Politik. Geändert haben sich die Strukturen. Und ganz offensichtlich nicht zum Besseren!

        Ich bitte Sie, Ihre Kritik gegen die zu richten, die dafür die Verantwortung tragen, statt gegen die, die den Unfug der Politik aufzeigen.

  6. Pingback: Gerhard Riegler: Peinlich? | QUINtessenzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s