Sehnsucht nach einem neuen Juni-Ritual

In den „Salzburger Nachrichten“ wurde das „pädagogische Juni-Ritual“ so beschrieben: „Zuerst lässt das Ministerium schlagzeilentaugliche Daten durchsickern, diese werden von den Medien dankbar angenommen und in den letzten Schulwochen in verschiedensten Formen unters Volk gebracht. Die dadurch entstandene Stimmung ist für die Dienstgeberseite dann ideal, um schnell ein paar budgetschonende Husch-Pfusch-Reformen durchzudrücken, die fast immer zu Lasten der Schüler und Lehrer gehen. Und wenn Letztgenannte sich dann wehren, stehen sie – angesichts der bevorstehenden Ferien – als reformunwillige Faulpelze da.“ (1)

Thank You in word collage

Wir alle kennen das. Jedes Jahr vor den Sommerferien dürfen wir die mediale Schelte über die viel zu geringe Arbeitszeit von Lehrern (2), über die viel zu hohe Belastung von Schülern und Eltern durch Nachhilfe, über das viel zu häufige Wiederholen von Schulstufen, über die viel zu hohen Drop-out-Raten etc. über uns ergehen lassen. Da helfen auch noch so viele Daten und Studien nichts, die das genaue Gegenteil beweisen.

Wäre es nicht erfrischend, einmal auf dieses „Juni-Ritual“ zu verzichten und das Unterrichtsjahr mit Lob zu beenden? „Normalerweise werden über Lehrer Witze gerissen, sie werden beleidigt, beschimpft, für alles Unglück der Welt verantwortlich gemacht. […] Und dann gehen diese Lehrer mit diesen unseren Kindern in Schullandheime, von denen diese unsere Kinder mit leuchtenden Augen zurückkehren, weil sie feuerspucken durften und selber kochen mussten. Diese Lehrer verbringen Sonntage in Zusatzvorstellungen der Theater-AG, die sie an Montagen, Dienstagen, Mittwochen, Donnerstagen und Freitagen vorbereitet, angeleitet, ausgestattet, auf den Weg gebracht haben. Sie führen auf dem Schulfest mit bewegungsfaulen Schülern wunderbare Gruppentänze auf, sie spielen mit den Kindern aus der Bläserkids-Klasse Orchesterstücke, bei denen man sich so gar nicht an die Klänge etwa von Tochter E. beim Klarinetteüben (also Nichtüben) erinnert fühlt (also an quietschende, weil misshandelte Mäuse oder das Einlaufen eines Raddampfers in den Heimathafen). Und, und, und […] Diese Lehrer […] machen unsere Kinder (viele jedenfalls) ein bisschen weniger ungezogen, zickig, ungewaschen, vorpubertierend, impertinent, arrogant, vorlaut, unhöflich, dumm, böse, altklug und geistlos. Und dafür jetzt ein politisch völlig unkorrektes, aber von Herzen kommendes Dankeschön!“ (3)

Ich durfte heuer zwei 7. Klassen mit rund fünfzig Schülern unterrichten. Deren Leistungen in Chemie sind recht unterschiedlich, aber sie alle erinnern mich in jeder Unterrichtsstunde daran, warum ich gerne Lehrer bin. Wie viele Berufe können von sich schon behaupten, die Zukunft nachhaltig zu gestalten? Ich hoffe, dass es mir trotz der hohen Anforderungen, die ich an meine Schüler stelle, gelingt, meine Wertschätzung zu vermitteln, die jedem von ihnen unabhängig von der erbrachten schulischen Leistung gilt.

Wie wäre es mit einem neuen Juni-Ritual? Wir sagen einander ein herzliches Dankeschön. Danke Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, für Ihr Engagement und Ihre Unterstützung. Danke meinen Schülern für ihre Wertschätzung und die Nachsicht in Bezug auf meine Schwächen. Danke den Journalisten, von denen viele unter schwierigen Bedingungen um seriöse Berichterstattung bemüht sind. Und Danke auch an die verantwortlichen Politiker dafür, dass sie für ihre Funktionen zur Verfügung stehen. Bei aller inhaltlichen Kritik, mit der ich ganz bestimmt nicht spare – Hand aufs Herz, wer von uns wollte sich deren Job antun?

(1) Fritz Messner, Das pädagogische Juni-Ritual. In: Salzburger Nachrichten vom 5. Juni 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Matthias Hohnecker, Lob der Lehrer. In: Stuttgarter Zeitung vom 19. Mai 2013.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

7 Kommentare

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7 Antworten zu “Sehnsucht nach einem neuen Juni-Ritual

  1. Johannes

    Danke an alle Lehrervertreter – für die klaren worte und Positionen. – Danke Eckehard!

  2. christa pospischil

    Vielen Dank, lieber Eckehard! Und es gibt sie noch, diese Wertschätzung
    und den gegenseitigen Respekt. Wenn ich mir meine Schüler so ansehe,
    dann ist mir, unabhängig von ihrem Leistungsbild, nicht bange um die Zu-
    kunft. Das sind wunderbare Menschen, die ihren Beitrag für eine ge-
    lingende Zukunft leisten werden. Und wir dürfen sie dabei ein Stück be-
    gleiten… Dafür lohnt es sich, diesen Beruf trotz aller Feindseligkeiten aus-
    zuüben. Eckehard und Gerhard, vielen Dank für euren unermüdlichen Ein-
    satz! Aber auch dem gesamten Team sei gedankt, ihr seid großartig!!!

  3. walther stuzka

    Ich lese (mit Unbehagen):
    „Wir alle kennen das …“
    „Normalerweise ..“ (zitiertaus Arttikel)
    dann
    „Wie wäre es … “ also eher Killerphrasen.
    Aber was tun wir wirklich medial Wirksames, um auf unsere (gelungenen) Arbeiten hinzuweisen und um dem „Juni-Ritual“ den Wind aus den Segeln zu nehmen? Die erste „durchzudrückende“ Schulmaßnahme steht schon vor der Türe: Streichung der autonomen Tage.
    B i t t e liebe Lehrer(vertreter) blockt nicht ab. Sagt bereitwillig zu. Andernfalls festigen wir nur das Bild der „reformunwilligen Faulpelze“.
    Die Eltern, Schüler und die Fremdenverkehrsindustrie werden genug Wirbel machen. Halten wir uns da raus; einmal anders als „wenn man dir gibt, dann nimm, wen man dir nimmt, dann schrei!
    [ Aber vergessen wir nicht und seien wir argumentativ gewappnet:
    Die autonom festzulegenden freien Tage wurden meiner Erinnerung nach (ca. 1995) für die damals ohnehin schon existierenden freien Tage (z. B. Sprechtage, Direktorstag, etc.(?)) erfunden. Was die Unterrichtenden, gemeinsam mit den Eltern(vertretungen) daraus gemacht haben, steht (leider) auf einem anderen Blatt.]

    MfG, W. Stuzka, 910026

  4. OStR. Mag. Hans Hilzensauer

    Ich danke für den Kommentar , der mir aus dem herzen spricht.
    Ich mache diese ARbeit seit 34 Jahren und jedes Jahr bin ich mit den gleichen Kommentaren der Öffentlichkeit und der Presse konfrontiert von wegen Ferien und wegen Arbeitszeit der Lehrer………..
    Aber das sollte sich die Öffentlichkeit schon darüber im Klaren sein, dass das Problem der Bildung ein Problem der Gesellschaft ist, die sich bei denen, die mittlerweile für alles Verantwortung tragen sollen die SChuhe abstreifen und uns für alles, das Kinder und Jugendliche nicht leisten können und wollen verantwortlich machen, währenddem sich Gesellschaft und vor allem Eltern – was ich nicht verallgemeinern will – sich klammheimlich aus der Verantwortung stehlen………..
    Schauen Sie mal in Berichten nach, wieviele Pädagogen im enden und dann fragen Sie sich mal warum??????????

    Die meisten Bürgern bedanken sich einmal im Jahr bei vielen Dienstleistern für Ihre ARbeit, ohne die wir nicht leben könnten…….
    Vielleicht wäre es angebracht, wenn sich die Gesellschaft bei denen bedanken würde, die sich ohne wenn und aber für ihre Kinder einsetzen und die Aufgaben der Erziehung übernehmen, die eigentlich anderen zustünde.

    In diesem Sinne liebe Kolleginnen und Kollegen: Danke für Eure ARbeit und euer unerschütterliches Engagement für unsere Kinder und schöne erholsame Ferien, auf dass wir im neuen Schuljahr wieder für die uns anvertrauten Kinder wieder da sind.

    M.f. G. H.H.

  5. hhilzensauer

    Lieber Eckehard! 

    Habe selbst einen Kommentat dazu verfasst und deinen Bericht zigmal versendet. L. G. Hans

    Von Samsung Mobile gesendet

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