Herbert Weiß: Potemkinsche Dörfer

Österreichs BildungspolitikerInnen haben ebenso wie Österreichs selbst- oder von der Politik ernannte „BildungsexpertInnen“ gegenüber den viel gescholtenen LehrergewerkschafterInnen einen großen Vorteil: Sie werden bei der Entwicklung ihrer Utopien nicht durch Kenntnisse über die wirkliche Situation in den österreichischen Schulen belastet und gebremst.

Während die LehrergewerkschafterInnen lange Jahre selbst LehrerInnen waren und meist auch noch sind, kennen Politik und „BildungsexpertInnen“ die Schulen – abgesehen von ihrer Schulzeit – meist nur von außen oder von lange vorangekündigten und wohl vorbereiteten Besuchen, die ihnen oft Potemkinsche Dörfer zeigen. Manche der Damen und Herren halten dies vielleicht tatsächlich für die schulische Realität.

Wenn diese Personen nun glauben, dass man im österreichischen Schulwesen alles umkrempeln müsse, und so viel Unsinn verzapfen, dass wir kaum mehr mit den Richtigstellungen nachkommen, könnte man ob ihrer Ahnungslosigkeit fast schon Mitleid empfinden. Ich erwarte mir aber von Leuten, die sich als BildungspolitikerInnen bezeichnen oder mit ihren „Expertisen“ über die Schule viel Geld verdienen, mehr Bezug zur Realität.

Dass aber jemand, der selbst lange Zeit Schuldirektor war, wie dies beim Bildungssprecher der Grünen der Fall ist, auch nur darüber nachdenken kann, einer Reform wie dem „Autonomiepaket“ zuzustimmen, die den Weg für größere Klassen und Gruppen an Österreichs Schulen ebnet, ist mir unbegreiflich. Kann es vielleicht daran liegen, dass er in seiner ideologischen Verbohrtheit, endlich die Gesamtschule in Österreich etablieren zu wollen, alle Nachteile billigend in Kauf nimmt? Oder will er gar die Staatsfinanzen auf Kosten der Bildungsqualität in Österreich sanieren? Dafür spräche folgende Forderung, die Mag. Dr. Harald Walser als Bildungssprecher der Grünen schon vor über drei Jahren gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann aufgestellt hat: „Machen Sie eine gemeinsame Schule, da hätten Sie ein Einsparungspotenzial.“ (1)

Wie treffend formulierte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (2)

(1) Faymann verteidigt Heinisch-Hosek. In: Niederösterreichische Nachrichten online vom 24. April 2014.

(2) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild: Potemkin Village Facade Auckland, Wikimedia Commons.

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