Eine Frage der Sittlichkeit

Beim weihnachtlichen Sichten meines Presse-Mailordners stieß ich auf einen Artikel, bei dem ich mir auch nach mehrmaliger Lektüre nicht sicher war, ob er mich zum Lachen oder zum Weinen anregt. Der „Standard“ berichtete über die Haltung der Bildungssprecher von SPÖ und Grünen zu den demokratischen Mitspracherechten von LehrerInnen bei der Einführung verschränkt geführter Ganztagsschulen.

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Die Diskussion darüber war und ist eine rein akademische, gibt es bislang doch keinen einzigen Fall, in dem LehrerInnen die Einführung der Ganztagsschule verhindert hätten. Skurril wird das Thema allerdings, wenn Elmar Mayer (SPÖ) und Harald Walser (Grüne) sich darüber auslassen, wie für sie Mitbestimmung von LehrerInnen idealerweise funktionieren sollte.

Der SPÖ-Bildungssprecher wählte dabei einen demokratiepolitisch doch recht bizarren Ansatz: Solange die LehrerInnen brav genau das tun, was Eltern und SchülerInnen ihnen vorschreiben, möge die Mitbestimmung erhalten bleiben. „Sobald der erste Fall einer Schule bekannt werde, bei dem die von Eltern gewünschte Umstellung auf Ganztagsunterricht am Widerstand der Lehrer scheitere, müsse das derzeitige Gesetz geändert werden, betonte SP-Bildungssprecher Elmar Mayer am Sonntag in der ORF-Sendung ‚Hohes Haus‘.“ (1)

Mag sein, dass die jahrelange Unterwerfung unter den parlamentarischen Klubzwang dem Herrn NR-Abgeordneten ein wenig den Blick auf den Sinn von Demokratie verstellt hat. „Wenn du falsch abstimmst, fliegst du raus!“, mag ja im SP-Klub durchaus gelten. Dieses autoritäre Prinzip jedoch auf die schulpartnerschaftliche Mitbestimmung ausdehnen zu wollen, geht mir doch deutlich zu weit. An dem Punkt des Artikels dachte ich schon ans Weinen.

Harald Walser wiederum hat offenbar krampfhaft versucht, einen Fall aufzutreiben, in dem „böse“ LehrerInnen eine verschränkte Ganztagsschule verhindert haben. Der Frust über die erfolglose Recherche hinterließ bei ihm eine tiefe Wunde, die er folgendermaßen leckte: „Grünen-Bildungssprecher Harald Walser betonte indes, dass es zu einer solch dokumentierbaren Art der Blockade erst gar nicht komme. Die Gewerkschaft mache in der Regel bereits im Vorfeld bei Lehrern, Schülern und Eltern gegen die Ganztagsschule mobil.“ (2)

Der grüne Bildungssprecher rettete damit meinen Tag, denn nun musste ich wirklich lachen. Walsers Lieblingsprügelknabe, die „böse“ Lehrergewerkschaft, ist also dafür verantwortlich, dass Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen es gar nicht wagen, ihrer Sehnsucht nach einer verschränkten Ganztagsschule Ausdruck zu verleihen?! Gilt hier vielleicht der alte Spruch „Wie der Schelm denkt, so ist er“?

Was die beiden Herren zu solchen Aussagen bewegt, weiß ich nicht. Linken Politikern von Format würde es dabei aber wohl den Magen umdrehen, denn wie formulierte einst Willy Brandt: „Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit.

(1) SP-Bildungssprecher für Reform, wenn Lehrer Ganztagsschule blockieren. In: Standard Online vom 9. Dezember 2012.

(2) a.a.O.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


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