Der Mensch im Mittelpunkt

Derzeit herrscht Schulschlussstress. Alle sehnen sich nach Erholung, und doch liegt der Charme dieser Zeit nicht nur in ihrem nahenden Ende. Nun ernten wir auch die Früchte unserer Arbeit, womit ich die von Schülern (1), Eltern und Lehrern in gleicher Weise meine. Die überwältigende Mehrheit aller Beteiligten hat sich redlich bemüht und auch entsprechende Erfolge erzielt, auf die sie stolz sein kann – und damit meine ich nicht nur fachliche, sondern auch menschliche.

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Wer den Menschen ins Zentrum rückt, hat immer berechtigte Vorbehalte gegen „One size fits all“-Produkte. „Ich bin bei denen, die meinen, dass […] Gerechtigkeit etwas anderes ist als bundesweit über den Kamm gescherter Schwachsinn“, schreibt der Schriftsteller Egyd Gstättner in einem „Standard“-Kommentar. (2) „Ich bin dafür, dass Schularbeiten-Angaben nicht wie Hausordnungen, Gebrauchsanleitungen und kreativitätserstickende Multiple-Choice-Tests aussehen – da vergeht einem die Freude an der Sache! Kreuzchen machen ist, wie man weiß, immer demütigend und ein Instrument der Mächtigen zur Erniedrigung der Machtlosen. Ich bin dagegen, dass ein Deutschprofessor vor lauter Vergleichbarkeit, Fairness und Standardisierung eines nahen Tages 30 völlig identische Deutschmaturaarbeiten absammelt“, kritisiert Gstättner den Normierungswahn. (3)

Vor dieser Gefahr warnt auch die österreichische Interessengemeinschaft der Autorinnen und Autoren: „Die Standardisierung der schriftlichen Reifeprüfung durch die Strukturvorgaben des BIFIE wird eine Formatierung der Maturarbeiten zur Folge haben […] Quer liegende Fertigkeiten wie Selbständigkeit des Denkens und Reflexionsfähigkeit bleiben in diesem System auf der Strecke […] Der Preis, den unsere Schüler zahlen, wenn sie eine ganze Oberstufe lang einer Schreiberziehung ausgesetzt werden, die im Wesentlichen darin besteht, vorfabrizierte Elemente nach einem vorgegebenen Bauplan zusammenzusetzen, ist ihre Entmündigung.“ (4)

Aber nicht „nur“ unseren Schülern droht die Entmündigung. „Ich bin dagegen, dass man jungen Menschen als Vorbilder amtseidvergewaltigte Pflichterfüller und getriebene Befehlsempfänger vorsetzt, die abgeschmackte Absurditäten exekutieren – zum Schaden, zur Traumatisierung und Beekelung einer ganzen Generation. […] Ich bin bei denen, die meinen, dass ein guter Lehrer durch keine Schulreform der Welt zu ersetzen ist und dass man einen guten Lehrer nicht aus einem Müllberg von Bürokratie lugend erkennt, sondern – neben Fachwissen, Fachliebe – an Talent, Persönlichkeit, Menschlichkeit. […] Menschlichkeit erreicht man aber nicht durch zentralisierte, standardisierte Unmenschlichkeit.“ (5)

Vielleicht haben die Pannen bei der heurigen Zentralmatura ja auch ihr Gutes. Vielleicht nutzt die Politik die Chance, Fehlentwicklungen zu korrigieren.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Egyd Gstättner, Schluss mit dem Unsinn! In: Standard online vom 30. Mai 2014.

(3) Gstättner, Schluss mit dem Unsinn!

(4) Wolfgang Mühlbacher, Auf der Suche nach dem geeigneten situativen Kontext und für alle Schultypen passende Aufgabenstellungen (März 2014), S. 28f. Diese Untersuchung wurde im Auftrag der IG Autorinnen und Autoren durchgeführt.

(5) Gstättner, Schluss mit dem Unsinn!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

3 Kommentare

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3 Antworten zu “Der Mensch im Mittelpunkt

  1. Erich Wallner

    Ad: „Nun ernten wir auch die Früchte unserer Arbeit“:

    Die PRESSE schreibt am 6.6., dass bei den heurigen Zentralmatura-Schulen in Mathematik ein Notenschnitt von 2,3 erreicht wurde: 27,2% erreichten ein Sehr gut, 5,5% ein Nicht genügend.

    Der Notenschnitt in Englisch ist übrigens 2,8, in Deutsch 2,6.

    Die (nach wie vor gültige) Verordnung über die Leistungsbeurteilung ist bekanntlich auf alle Fächer anzuwenden, also auch auf die drei genannten M, E und D.

    Bin ich der einzige, der meint, dass da zumindest in Mathematik mit den geernteten Früchten etwas nicht stimmen kann?

  2. Wie schon öfters hier von mir zu lesen: Den Menschen bei einer Prüfung in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet für mich vor allem ihn fair zu behandeln. Er sollte darauf vertrauen können, dass seine Note mit den Noten anderer Kandidaten vergleichbar ist und sie auf gleiche Weise zu Stande gekommen ist. Die bisherige Matura konnte das nicht einmal im Ansatz leisten, deshalb denke ich, dass wir mit der neuen Matura hier einen riesigen Schritt vorwärts gemacht haben. Auch wenn es in der konkreten Umsetzung sicher einiges zu bemängeln gibt, bin ich einfach nur froh, dass wir zumindest so weit gekommen sind.

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