Herbert Weiß: „Mut zur Lücke“

Vor Beginn des neuen Schuljahres wurde in einigen Medien thematisiert, dass die Schulen zusätzlich zu den Maßnahmen, die im Frühjahr zur Bewältigung der Corona-Pandemie gesetzt wurden, auch im Herbst durch die Auswirkungen der aktuellen Vorgaben vor große Herausforderungen gestellt sein werden. (1)

Das Homeschooling war nicht bei allen Schülerinnen und Schülern gleichermaßen erfolgreich, und Teile des Lehrplans blieben im Fernunterricht überhaupt auf der Strecke.“ (2)

In früheren Zeiten wurden wir LehrerInnen oft dazu aufgefordert, „Mut zur Lücke“ zu beweisen. In Zeiten von Rahmenlehrplänen hatten wir auch mehr Möglichkeiten, die Inhalte – der Begriff „Kompetenzen“ war damals noch nicht in Mode – auszuwählen bzw. zu gewichten. Für mich hat gerade das die Lebendigkeit des Unterrichts ausgemacht. Dabei konnte ich auf die Interessen der SchülerInnen eingehen und ab und zu auch den Versuch wagen, sie durch Exkurse in Fachgebiete, die mich besonders faszinieren, für eines meiner Fächer zu begeistern. Ich bin überzeugt davon, dass das ein wichtiger Beitrag zur Freude am Unterricht für mich und meine SchülerInnen war. Diese Freiheiten wurden und werden aber immer weiter eingeschränkt. In Zeiten von Standards und Zentralmatura muss man sich hauptsächlich daran orientieren, was von höherer Stelle prüfenswert erscheint. Schließlich will man ja nicht die Chancen der eigenen SchülerInnen auf eine gute Note bei der Matura schmälern. Ebenso wenig kann man als LehrerIn daran interessiert sein, nach einem schlechten Abschneiden der Klasse bei den Standardtestungen womöglich zu zusätzlichen Fortbildungen vergattert zu werden. Schließlich scheint man an höherer Stelle die Fehler fast immer ausschließlich bei den LehrerInnen zu suchen. Dass vielleicht auch die SchülerInnen bzw. ihre Motivation oder gar die Vorgaben des Ministeriums an schlechten Testergebnissen schuld sein könnten, will man sich wohl nicht eingestehen.

Wir LehrerInnen würden gerne wieder mehr Verantwortung für die Gewichtung der Lehrinhalte übernehmen. Die Politik muss uns aber dafür auch die Möglichkeiten geben. Statt unsere Freiheiten durch zentrale Testungen weiter einzuschränken, sollte sie uns und unseren Kenntnissen mehr vertrauen. Gerade die Corona-Krise sollte zum Anlass genommen werden, die ach so modernen Konzepte zu überdenken. Ohne gewisse Freiheiten wird es uns kaum gelingen, die durch die Corona-Pandemie verursachten Herausforderungen sinnvoll zu meistern.

(1) Mit „Mut zur Lücke“ ins neue Schuljahr. In: ORF online vom 2. September 2020.

(2) Ebenda.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Herbert Weiß: „Mut zur Lücke“

  1. Sehr geehrte Kollegen Weiß und Quin!
    Ich freue mich, dass es auch Meinungen gibt, die vom Mainstream abweichen und auch vertreten werden. Sie machen sich berechtigterweise Gedanken um die Sinnhaftigkeit so einiger wohlgemeinter ‚Veränderungen‘ im Prüfungsmodus bei Klausuren. Diese ziehen natürlich andere Zugänge zum Lehren und Lernen nach sich. Der Lehrer agiert dadurch vermehrt als Moderator und seine ursprüngliche Rolle als Wissensvermittler und Bildungsträger wird immer mehr zurückgedrängt. Schüler und Eltern, wie sie richtigerweise betonen, geraten auch in eine Situation in der sie auf hauptsächlich kompetenzorientierten Unterricht pochen, um nur ja nicht bei der allseits konformen Vorbereitung auf die Matura hintanzustehen. Bildung macht auch meiner Meinung nach mehr als Drill von sogenannten Kompetenzen aus. Wissen, das Lehrer sich auf mannigfache Art und Weise angeeignet haben, kann so nicht sinnvoll weitergegeben werden und es fehlt an Kontinuität.
    Vielleicht geht das Ganze in Richtung automatisiertes Lernen. Wenn dann die Ausbildung der Lehrer auch nur mehr in diese Richtung läuft, wird wesentliches Kulturgut nicht mehr weitervermittelt und reflektiertes, selbstständiges Denken bleibt auf der Strecke. Was gut und richtig ist bestimmen dann andere. Danke für Ihre Warnrufe! Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät um sinnvoll nachzuevaluieren und die Richtung zu ändern. Aber hier spielt ja die EU- Konformität eine große Rolle.
    Liebe Grüße
    Hannelore Glantschnig

  2. Hört hört.

    Wie immer vortrefflich formuliert und inhaltlich ganz wahr. Bitte weiter so. Danke für Ihre Arbeit!

    HG Emmerich Mazakarini

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