Von Schnelllesern und Kurzsatzartisten

Vielleicht war es mehr als nur Zufall, dass mir gerade am Mittwoch, dem Tag der bundesweiten Standardtestungen in Englisch, ein Artikel aus der Online-Ausgabe von „Time“ in die Hände fiel. Besonders ein Satz hat mich beeindruckt: „Current state-mandated testing is far too narrowly focused and decontextualized to reflect the skills students need to learn in the 21st century. And the endless teaching to the test takes away from the time students could be learning how to construct a thoughtful argument, analyze a work of literature or grasp good citizenry.” (1)

Test Quiz

In vielen Gesprächen mit Fachkollegen (2), die von standardisierten Testungen betroffen sind, kristallisieren sich Kritikpunkte immer klarer heraus.

Bei den Standards orte ich in erster Linie Kritik am Timing und weniger am Inhalt. Selbst „Experten“ werden wohl zugeben müssen, dass eine Testung am Ende der 3. und 7. Schulstufe deutlich mehr Sinn hätte, da ein gezieltes Arbeiten an diagnostizierten Defiziten während der folgenden Schulstufe möglich wäre. Die Lehrervertretung hat – wie die anderen Schulpartner auch – diese Forderung nach „Diagnose und Therapie“ am selben Schulstandort schon vor der Einführung der Standards immer wieder laut und deutlich artikuliert. Die Politik hat sie leider aus ideologischen Gründen überhört und ignoriert. Ein Vorliegen der Standardergebnisse vor dem Überschreiten der Nahtstellen könnte ja zu einer sinnvolleren Steuerung von Schülerströmen beitragen, was Gesamtschulapologeten ganz und gar nicht in den Kram passt.

Deutlicher und harscher fällt die Kritik der Englischlehrer an den Testformaten bei der Zentralmatura aus, wenngleich durchaus anerkannt wird, dass der Ansatz sinnvoll ist. Aber die Dosis macht die Wirkung. Wenn wir uns nicht sukzessive auf den amerikanischen Holzweg begeben wollen, werden wir rasch und entschlossen gegensteuern müssen.

Abgesehen von der Schreibaufgabe, die 25 Prozent der Gesamtnote ausmacht, sind bei der schriftlichen Matura Testformate im Einsatz, die einen Lehrer geradezu zwingen, den Unterricht intensiv auf „teaching to the test“ umzustellen, will er seine Schüler optimal auf die Zentralmatura vorbereiten. Ein Kollege formulierte es, vielleicht ein wenig überspitzt, so: „Wir trainieren geistige Akkordarbeiter, die sich möglichst schnell und fehlerlos durch ein Aufgabenfeld bewegen.“

Da alle Aufgaben unter beträchtlichem Zeitdruck zu erledigen sind, werden genaue Leser, die in einen Text eintauchen und ihn reflektieren wollen, massiv benachteiligt. „Speed reading“ ist aber immerhin trainierbar.

Anders schaut es beim Hörtext aus. Die Fähigkeit, Neben- und Hintergrundgeräusche ausblenden zu können, ist sicherlich in manchen Lebensbereichen oder Berufsfeldern vorteilhaft. Aber soll sie über die Englischnote entscheiden?

Auch von Schülerseite höre ich besonders viel Kritik an dem „Maximal vier Worte“-System, das bei vielen Testformaten zur Anwendung kommt. Mir ist klar, dass komplexere Antwortformulierungen nicht so leicht zu „standardisieren“ und damit zentral gesteuert zu beurteilen sind. Am Sonntag den Verfall der Sprach- und Denkkultur durch SMS und Chat zu beklagen und am Montag genau diese Satzfetzen bei Testantworten zu verlangen, ist aber schon ein starkes Stück.

Die internationale Forschung zeigt, dass Standard-Tests zu keiner nachhaltigen Leistungssteigerung führen eher im Gegenteil. […] Die Leistungsstarken und – schwachen werden so vernachlässigt“, konstatiert der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann. „Die Test-Industrie ist eine stark subventionierte Wachstumsbranche. […] Auf jede Bildungsstandard-Runde folgt der Ruf nach noch mehr Tests.“ (3) Auch Norbert Pachler, Leiter der internationalen Lehrerausbildung am Institute of Education der University of London, sieht massive wirtschaftliche Interessen hinter der Testindustrie. Standardisierte Tests und Rankings haben einen wachsenden ökonomischen Einfluss auf das Schulsystem. „Es gibt Firmenketten, die bis zu 30 Schulen gekauft oder gegründet haben und diese nach marktwirtschaftlichen Prinzipien leiten. Bildung ist dabei, vom Allgemeingut zur Ware zu werden.“ (4)

Erika Christakis ruft in ihrem Kommentar zu zivilem Ungehorsam gegen den Testwahnsinn auf. Ich appelliere an die Verantwortlichen, uns amerikanische Verhältnisse zu ersparen. Noch wäre Zeit dazu!

(1) Erika Christakis, What’s Really Scandalous About the Atlanta Schools Testing Scandal. In: Time Online vom 2. April 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) „Wettlauf um unnützes Wissen“. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 5.

(4) Sylvia Einöder, Der genormte Schüler. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 4f.

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19 Kommentare

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19 Antworten zu “Von Schnelllesern und Kurzsatzartisten

  1. Anna S.

    Von Testwahnsinn zu sprechen halte ich doch für etwas überzeichnet, wenn jeder Schüler, jede Schülerin in vier Jahren an EINER Standardsüberprüfung in EINEM Fach teilnimmt.

    Die Überprüfung der Standards ist übrigens ein Kind der früheren (schwarzen) Ministerin Elisabeth Gehrer (z. B. http://www.pull-ug.at/gehrer_1.pdf) und wurde von Claudia Schmied übernommen. Ich weiß nicht, ob ihr etwas anderes übrig blieb, aber ich sehe es positiv, wenn eine Aktion nicht sterben muss, nur weil die Parteifarbe der Ministerin wechselt.

    So eine Testung an das Ende eines Abschnittes (am Ende der vierten, bzw. achten Schulstufe) zu setzen hat den Vorteil, dass sie den Lehrenden Ruhe für ihre Arbeit gibt, dass sie weiterhin diejenigen sind, welche benoten …

    Eine bundesweite Standardstestung kann keine eierlegende Wollmilchsau sein. Wenn sie diesen Anspruch hätte, wäre Kritik deutlich mehr angebracht. Diagnose und Therapieinstrumente müssen anders aufgebaut sein und stehen allen, die solche haben wollen, zur Verfügung. Aber das wissen Sie sicher.

    Ach ja, Englisch und die Nebengeräusche! Es stimmt schon, ein Test sollte sicher gehen, dass das überprüft wird, was er vorgibt zu überprüfen. Wenn wir für das Leben lernen, müssen wir Englisch im Alltag verstehen.

    • Evaq

      Sehr geehrte Anna S.! Ich verwende Englisch aus beruflichen Gründen ständig im Alltag. Daher mein Ratschlag: wenn Englisch für das Leben gelernt werden soll, dann ist es nicht notwendig von Hintergrundgeräuschen beeinträchtigt zu werden, sondern besonders Franzosen, Russen, Griechen, Schweden, etc. verstehen zu können, wenn sie Englisch sprechen (eine oftmals sehr heitere Angelegenheit, aber für berufliche Belange enorm wichtig!).

      Zur Kritik des Artikels an der Gesamtschule: dieser Kritik kann ich nicht zustimmen, da es sowohl für den schwächeren, als auch für den besseren Schüler, enorm förderlich ist, wenn sie miteinander lernen. Der Bessere festigt seine Kenntnisse, der Schlechtere erweitert seine Kenntnisse. So sollte lernen stattfinden!

      • Peter Trenker

        Liebe(r) Evaq,
        ich vermute, dass Sie nicht Lehrer sind. Ihre Gesamtschulbefürwortung mit dem Argument: „Der Bessere festigt seine Kenntnisse, der Schlechtere erweitert seine Kenntnisse. So sollte lernen stattfinden!“ entspringt einer „heilen-Welt-Ideologie“, die zwar gut klingt, aber letztlich in gewisser Hinsicht sogar menschenverachtend ist, weil sie den Menschen nicht ernst nimmt.
        Oder wienerisch: „Des spülts leider net im Koarl-Theater“. Und – auf die Gefahr hin missverstanden zu werden – das ist auch gut so. Diese „Heile-Welt“ wo jeder jedem hilft und alle glücklich sind und alles so harmonisch ist, ist nämlich viel mehr Ideologie als wirklich „heil“. Aber hier ist nicht der Ort und Platz darüber philosophieren.
        Mit lieben Grüßen

      • Gerhard Riegler

        „Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle.“
        Dieses ehrliche Bekenntnis Prof. Helmut Fends, eines Bildungswissenschaftlers, der ein Berufsleben lang mir der Gesamtschulidee sympathisiert hat, ist inzwischen über fünf Jahre alt (Die Zeit vom 3. Jänner 2008), wurde aber von BM Schmied ignoriert und von ihrer Propaganda-Abteilung mit großem Aufwand übertönt.
        Bitte die zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse auf http://www.bildungswissenschaft.at lesen und weiterverbreiten!

    • KG

      Eine gehörige Portion der Vorbereitung auf Tests ist doch taktisches Verhalten beim Test … Dementsprechend ist ein Teil der positiven Ergebnisse auch darauf zurückzuführen ! Und was hat DAS noch mit Englischunterricht zu tun ? ( bin Anglist )
      Ein paar Beispiele gefällig ? –
      – Der ohnedies wohlbekannte Hinweis darauf, bei Nichtverstehen des Hörtextes an einer erfragten Stelle nur ja bei multiple-choice-Antworten nicht nichts anzukreuzen, da man ja die Chance 1:3 hat, das Richtige beim Ankreuzen zu erwischen.
      – Den Schülern klar zu machen, dass sie, wenn eine Buchstabenreihe als Antwort einzusetzen ist ( A,B,C,D,…H ) und am Schluss ein Buchstabe übrigbleibt, dessen zugehörige Antwort völlig unwahrscheinlich ist, nur ja nicht diesen Buchstaben einsetzen sollen, sondern einen, den sie schon verwendet haben, weil der dann doch stimmen könnte und sie einen Fehler weniger haben …
      – Bei True/False/Not given Antworten ( Reading ) – die ja angeblich nicht mehr verwendet werden sollen – zu bedenken, dass die Antworten Not given deutlich weniger oft verwendet worden sind von den Aufgabenstellern und damit die Wahrscheinlichkeit sinkt, eine solche Not given-Antwort könnte richtig sein …

      Die Besessenheit, mit der da die Menschen vermessen werden, ist widerlich.
      Ganz abgesehen davon, dass etwa bei den Hörtexten schwachen Schülern oder auch sehr guten Schülern, denen die Fähigkeit, Hörtexte sehr gut zu absolvieren, fehlt ( Einzelschwäche ), sehr bald bei entsprechendem Üben klar wird, dass sie diese Fähigkeit nur sehr, sehr schwer verbessern können – die Frustration steigt bei beiden Gruppen deutlich !!!
      Kotzig, dieses Hintrimmen auf diese Testformate !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

      • Gegen solch starke Emotionen lässt sich schwer argumentieren, aber ein Argument kann ich nicht unkommentiert stehen lassen: Es stimmt einfach nicht, dass sich Hörverstehen nur „sehr, sehr schwer“ verbessern lässt. Es ist meiner Erfahrung nach genauso leicht oder schwer zu erlernen wie die anderen Bereiche, manche brauchen mehr Übung, manche eben weniger.

        Und selbst wenn doch: sollte man einen ganz essentiellen Bestandteil der Sprachkompetenz nicht beurteilen nur weil manche sich damit schwer tun? Dann erreichen diese sonst sehr guten Schüler in diesem Bereich eben weniger Punkte als in anderen, wo liegt da das Problem? Hörverstehen macht ein Fünftel der Gesamtbeurteilung aus, da ist selbst bei einer deutlich negativen Leistung jederzeit noch ein „Sehr Gut“ in der Gesamtbeurteilung möglich.

  2. Danke an Anna S. für den Kommentar, das erspart mir jetzt sehr viel Tipparbeit. Volle Zustimmung!

    Was ich noch ergänzen möchte: die Standardüberprüfungen waren ursprünglich als reines Systemmonitoring geplant, mit Stichproben der Schülerpopulation am Ende der Abschnitte. Die Testung aller SchülerInnen mit persönlicher Rückmeldung an jeden Einzelnen ist meiner Meinung nach eine Schnappsidee von der ich nicht weiß, wer sie hatte. Dafür passt der Testtermin wie beschrieben nicht optimal, dafür war der Termin aber auch nie gedacht.

    Die „harsche Kritik der Englischlehrer“ kann ich nicht nachvollziehen. Die Testformate ähneln stark den international seit Jahrzehnten geläufigen und zahllose Male verbesserten Aufgabenstellungen. Müssen wir in Österreich wirklich immer alles besser wissen als andere, am besten aus „Bauchgefühl“ und „gesundem Menschenverstand“ heraus, ohne irgendwelche Belege aus der Forschung?

    Die Aufgabenstellungen der Zentralmatura testen Fähigkeiten, die die SchülerInnen für ihre Zukunft in der Fremdsprache tatsächlich brauchen auf faire und nachvollziehbare Weise. In Aufgabenstellungen, die SchülerInnen zwingen in sinnvoller (!) Kürze konkrete Fragen richtig zu beantworten, den Untergang des Abendlandes zu sehen, ist schon ein starkes Stück weltfremder Prophezeiung.

    Wenn Hörverständnis nur mit Hörtexten in perfekter störungsfreier Studioqualität (und am besten noch völlig akzentfrei) trainiert und geprüft wird, darf ich mich nicht wundern, wenn die SchülerInnen dann mit Englisch im Alltag Probleme haben. Wie durch realitätsnähere Aufnahmen großer Schaden entsteht, konnte mir noch niemand plausibel erklären. Bei den dutzenden Hörtexten zur neuen Matura die ich bis jetzt gehört habe, war kein einziger dabei, bei dem störende Geräusche auch nur in der Nähe von antwortrelevanten Inhalten waren.

    Sehr in der Luft hängt für mich auch das Zitat zu „endless testing“ im Zusammenhang mit Standards und vor allem der neuen Reifeprüfung. Ich fände es durchaus überlegenswert die Matura generell abzuschaffen – aber das ist ein Argument, das ich eher von links kenne und wird hier wohl nicht gemeint sein. Dass die SchülerInnen der 8. Schulstufe in einem Fach eine Testung machen ist also schon endloses Testen? Die Matura ist ja schließlich keine ganz neue Erfindung…

    • Peter Trenker

      Mein Kommentar will lediglich grundsätzliche Gedanken beitragen (ich bin kein Anglist).
      Sie schreiben:
      „Die Testformate ähneln stark den international seit Jahrzehnten geläufigen und zahllose Male verbesserten Aufgabenstellungen.“
      – naja, das ist kein Qualitätskriterium. Warum möchte sich dann Portugal just an unserem Schulsystem orientieren, um die Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen?

      „Müssen wir in Österreich wirklich immer alles besser wissen als andere, …“
      – Ja. Der Onkel meines 80ig-jährigen Onkels (der Vergleich geht also jedenfalls bis ins 19. Jhd. zurück) hat die Unterschiedlichkeit der Kinder/Menschen mit der Unterschiedlichkeit der Finger demonstriert (da gibt es auch keine zwei gleichen).
      Die Frage ist daher berechtigt: Cui bono? Wem nützen weltweit uniformierte Standardtests? Wer entscheidet, was für alle Menschen gleichermaßen zu gelten hat und welchen Vorteil haben dann diese Menschen von der Uniformierung? Profitiert unsere Gesellschaft eher von Bildungsmonokulturen oder von der Bildungsdiversität? Ist Uniformität vielleicht sogar demokratiepolitisch gefährlich?
      Eine gewisse Vergleichbarkeit ist zweifellos wichtig und bereits jetzt durch das Notensystem gegeben. Es ist allerdings unlauter und falsch, wenn jemand behauptet, dass entsprechende Posten ausschließlich aufgrund des Maturazeugnisses vergeben werden. Das ist bereits jetzt nicht der Fall und wird sich durch eine angeblich „objektive“ Zentralmatura nicht ändern.
      Und daher bin ich für Subsidiarität. Ich kenne meine Kinder und ihre Bedürfnisse in wesentlichen Bereichen besser als deren Lehrer, die wiederum besser als die Frau Unterrichtsminister, jene wiederum besser als die EU u.s.w. Und deshalb können auch wir Lehrer durch individuelle Beurteilungen die Kompetenzen unserer Schüler in der Regel besser einschätzen als dies durch zentralistische Testverfahren jemals möglich ist, die immer nur eine Momentaufnahme sind, niemals den zu prüfenden Menschen im Blick haben, sondern nur den Mythos „Objektivität“.

      Die reine Objektivität ist auch deshalb ein Mythos, weil
      – es die klinisch reine Vergleichbarkeit nicht gibt
      – weil die Schüler Subjekte sind und nicht Objekte, für die man einen einheitlichen Qualitätsstandard (nicht Mindesstandard!) festlegen kann, wie für Werkstoffe.
      – weil es Menschen sind, also Subjekte und nicht Objekte, die forschen, Fragen erstellen, entscheiden…

      „(…) am besten aus “Bauchgefühl” und “gesundem Menschenverstand” heraus, ohne irgendwelche Belege aus der Forschung?“
      – Sie unterstellen, dass die Kritiker „ohne irgendwelche Belege aus der Forschung“ agieren („argumentieren“ wäre wohl nicht passend). Das ist eine ziemlich heftige Unterstellung. Das Gegenteil ist leicht beweisbar.

      „Die Aufgabenstellungen der Zentralmatura testen Fähigkeiten, die die SchülerInnen für ihre Zukunft in der Fremdsprache tatsächlich brauchen (…)“
      – eine mutige Behauptung (gilt diese für alle Zeiten und die ganze Welt? Semper et ubique?)

      „(…) auf faire und nachvollziehbare Weise.“
      – das klingt danach, dass Sie (Sie dürfen das ruhig persönlich nehmen;-) bis jetzt ohne Zentralmatura unfair geprüft haben.
      Meine Lehrer, bei denen ich vor 30 jahren zur Matura angetreten bin, haben damals keine Zentralmatura nötig gehabt um mich fair zu prüfen. Aber damals stand wahrscheinlich auch mehr der Mensch in seiner Gesamtheit im Mittelpunkt und nicht ein Mythos, der sich „Objektivität“ nennt….

      • Vielen Dank für Ihre Antwort zu meinem Kommentar. Erlauben Sie mir einige Anmerkungen dazu.

        1) Nein, dass Formate international üblich sind ist nicht per se ein Qualitätskriterium. Allerdings ist es genauso unerheblich ob ein Land jetzt das österreichische Schulsystem kopieren will. Worauf ich hinauswollte war, dass Länder wie England seit Jahrzehnten viel Zeit und Geld investiert haben um reliable Testmethoden zur Ermittlung der englischen Sprachkompetenz zu entwickeln. Wenn es jetzt darum geht die Prüfungskultur in Österreich zu verbessern, finde ich es durchaus angemessen auf diese Erfahrungen (und die zahllosen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu!) zurückzugreifen.

        2) Den Wert der Objektivität bzw. was man darunter versteht und wie gut eine solche zu erreichen ist, kann man natürlich diskutieren. Als naturwissenschaftlich geprägter Mensch bewege ich mich gern auf dem Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Und hier lese ich die Forschungsergebnisse ganz klar so, dass ein Bewerten von SchülerInnen nach möglichst objektiven Kriterien reliablere Ergebnisse liefert als eine Bewertung „aus dem Bauch heraus“, womöglich noch von der gleichen Person, die die SchülerInnen zuvor unterrichtet hat.

        3) Cui bono? Die SchülerInnen, finde ich. Sie profitieren in meinen Augen von möglichst vergleichbaren, reliablen Kompetenzmessungen. Dass es (gerade im Ausland) auch eine höchst profitable Testindustrie mit eigenen Interessen gibt, darf man natürlich nicht verschweigen. Aber ich finde hier überzogene Kritik genauso unangemessen wie z.B. gegenüber der Pharmaindustrie. Ja, sie arbeiten profitorientiert, aber sie verbessern dabei auch das Leben zahlloser Menschen.

        4) Ja, ich unterstelle vielen Lehrern nicht daran interessiert zu sein nach möglichst objektiven und vergleichbaren Kriterien zu beurteilen. Auch das ist leicht zu beweisen.

        5) Ja, in meinen Augen testet die Zentralmatura in Englisch zum Beispiel deutlich aussagekräftiger und reliabler die zukunftsrelevante Sprachkompetenz der SchülerInnen als die bisherige Maturaprüfung.

        6) Das nehme ich durchaus persönlich, aber vielleicht auf andere Weise als Sie es gemeint haben: Ja, ICH habe bevor ich mich mit den Bildungsstandards für die Unterstufe und der neuen Reifeprüfung beschäftigt habe deutlich ungerechter beurteilt als heute. Ich habe zu viel Wert auf Aspekte der Sprache wert gelegt die nur wenig zur Sprachkompetenz beitragen und dabei andere Aspekte vernachlässigt. Ich habe Texte und Sprechproduktionen zu wenig nach ihrem kommunikativen Wert und zu stark nach anderen Kriterien beurteilt.

        Und um auch ein wenig aus der persönlichen Erfahrung als Schüler zu sprechen: ich wurde oft unfair und wenig nachvollziehbar beurteilt, wusste oft nicht, was mich bei einer Prüfung wirklich erwarten würde und welche Kriterien ich zu erfüllen habe. Denn wenn mir ein Lehrer sagt, er möchte mich als „Mensch in meiner Gesamtheit“ beurteilen, empfinde ich das als gefährliche Drohung und große Anmaßung.

  3. Ich habe den Eindruck, manche KommentatorInnen haben Teile meines Postings falsch verstanden. Die Ausdrücke „endless testing“ bzw. „Testwahnsinn“ sind – wörtlich bzw. sinngemäß – dem Artikel von Erika Christakis entnommen. Ich warne vor US-amerikanischen Verhältnissen in Österreich, ich konstatiere sie (noch) nicht.
    In Texas versucht nun sogar die Politik, dem Testunwesen ein Ende zu bereiten:
    „Testing companies are in the business of making a profit, but let’s not confuse their mission — their mission is to create as many tests as they can and then grade them at as little cost as possible,” the chairman of the Senate Education Committee, Dan Patrick, Republican of Houston, said Tuesday at a hearing on a comprehensive education bill that would reduce the number of high-stakes tests students must pass to graduate. (Quelle: Morgan Smith, Seeking to Pare Standardized Tests, Legislators Take Aim at Testing Firm. In: The New York Times Online vom 20. April 2013.)

    • Anna S.

      Es ist gut möglich, dass in Texas zu viel getestet wird, ich bin allerdings nach wie vor der Meinung, dass man in Österreich nicht von endless Testing sprechen kann – zumindest nicht, wenn es um externe Tests geht.

      Diskutieren könnte man allerdings, ob die Testeritis mancher Lehrer/innen im Unterricht gerechtfertigt ist. Wir haben jedenfalls schon festgestellt, dass fachfremde Kolleg/innen so manchen Test nicht positiv bewältigen hätten können. Hier würde man dann weniger von einem „teaching to the test“ sprechen, denn von einem „learning for the test“ aus Schülersicht.

      Inwieweit die österreichweiten Tests zu einer Qualitätssteigerung im Schulwesen beitragen, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, was man mit den Ergebnissen macht. „Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fett“ – der Vergleich hat etwas. Vom Fiebermessen wird man genauso wenig gesund wie von Vorsorgeuntersuchungen. Aber Hinschauen ist ein wichtiger Schritt, der den Lehrerinnen und Lehrern auch Bestätigung geben könnte, dass sie auf einem guten Weg sind Aber einlassen muss man sich darauf.

      Spannendes Thema – ich lese gerne hier mit.

    • Ja, aber warum diese Beispiele aus den USA, wenn sie absolut nichts mit der österreichischen Realität zu tun haben?

      Als Schüler hatte ich noch drei Schularbeiten pro Semester und Schularbeitenfach, dazu jede Menge Tests in allen anderen Fächern. Am Ende eine Matura mit zahlreichen mündlichen und schriftlichen Fächern. Alles „high-stake exams“, die über das persönliche Fortkommen in der Schule entschieden.

      Heute haben SchülerInnen 1-2 Schularbeiten pro Semester und Schularbeitenfach und die Zahl der Tests hat sich deutlich reduziert (zumindest soweit ich das aus meiner Sicht als Klassenvorstand beurteilen kann). Am Ende der Sek II dann eine Matura mit weniger Fächern und standardisierten Formaten, die uns endlich von diesem unprofessionellen „jeder prüft wie er will“ wegbringt, das Noten absolut unvergleichbar macht.

      Dazugekommen ist hingegen nur ein einziges „low-stakes exam“, das keinerlei Auswirkungen auf das schulische Weiterkommen hat, in einem einzigen Fach, am Ende eines einzigen Schuljahres in der Sek I.

      Wo ist diese befürchtete Testschwemme, vor der so dringend zu warnen ist? Mit Fakten lässt sich diese Panikmache einfach nicht belegen.

  4. walther stuzka

    werter kollege quin.
    die quintessenze finde ich immer toll zusammengetragen und kommentiert –
    aber: so wie viele publikationen diverser standesvertretungen ist
    sie leider immer nur eine zusammenschau meist bedauerlicher
    entwicklungen. damit präsentieren wir uns zwar als kenner und überblicker
    der sachlage, handeln uns aber schnell den titel der lamentierer, manchmal
    auch jenen der blockierer ein, ohne wirklich (pro)aktiv zu werden bzw. zu
    sein.
    konkret heute: alle sind mit den testformaten unzufrieden aber
    niemand steht auf und wehrt bzw. weigert sich.
    schön zu lesen, dass Sie Time-Online lesen, und Ihnen – wenn auch nur
    virtuell ein artikel in die „Hände“ fällt, in dem eine gewisse Erika
    Christakis in den fernen usa zu zivilem ungehorsam aufruft.
    was aber ändert sich damit für uns? wo sind unsere ideen? wo bringen wir
    uns – außer mit kritik – ein.
    konkret: testung 4. klassen – ergebnisse im herbst. vielen an der „front“
    ist die problematik klar. niemanden werden die resultate im herbst interessieren. da haben wir andere aufgaben.
    alle haben brav und angepasst mitgemacht. die standesvertretungen
    argumentieren schmollend, besserwissend aber tatenlos: „Die Politik hat“ –
    die Kritik – „leider aus ideologischen Gründen überhört und ignoriert.“

    warum haben wir nicht unsere eigene testung zu dem zeitpunkt, zu dem es
    uns – ja uns lehrern, uns experten, uns in der klasse stehenden – genehm
    wäre, selbst eingeführt? so z. b. könnten wir(!) das heft des handelns in die
    hand nehmen und nicht immer nur klagen und schreiben, dass uns „experten“ vorgaben machen.

    in der hoffnung auf verständnis für meine ev. zu harte kritik und
    mit dem wunsch, dennoch ihr abonnent bleiben zu können, verbleibt mit
    freundlichen grüßen, w. stuzka, neulandschule, 910026

    • Anna S.

      Was mir in diesem Statement sehr gefallen hat, ist der Aufruf zu Taten als Konsequenz einer Kritik. Danke dafür.

      Etwas Widerspruch wurde trotzdem wach:

      W. Stuzka schreibt:
      konkret: testung 4. klassen – ergebnisse im herbst. vielen an der “front”
      ist die problematik klar. niemanden werden die resultate im herbst interessieren. da haben wir andere aufgaben.
      ***************
      Das ist Geschmacksache:
      Mir ist eine seriöse Auswertung ein paar Monate später lieber als eine fehlerhafte Husch-Pfusch-Auswertung. (Allerdings gebe ich auch gerne zu, dass eine schnelle Auswertung nicht unbedingt fehlerhaft oder schlecht sein muss).

      Als Lehrer hat man im Herbst doch auch nicht wesentlich andere Aufgaben, eine Rückmeldung, die zeigt, in welchen Bereichen meine Schüler gut abgeschnitten haben und wo sie möglicherweise Schwächen hatten, kann mir doch auch noch im neuen Schuljahr für meinen aktuellen Unterricht Hinweise geben.

      • KG

        Seriöse Auswertung ? –
        In einem der Vorbereitungskurse für die Aufsicht haltenden Lahrer wurde bemerkt, dass die Fehlerquelle bei den Auswertungen der Englischstandard-Überprüfungen bei 10 % liegen kann.
        So was sollte ich mir bei einer Schularbeit leisten.

      • Anna S.

        @Kg (Darf ich das im Net übliche „du“ verwenden?)
        Ich kann nicht direkt auf dein Posting antworten, hat wohl den (berechtigten) Grund, dass die Diskussionen nicht ausarten. Ich hoffe, der Autor dieser Seiten erlaubt mir trotzdem eine Antwort:
        ******
        Seriöse Auswertung ? –
        In einem der Vorbereitungskurse für die Aufsicht haltenden Lahrer wurde bemerkt, dass die Fehlerquelle bei den Auswertungen der Englischstandard-Überprüfungen bei 10 % liegen kann.
        So was sollte ich mir bei einer Schularbeit leisten.
        ******
        (…Bist du dir sicher, dass ein Befriedigend (Gut, Sehr gut…), das du bei einer Schularbeit gibst, österreichweit halten würde? Untersuchungen zeigen da deutlich größere Abweichungen als 10 Prozent…)

        Die Aussage scheint mir ein typisches Beispiel für Stille Post, wo unreflektiert Behauptungen weiter gegeben werden.

        Ich kann mir nur erklären, dass der betreffende Kollege entweder nicht richtig aufgepasst oder nicht richtig verstanden hat. Warum soll bei der Auswertung von einem Test, der zu einem großen Teil aus Auswahlfragen besteht, fehlerhaft sein?

        Vielleicht ist hier das Vertrauensintervall bei der Auswertung gemeint? Dabei handelt es sich um einen statistischen Begriff, der den Wertebereich umfasst, in dem die wahre Leistung mit 90prozentiger Sicherheit liegt. Natürlich ist dieser Bereich deutlich präziser als die fünfteilige Notenskala in der Schule.

        Wenn sich jemand aus ernsthaftem Interesse und als Diskussionsgrundlage informieren möchte: Hier findet sich eine Musterrückmeldung für die Ergebnisse aus Mathematik mit vielen Informationen. Ich nehme an, sie sind in weiten Teilen auch für Englisch gültig:

        https://www.bifie.at/system/files/dl/BIST-UE_RM_Musterschulbericht_TeilI_20121205.pdf

        Schöne Grüße

    • Ich denke, ich kann einen guten Grund dafür geben: Weil in Österreich viele gern motzen, aber nur die wenigstens eine Ahnung von den Dingen haben, die sie kritisieren.

      Es sind auf jeden Fall nicht „alle“ mit den Formaten unzufrieden: Wenn ich mit KollegInnen rede, die sich mit der Materie beschäftigt haben, ist die vorherrschende Emotion eher Verwunderung, dass an Österreichs Schulen soviel Professionalität möglich ist.

  5. Gerhard Riegler

    Zweifelsohne sind wir in Österreich erst am Beginn einer Systemumstellung, die ein erhebliches Gefahrenpotenzial in sich birgt. Andere Staaten sind uns bei dieser Umstellung um Jahrzehnte voraus.
    Ich empfehle, dazu den Beitrag „Der genormte Schüler“ in der Furche vom 18.April zu lesen. Es ist vor diesem Hintergrund wohl die Aufgabe von uns Lehrkräften als Insidern, vor derartigen Fehlentwicklungen rechtzeitig und nachdrücklich zu warnen.

    • Anna S.

      Ja, ich denke auch, dass etwas Bewegung in die Entwicklung gekommen ist und auch ich halte es für wichtig, dass die Betroffenen (Lehrkräfte, Schulleitung, …) hinschauen. Mir fällt nur auf, dass gerade in Österreich jede Neuerung als Bedrohung gesehen wird, ohne, dass sich die „Schreier“ Mühe machen, genauer hinzuschauen, dass oft nur nachgebetet wird, was jemand in die Welt gesetzt hat. Ich vermute, dass undefinierte Ängste ein Grund sind.

      Wenn schon in der Politik sofort gemauert wird, wenn eine andere Farbe eine Idee hat, dann sollten wenigstens die Lehrerinnen und Lehrer innovativ werden.


      Ist Deutschland wirklich viel anders?

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